ZurĂĽck in die Zukunft
Der TR Online-Jahresrückblick (Teil 1): Blättern Sie mit uns zurück - und denken Sie nach vorne. Perspektiven, Möglichkeiten, Entdeckungen und Versprechungen des Jahres 2006 aus TR-Online.
Zum Jahresende wird man von allen Mediengattungen mit Jahresrückblicken bombardiert: Die Lokalzeitung lässt die Geschehnisse vor der Haustür Revue passieren, die Nachrichtenmagazine widmen sich der großen Politik und die Boulevard-Blätter den Eskapaden der so genannten Prominenz. Wir sind in der glücklichen Lage, mit unserem Jahresrückblick jedoch gleichzeitig eine Art Vorschau zu liefern: Blättern Sie mit uns zurück - und denken Sie nach vorne. Perspektiven, Möglichkeiten, Entdeckungen und Versprechungen des Jahres 2006 - kurz, die interessantesten Artikel aus TR-Online. Hier der erste Teil.
Januar
Eliza ist eine Legende: Die KI-Simulation des Computerpioniers Joseph Weizenbaum foppte zahlreiche Benutzer und brachte sie zum Reden. In einem TR Online-Beitrag beschäftigten wir uns mit Chatbots 40 Jahre nach der Psycho-Plaudertasche aus dem Computer.
Wie kann man mit Stammzellen arbeiten, ohne die ethische Büchse der Pandora zu öffnen, weil dabei Embryonen zerstört werden? Ganz einfach: Man versucht, Stammzellen auf anderem Weg zu gewinnen. Dies soll nun gleich zwei Arbeitsgruppen bei erwachsenen Mäuseweibchen und aus Brustgewebe gelungen sein, berichteten wir am 6. 1. In wie weit sich diese für alle möglichen Anwendungen nutzen lassen, muss sich noch zeigen.
Im Freud-Jahr musste zudem die Frage erlaubt sein, wie sehr die analytischen Prozesse des Meisters heute noch gelten. Mit Hilfe bildgebender Verfahren lassen sich einige der Theorien nun endlich direkt im Gehirn ĂĽberprĂĽfen. Ergebnis: Manche stimmen, manche nicht.
WLAN und VoIP waren auch 2006 ein wichtiges Thema. So genannte WLAN-Handys kombinieren beide Trends. TR-Autor Simson Garfinkel hat ein solches im Januar getestet – und kam zu dem Schluss, dass sich "das alte Geschäftsmodell der Telefonfirmen drastisch verändern" werde, wenn diese disruptive Technik sich weiter durchsetzt.
Auch in der PC-Branche tut sich was. Apple brachte im Januar erstmals Rechner mit Intel-Chip heraus, auf denen mit Hilfe eines Software-Tricks später auch Windows lief. Wie wird Microsoft reagieren?
Februar
Der Portal-Betreiber Yahoo ist hinter Google der ewige Zweite. Wie sich das ändern soll, erklärte Brad Horowitz, verantwortlich für die Desktop-Suche des Anbieters, im Interview mit TR Online. Geholfen hat es bislang allerdings noch nichts.
Immer mehr Menschen in den Industrienationen leiden an Übergewicht – mit allen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Forscher an der University of Wisconsin prüften, ob Fettleibigkeit eine ansteckende Krankheit ist. So verrückt das klingt: Bei Hühnern fanden sie erste Anzeichen. Allerdings ist diese "Ansteckung", für die man sogar einen Impfstoff entwickeln könnte, nur von kurzer Dauer. Ansonsten bleibt nur die Erkenntnis: Wir essen zu viel.
Batterietechnik war 2006 ein im wahrsten Sinne des Wortes heißes Thema – nicht nur, weil gleich mehrere große Laptop-Hersteller Millionen Akkus zurückrufen mussten, die potenziell brandgefährlich waren. Forscher des Start-ups Firefly wollen nun den guten alten Bleiakku wiederbeleben.
Die so genannte Netzneutralität stellt seit Beginn des Internet sicher, dass Daten im Internet frei fließen können. Verschiedene Telekom-Unternehmen auch in Deutschland wollen nun allerdings, dass Inhalteanbieter für den Kundenzugang zahlen – Google beispielsweise. Dass das ein falsches Konzept ist, dass das ganze Netz bedroht, urteilten wir in einem TR-Kommentar.
März
Nachdem die Vogelgrippe im Frühjahr auch nach Deutschland kam, gab Hans-Dieter Klenk, Leiter des Instituts für Virologie in Marburg, ein Plädoyer zur Impfung von Tieren ab. Edda Grabar berichtete in TR Online darüber – auch über die Gründe, warum die Bundesregierung dagegen war.
Die Krebsbekämpfung mit Nanotechnik regt bei vielen Wissenschaftler die Fantasie an. Kleine Kugeln aus Silizium und Sauerstoff, so genannte Nanozyten, könnten als Diagnosewerkzeug und Therapiemethode dienen. Allerdings, schrieben wir im März, ist die Wissenschaft vom Idealfall noch weit entfernt – und die Forschung ist teuer.
