Das Hohelied der Automobilität

Autoshows weltweit dienen oft dazu, trotz aller Umwelt- und Klimaprobleme PS-Träume zu wecken. Die japanischen Hersteller allerdings nutzen die Tokyo Motor Show auch, um Mobilitätskonzepte der etwas anderen Art vorzustellen.

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Von
  • Martin Kölling

PS-Monster und Luxuskarossen wird es auf der Tokyo Motor Show in zwei Wochen natürlich auch zu bewundern geben. Aber Japans Hersteller nutzen die Autoschau daheim gewöhnlich auch, um einige verrückte Auto-Ideen in die Luft zu werfen und zu schauen, welche fliegt. Das Interessante bei der diesjährigen Messe ist, dass einige Hersteller Studien mit dem Thema neue Mobilitätskonzepte aus vergangenen Jahren weiterentwickelt haben und damit deutlich zu erkennen geben, dass sie in ihren Entwürfen potenzielle Produkte erahnen. Ganz offensichtlich wollen die japanischen Hersteller die Idee von der automobilen Mobilität (und damit die Hauptquelle ihrer Einnahmen) gegen alle Angriffe wie steigende Ölpreise und Treibhausgasemissionen verteidigen.

Toyota beispielsweise wartet mit der inzwischen dritten Generation eines dreirädrigen Hochgeschwindigkeitsrollstuhls mit Neigetechnik auf, die wirkt, als ob sie demnächst im Laden neben Autos oder Motorrädern stehen könnte. I-real heißt das Gerät, dessen Vorfahren I-unit auf der Weltausstellung 2005 und I-Swing auf der Tokyo Motor Show 2005 schon auf sich aufmerksam machten. Der Prototyp kann schon heute mit batteriegetriebenen 30 Stundenkilometern durch die Gegend flitzen. In der Endstufe soll er 60 Stundenkilometer schaffen.

Dabei ist der I-real mit 70 Zentimetern nur so breit wie ein Standardrollstuhl. Zwei große Räder rahmen den Sitz ein, das dritte kleine steht nach hinten ab. Angeklappt richtet es den I-real auf, so dass der Kopf des Fahrers fast auf Augenhöhe mit Passanten angehoben wird. In diesem Modus ist nur schnelle Schrittgeschwindigkeit möglich. Doch auf Knopfdruck gleitet das Rädchen nach hinten und legt den Stuhl flach in den Wind. Und los geht das Rennen. Besonders Serpentinenfahrten versprechen, Spaß zu machen, weil sich das Gefährt dank Neigetechnik rasant in die Kurven legt. Und Fun verstärkend kommt noch dazu, dass sich das Dreirad dank Drive-by-Wire-Technik locker mit einer Hand über eine Art Joy-Stick steuern lässt. Die andere Hand hält den Kaffee.

Mir persönlich scheint der I-real der ideale Platz und Emissionen sparende Ersatz für die heutigen Pendlerautos zu sein. Und dass es im Prinzip fahrtüchtig ist, beweist es in Toyotas Tokioter Schaukasten Toyota Megaweb. Es fehle nur die Straßenzulassung, verrät ein Ingenieur. Bevor Toyota die einholt, wollen die Entwickler wohl noch zwei Probleme lösen: So haben die Erfinder sich noch nicht entschieden, wie sie mehrere I-reals zusammenkoppeln werden – elektronisch oder mechanisch. Und auch beim Verkaufspreis und den Vertriebswegen rätseln sie noch.

Rivale Nissan lässt derweil die zweite Generation seines Pivo vorfahren, der den Schrecken vieler Autofahrer – den Rückwärtsgang – ein für alle Mal zu vertreiben verspricht. Anstatt sich umzudrehen, dreht sich einfach die kugelige Kabine mitsamt ihren drei Sitzen. Auch Autofahrers Übel Nummer zwei – das Einparken – wird gelindert, indem sich die Räder um 90 Grad drehen lassen. Damit komme man überall hin, ohne sich über seine Fahrkünste sorgen zu müssen, verspricht ein Nissan-Ingenieur. Und dazu leistet noch ein Fahrassistent Gesellschaft, der den Fahrern den Gemüts- und Müdigkeitszustand vom Gesicht ablesen und dann entsprechend auf Japanisch und Englisch parlieren, wachrütteln oder zur Kaffeepause ermahnen kann. Auch der Pivo2 verspricht mit seinen 260 Zentimetern Länge und seinem spurtstarken Elektroantrieb massive Platz- und Emissionsersparnis auf den Straßen.

Addiert man dann noch die diversen Abstands-, Spurhalte-, Brems- und interaktiven Navigationssysteme scheint der Schritt zum eigentlichen Automobil, einem wirklichen Selbstfahrer (oder einem Fahrroboter), nicht mehr weit. Warum sollten nicht schon bald fahrerlose Taxis durch die Straßen gondeln, die man sich heranrufen kann, wenn man mal nicht Bahn oder Bus fahren will oder kann? Einsteigen, den Fahrroboter auf Handbetrieb umstellen und elektrisch beschleunigt wie elektronisch bemuttert losdüsen und dann das Fahrentgeld berappen. So könnte vielleicht die verschwenderische Selbstbesitz eines Automobils endgültig überflüssig werden, ohne dass die Menschen auf Automobilität verzichten müssten. (wst)