Intermodal ins Stadion
Individueller und öffentlicher Verkehr gehörten bisher zwei verschiedenen Welten an. Zur Fußball-Weltmeisterschaft wachsen sie endlich zusammen.
Fußball kann so einfach sein: Der Ball muss ins Tor und der Fan ins Stadion. Doch zu diesen Zielen führen viele Wege. Kaum jemand benutzt nur ein einziges Verkehrsmittel, um von A nach B zu gelangen. Zuschauer können beispielsweise mit dem Auto zur Park-and-ride-Station fahren und von dort den Bus zum Stadion nehmen. Oder mit dem ICE anreisen, in die UBahn umsteigen und das letzte Stück zu Fuß gehen. Oder sie lassen sich direkt vom Flughafen aus mit dem Taxi zur Arena bringen. „Intermodal“ heißen solche Reiseketten im Telematik-Jargon. Wer angesichts dieser Optionen die schnellste und bequemste Art der Anreise finden möchte, sollte das eine oder andere Semester Logistik studiert haben. Routenplaner, Navigationssysteme und Online-Fahrplanauskunft helfen da nicht weiter – sie sind auf ein Verkehrsmittel beschränkt. „Die Hürden zwischen den Verkehrsmitteln sind immer noch zu hoch. Dazu zählt neben physikalischen Hürden wie der Parkplatzsuche auch die Informationshürde“, sagt Elmar Pfannerstill, Professor für Verkehrstelematik an der Fachhochschule Erfurt.
Doch es naht Abhilfe. Pünktlich zur WM macht sich ein halbes Dutzend Projekte daran, den Verkehr auf Schiene und Straße genauer zu erfassen beziehungsweise miteinander zu verbinden: In Hannover etwa werden rund 250 Busse, Polizeifahrzeuge und Apothekenkuriere mit Sendern ausgestattet, die ihre Geschwindigkeit und Position über das Mobilfunknetz an die Verkehrsleitzentrale senden („Floating Car Data“). Dadurch können Staus genauer aufgespürt werden als über konventionelle stationäre Messfühler wie Induktionsschleifen und Infrarotsensoren. Die Daten werden kostenlos über den Traffic Message Channel, über den Autonavigationssysteme ihre Staumeldungen beziehen, verbreitet.
In Berlin werden im Rahmen des Projekts „Traffic Online“ Handys zu Staumeldern. Die Logik dahinter: Auf viel befahrenen Strecken wechseln auch viele Mobiltelefone mit großer Geschwindigkeit die Funkzellen. Tun sie dies nicht mehr und steigt die Zahl der Gespräche in einer Zelle sprunghaft an („Schatz, ich stecke im Stau, es kann etwas später werden“), lässt sich daraus auf einen Stau schließen. Zur WM startet Vodafone mit fünf Partnern ein Pilotprojekt auf Grundlage der anonymisierten Daten von rund 200 Basisstationen im Südwesten Berlins. Die so gewonnenen Informationen kommen der Verkehrsmanagementzentrale zugute, sagt Christian Birle, Senior Technology Manager bei der Vodafone Pilotentwicklung GmbH. Flankiert werden diese Maßnahmen während der WM durch Luftüberwachung. In Köln wird ein Zeppelin, in Berlin werden Flugzeuge und in Stuttgart Hubschrauber über den Verkehrsknotenpunkten kreisen. Anders als bei herkömmlichen Staufliegern sind bei diesen Luftfahrzeugen Kameras an Bord, die ihre Bilder an die Verkehrsleitzentrale senden, wo eine Software Staus automatisch erkennt, interpretiert und in das Verkehrsleitsystem einspeist.