Die Angst vor dem Klimawandel erfasst auch in Deutschland die Menschen. Der australische Biologie Tim Flannery beschreibt in seinem Buch "Wir Wettermacher", wie wir tagtäglich in die natürlichen Abläufe eingreifen. Im Interview mit TR Online sah er ein Gesamtbild des Klimawandels, das "immer alarmierender" sei. Das Kioto-Protokoll habe viele Fehler, sei aber das einzige internationale Instrument, das verfügbar sei.
Nanomaterialien wandern inzwischen auch in die Kleidung. Forscher an Cornell University und UC Davis präsentierten im Frühjahr eine durchlässige Membran kombiniert mit Polymer-Molekülen, die sogar Bakterien abtöten können soll. Eine Art Desinfektionsmittel im Hemd. Das Material, das auch Gerüche abtötet, könnte bis 2008 auf den Markt kommen und uns aktiv vor Krankheitserregern schützen.
Whitfield Diffie, Krypto-Held aus Amerika trägt heute noch die gleiche Mähne wie in den 70er Jahren, als er seinen berühmten Verschlüsselungsalgorithmus zusammen mit seinem Kollegen Hellman aus Sorge um den Schutz der Privatsphäre schuf. Im TR Online-Interview sprach er über seine Motivation und was er von den Bürgerrechtseinschränkungen im "Krieg gegen den Terror" hält.
Web 2.0 war 2006 das "nächste große Ding" im Internet. Auf Workshops und Konferenzen kannte die Silicon Valley-Szene kaum ein anderes Thema. TR-Autor Steffan Heuer berichtete vom "Mashup Camp" im kalifornischen Mountain View, wo hippe junge Unternehmer und Kapitalgeber aufeinander trafen.
April
Deutschland bereitet sich auf die WM vor. Und was ist mit der Sicherheit? Die wird heiß debattiert. Beispielsweise, ob das freie Satelliten-Bild-Programm Google Earth als "Zielfernrohr" für Terroristen dienen könnte, die Raketen auf die WM-Stadien lenken wollen, wie einige Sicherheitsexperten in diesem Monat fürchten. Passiert ist zum Glück nichts.
Altersweitsichtigkeit ist ein weit verbreitetes Problem. Wissenschaftler an der University of Arizona wollen dem nun mit einer Spezialbrille begegnen, deren Brennweite elektronisch gesteuert wird. Dazu werden FlĂĽssigkristallschichten verwendet, die sich beim Weitblick automatisch anpassen.
Die Suche nach Alternativen für das Erdöl aus dem Nahen Osten treibt interessante Blüten: In den USA wird immer öfter über den Ersatz mit der dort noch immer reichlich vorhandenen Kohle nachgedacht. Sogar Jet-Treibstoff lässt sich mit besonderen chemischen Verfahren daraus bilden – allerdings noch zu eher teuren Konditionen. Immerhin halten die Kohlevorhaben in den USA womöglich noch 300 Jahre, wie Geologen meinen.
Auch wenn es sich nicht besonders appetitlich anhört: Fleisch aus der Retorte ist im Kommen. In den Niederlanden forschen gleich drei Universitäten und ein Fleischproduzent an tierischen Nahrungsmitteln, die allein aus Zellkulturen entstehen. Ein Steak aus der Petrischale wird's allerdings erst in ein paar Jahren geben: Während sich Mäusezellen schon galant vermehren, sieht's mit Rind und Schwein noch problematisch aus.
Mai
Marty Hoffert, emeritierter Physik-Professor an der NYU, nennt die Lösung der Energieprobleme "mindestens genauso wichtig wie die Mondlandung". Regierungen und Industrie sollten sich daran ein Beispiel nehmen, wie einst über Jahre an einem Strang gezogen wurde, wie Hoffert im TR Online-Interview sagt. Denn: "Die Debatte um die globale Erwärmung wird zu sehr von Ökonomen dominiert, zu wenig von Ingenieuren. Die meisten wissen gar nicht, dass diese Dinge möglich sind und in den Labors bereits existieren."
"Europa braucht ein eigenes Google", heißt es allenthalben vor allem aus Wirtschafts- und Forschungsministerien. In Frankreich versucht man sich daran: Ein Public-Private-Partnership sollte ab dem Sommer Großkonzerne für innovative Technologie-Projekte begeistern. Ob solche Geldgeschenke an die Großindustrie in einem derart umkämpften Markt wirklich zielführend sind?
Die erneuerbare Energie leidet noch immer an mangelnder Konkurrenzfähigkeit gegenüber der traditionellen Verbrennung fossiler Energieträger. Im Solarbereich sollen nun ganz neue Technologien helfen, mehr Energie aus der Sonne zu kitzeln – bei gleichzeitig geringeren Preisen. Holografische Solarzellen, wie sie im Mai vom US-Spezialunternehmen Prism Solar angekündigt wurden, könnten ein Anfang sein.
