Dr. Seltsam gibt Nachhilfe
Mehr Unsicherheit bei wissenschaftlichen Aussagen könnte, auch wenn das paradox klingt, unsere Welt etwas sicherer machen.
Als ich gestern Götz Neuneck interviewt habe, ist mir wieder mal klar geworden, wie Gaga diese hochtechnisierte Welt eigentlich ist: Unser Innenminister prophezeit das früher oder später unweigerlich kommende Szenario eines Terrorangriffes mit atomaren Waffen, während sich seine politischen Freunde dafür ins Zeug legen, dass auch weiterhin fleißig spaltbares Material produziert wird. Wäre es zu zynisch – habe ich mir gedacht – nun zu fragen, wann der Mann auch noch auf offener Bühne anfängt wieder zu gehen? Aber zu spät, der Gag ist gewissermaßen bereits verbrannt – wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt so sagen darf...
Ein bemerkenswerter Artikel in der aktuellen Ausgabe von Science hat mir jedoch klar gemacht, dass möglicherweise weniger Wahnsinn hinter dieser scheinbar schizophrenen Haltung steckt, als vielmehr Unverständnis: Die Autoren beklagen am Beispiel des Klimawandels, dass die Suche nach dem großen Konsens in der Zusammenfassung für Politiker die Dinge zu sehr vereinfacht. Die Idee lässt sich verallgemeinern: Dr. Seltsam als Nachhilfe-Lehrer sozusagen, denn man kann nun wirklich nicht davon ausgehen, dass Juristen und Politiker das Prinzip von grobem Konsens und laufenden Programmen nicht in den falschen Hals kriegen.Statt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, sollten die Wissenschaftler den Politikern lieber beibringen, was zur Hölle Fehlerbalken bedeuten und was eigentlich mit diesen ominösen Wahrscheinlichkeiten auf sich hat. Mehr Unsicherheit bei wissenschaftlichen Aussagen könnte, auch wenn das paradox klingt, unsere Welt etwas sicherer machen. (wst)