Für den öffentlichen Verkehr schaffte das Projekt Delfi („Durchgängige Elektronische Fahrplaninformation“) eine Schnittstelle für die Verbindungsdaten der Bahn und sämtlicher deutscher Verkehrsverbünde. Auf der Fifa-Homepage können sich Besucher nun von Haustür zu Haustür führen lassen. Der erste öffentliche Routingdienst, der die Daten von Straßen- und Schienenverkehr bündelt, ist der „Ruhrpilot“. „Alle Kommunen und Verkehrsträger unter einen Hut zu bringen, ist eine Leistung, die es sonst im Bundesgebiet nicht gibt“, sagt Ruhrpilot-Projektleiter Ludwig Ramachers – schließlich sind am Ruhrpilot 14 Städte, drei Kreise und vier Verkehrsunternehmen beteiligt. Als Ergebnis wird am 30. Mai auf der Webseite www.ruhrpilot.de die Abfragemaske für die Routenplanung um eine unscheinbare Auswahlbox ergänzt. Der Nutzer kann dann anklicken, ob er den Weg für das Auto, für öffentliche Verkehrsmittel oder für eine Kombination beider berechnet haben möchte. In diesem Fall ermittelt die Software anhand der aktuellen Verkehrslage und der Parkplatzsituation, ob es Sinn macht, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, eine Park-and-ride-Station anzusteuern oder gleich die Bahn zu nehmen. Das Ganze ist, wie Ramachers betont, „hausnummernscharf“ und kann auch über onlinefähige Handys benutzt werden.
Denn was nützt die ausgeklügelte und -gedruckte Route aus dem Internet, wenn der ICE den Anschlusszug ver- passt oder der Ruhrschnellweg mal wieder komplett dicht ist? Zur WM umfasst der Dienst zunächst nur den Kernbereich um die Spielstätten in Gelsenkirchen und Dortmund. Bis Ende 2007, verspricht Projektleiter Ramachers, soll das gesamte Ruhrgebiet abgedeckt werden. Verspätungen der öffentlichen Verkehrsmittel sind in der ersten Phase ebenfalls noch nicht erfasst, sollen aber ergänzt werden. Ende nächsten Jahres sollen die aktuellen Straßendaten auch in eine von der Uni Duisburg-Essen entwickelten Simulation einfließen, die Verkehrsprognosen über bis zu 60 Minuten erlaubt. Eine Schnittstelle zu Navigationssystemen ist vorgesehen, dazu müssen aber noch entsprechende Serviceprovider als Partner gefunden werden.
Bei einem weiteren Verkehrsprojekt, „Transit“ vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik und fünf weiteren Partnern sowie einem chinesischen Konsortium, geht es vor allem um die Frage, welche Anwendungen sich auf Basis von intermodalen Verbindungsdaten stricken lassen. Zur WM startet ein Pilotlauf mit einigen Dutzend Teilnehmern. Anders als Ruhrpilot ist Transit darauf ausgelegt, mit mobilen GPStauglichen Endgeräten benutzt zu werden. Für Projekt-Koordinator Stefan Pfennigschmidt vom Fraunhofer-Institut ist das zumindest langfristig kein Problem: „GPS wird in immer mehr Handys enthalten sein.“
Wenn es so weit ist, dürfte GPS die intermodale Navigation erst so richtig zum Fliegen bringen. So kann der Nutzer sich stets vom selben Gerät leiten lassen, egal, ob er mit Bahn, Bus, Auto, Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Er legt zunächst ein persönliches Profil mit seinen Präferenzen und Abneigungen an – zum Beispiel gegen längere Fußstrecken oder unterirdische Bahnhöfe. Innerhalb dieser Eckpunkte leitet das System ihn dann zum Ziel – wenn gewünscht, auch bis zum richtigen Sitzblock im Stadion. Da das System seine genaue Position kennt, kann es den Nutzer sogar alarmieren, wenn es Zeit wird, sich auf den Weg zu machen. Die Benutzeroberfläche passt sich dem jeweiligen Verkehrsmittel an. So werden bei der Autonavigation die klassischen Richtungspfeile angezeigt, in der U-Bahn die nächsten Stationen. Besonders in der Hoffnung auf einen Einsatz bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 haben die Fraunhofer-Forscher ein Feature für Fußgänger entwickelt: Bilder von prägnanten Gebäuden werden auf dem Bildschirm gemeinsam mit einem Richtungspfeil gezeigt. Wer also in Köln ankommt und in die Hohe Straße möchte, sieht ein Bild der Nordfassade des Doms auf seinem Handy-Bildschirm nebst dem Hinweis, rechts daran vorbeizugehen. Das erspart die Entzifferung von Hinweistafeln in fremder Schrift. Welche dieser Features praktikabel sind und sich später tatsächlich umsetzen lassen, soll das Pilotprojekt zur WM klären. Oberstes Ziel dabei ist jedenfalls, die Navigation genauso einfach wie Fußball zu machen. (wst)