Der dritte Weg zum guten Leben

Ist die Ă–kologie eine Korrektur des Kapitalismus? Oder ein Gegenentwurf?

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Von
  • Matthias Urbach

Alles redet derzeit vom Klimaschutz. Ökos gelten plötzlich wieder als hellsichtig, nicht länger als uncool. Der menschengemachte Treibhauseffekt – unter Forschern seit fast einem Jahrzehnt ein Faktum – wird inzwischen von niemanden (wichtigen) mehr geleugnet. Selbst am Stammtisch wird inzwischen über Windkraft und Biomasse als Lebensversicherung für unsere Kinder philosophiert. Aber reicht das?

Michael Müller und Reinhard Loske waren als umweltpolitischer Sprecher von SPD und Grüne während der rot-grünen Koalition wichtige Architekten der damaligen Umweltpolitik. Die beiden versuchen nun, jeder auf seine Art, die Debatte weiterzudrehen. „Die kapitalistische Philosophie des ‚Mehr, schneller und weiter’ ist am Ende“, urteilte etwa Müller, heute Umweltstaatssekretär, vergangene Woche in der taz. „Wir müssen eine neue Kulturform entwickeln, eine Kultur des qualifizierten Wachstums."In der extremen Arbeitsteilung der modernen Gesellschaft vom Hedgefondmanager bis zum Werber sei „jeder in seinem Fach extrem gut“, aber immer seltener werde die Frage gestellt: Was steckt dahinter? „Die Rationalität der Gesamtentwicklung geht verloren."In der Tradition der Linken stellt Müller hier die Frage nach dem dritten Weg.

Ebenfalls in der taz legte diese Woche der grüne Umweltstratege Reinhard Loske nach und beklagte den „Konsumismus, dem Anhäufen von Gütern als Substitut für Sinn“. Alle Windräder, Holzpelletheizungen und Hybridautos würden uns nicht retten, „wenn wir uns länger um die Lebensstilfragen herumdrücken“. Der Konsumismus sei die größte Gefahr für das Klima. Während Müller vor allem die Problemlösungsdefizite unserer kapitalistischen Welt betont, beschreibt Loske, nicht ohne Ironie, seine Raffinesse: „So wie er Natursehnsucht in Outdoorkleidung und Geländewagen transformiert, so verwandelt er Konsumkritik in (fertig) zerschlissene Hosen, coole T-Shirts und Buchbestseller.“

Loske und Müller legen den Finger auf die Wunde. Das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft war und ist: Wir haben jedes Jahr etwas mehr zu verteilen – und deshalb braucht sich niemand zu beklagen, auch wenn einige wenige sehr viel mehr haben. Die Sozialdemokratie hat sich stets über die Verteilung des Mehrs definiert. Umso schlimmer ihre Nöte, seit mit Harz IV diese Gesetzmäßigkeit unter Rot-Grün erstmals infrage gestellt wurde. Das „immer mehr" aber stößt zwangsläufig an die Leitplanken, die die Belastbarkeit der Erde markieren. Selbst wenn es ökologische Lösungen gibt, muss doch regelmäßig mit einem „Überschießen des Systems"(Dennis Meadows), oder um im Bild zu bleiben, mit einem Durchbrechen der Leitplanken gerechnet werden. So sieht es nun auch beim Treibhauseffekt aus.

Trotzdem bleibt die Frage, ob der „dritte Weg“, nach dem Loske und Müller suchen, tatsächlich begehbar ist. Schon unter den rot-grünen Koalitionspolitikern waren die beiden mit solchen Kritiken krasse Außenseiter. Und trotz der aktuellen Umweltbetroffenheit, deutet nichts auf eine Suche nach dem dritten Weg oder einen neuen Kulturkampf um „das gute Leben"hin, wie ihn sich Loske und Müller wünschen.

Es ist gerade die Stärke unserer Gesellschaft, Fragen des Lebensstils den Individuen zu überlassen. Darauf beruht ihre Stabilität. Die prinzipielle Freiheit des Marktes (in der Praxis sieht es, siehe die Energiekonzerne, zuweilen weniger frei aus) macht die Wirtschaft enorm innovativ – und fähig, schnell Lösungen zu entwickeln. Man denke nur an die Erfolgsgeschichten im Kampf gegen sauren Regen oder FCKWs. Gesellschaften, in denen die Politik die Wirtschaft zu kontrollieren versuchte, haben sich jedenfalls bislang nicht durch eine besonders umweltfreundliche Produktion ausgezeichnet.

Tatsächlich liefert die Marktwirtschaft das optimale Instrument, den Preis: Der „ökologische Rucksack"eines Produkts ließe sich leicht einpreisen. Wenn die Dinge (im Laden) wirklich kosten, was sie kosten; wenn Preise die ökologische Wahrheit sagen würden, wäre viel gewonnen. Soziale Ungerechtigkeit kann man gut beheben mit Transferleistungen an arme Leute. Töricht aber ist es, wie jetzt bei der Debatte um die Kfz-Steuer gefordert, das Auto anstatt die Hilfsbedürftigen selbst zu subventionieren. Mit dieser Logik lässt sich jede Politik zerreden.

Sicher ist es immer richtig, nach dritten Wegen Ausschau zu halten. Auch stimme ich Loske zu, dass der Konsum nicht zum Sinnstifter verkommen darf. Und natürlich muss die Politik immer wieder korrigierend eingreifen gegen die Übergriffe der Ökonomie in unsere Lebensführung (sei es, um das Leben mit Kindern vernünftig möglich zu machen oder die Zerstörung der Umwelt zu verhindern). Aber Umweltpolitik war immer dann besonders schwach, wenn sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, mit dem Verweis auf die Endlichkeit der Erde die Bürger mit moralischen Geboten zu überziehen. Einen Konflikt mit einer weiteren Religion können wir gerade nicht gebrauchen. (wst)