2006 war kein gutes Jahr für den Elektronikriesen Sony: So fiel er beispielsweise mit merkwürdigen Kopierschutzvarianten bei seiner Musiktochter BMG Sony auf. Im Interview mit TR Online sprach Sicherheitsexperte Bruce Schneier über digitales Rechtemanagement als Malware. Und besser wird's für den Konsumenten wohl auch nicht, denn der Druck ist da: "Die Medienfirmen setzen auf ein Geschäftsmodell, das derzeit ums Überleben kämpft."
Pakete sind nicht gerade ein Frachtgut, das sich gänzlich automatisiert befördern lässt – noch zu oft muss der Mensch zugreifen. Ein neuartiger einarmiger Roboter, den die Deutsche Post AG bald einsetzen will, nutzt Saugnäpfe, um die schwere Last zu tragen, wie TR-Autorin Veronika Szentpétery im Mai berichtete. Ein bisschen Wehmut schwingt dabei mit: Damit wird auch die letzte noch von Menschenhand verrichtete Tätigkeit in den Verteilzentren automatisiert. Überwachen dürfen die Humanoiden den Robi aber noch.
Die Genforschung am Menschen setzt starke Stücke auf die RNA-Interferenz. Mit ihr lassen sich in vielen Fällen krankmachende Gene still legen – jedenfalls dachte man dies. Eine im Mai verfügbare Studie zeigte nun aber, dass die Technik auch Grenzen hat: Als ein Stanford-Forscher mit RNAi gegen die virale Leberentzündung Hepatitis C vorgehen wollte, starben viele der Versuchsmäuse binnen weniger Wochen. Dieses Ergebnis ist aber noch kein Grund, die Technik zu verteufeln: Es zeigt nur, dass man bei der RNA-Interferenz längst nicht alles weiß, was man wissen könnte.
Juni
Das so genannte "Blue Brain"-Projekt verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Ein GroĂźrechner soll insgesamt 10.000 verschaltete Neuronen mit 50 Millionen Synapsen simuliert. Ăśber den Stand bei diesem "kĂĽnstlichen Gehirn" informierte Physiker Felix SchĂĽrmann im diesem Monat im TR Online-Interview.
Immer mehr persönliche Daten gelangen ins Internet – doch noch immer verschlüsseln die wenigsten beispielsweise sensible E-Mails. Phil Zimmermann, der mit der Software "PGP" den Goldstandard bei der Verschlüsselung elektronischer Post gesetzt hat, interessiert sich inzwischen für neue Bereiche: Mit seinem Ansatz "Zfone" will er künftig Internet-Telefonate absichern. Die werden, wer hätte das gedacht, nämlich ebenfalls standardmäßig unverschlüsselt durchs Netz gejagt.
Wissenschaftler können heute ganze DNS-Stränge zusammenbauen und damit auch Lebensformen nachbauen, die potenziell gefährlich sind. Öffnet die so genannte synthetische Biologie damit dem Bioterrorismus Tür und Tor? Experte David Baltimore ist mindestens für stärkere Kontrollen in einer Branche, bei der man sich passende Bauteile im Internet bestellen kann.
Seit bekannt ist, dass diverse Spezies mit einer kalorienreduzierten Diät gesünder altern und potenziell länger leben, verfolgen immer mehr Leute diese Form der Extremaskese, auch wenn es noch keine wirklichen Belege für eine Wirkung beim Menschen gibt. John Holloszy von der Washington University will dies nun an einer Gruppe von Mitgliedern der "Calorie Restriction Society" nachholen, die allerdings zu klein ist, um wirklich repräsentativ zu sein. Erste Ergebnisse sind dennoch viel versprechend: Asketen scheinen tatsächlich gesünder zu leben.
Was passiert im Gehirn von Menschen, die Canabis zu sich nehmen? Wissenschaftler an der Johns Hopkins Uni prüfen mit bildgebenden Verfahren, wie sich die Rezeptoren von Haschrauchern verändern. Dabei herauskommen soll durchaus etwas sinnvolles: Es könnte sein, dass die natürlichen Cannabinoide einen Schutz vor Parkinson und anderen Erkrankungen darstellen.
Wenn Intel an Chips der übernächsten Generation forscht, dann denkt man an Silizium, Gihahertz und Multicore. Doch die Optik soll bald die rein elektronische Informationsübertragung in Computern ergänzen und vielleicht sogar ersetzen. Das macht Sinn: Schließlich sind die Silizium-Technik und das Mooresche Gesetz irgendwann am Ende. Oder etwa doch nicht? Die TR-Reportage aus dem Photonic Labs von Intel zeigt mögliche Antworten.
Das sind aus unserer Sicht die Highlights der ersten Jahreshälfte gewesen. Unsere Leser haben mit dem Mausklick über ihre beliebtesten Geschichten abgestimmt: Der Strom, der aus der Kälte kam +++ Das offenste aller Autos +++ Schmutziges Öl +++ Steve Jobs Vermächtnis? +++ Der neue Dreh +++ "Jetzt sagen wir nicht mal mehr PC. Morgen präsentieren wir dann den zweiten Teil unseres Jahresrückblicks. (wst)