Ehrgeizig, aber erreichbar

Jetzt aber erinnern sich Politik und Wirtschaft verstärkt an die Tatsache, dass die beste Energie gar keine ist: Was nicht verbraucht wird, geht auch nicht zur Neige und verursacht keine Emissionen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.

Die Regierungschefs der Europäischen Union haben sich auf einem Gipfeltreffen in diesem Januar offiziell darauf festgelegt, bis zum Jahr 2020 den Energieverbrauch um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Für Deutschland hatte die Bundesregierung dasselbe Ziel bereits zum sogenannten "Energiegipfel" im Oktober 2006 ausgegeben; eine von ihr eingesetzte Expertengruppe bezeichnet es als "ehrgeizig, aber erreichbar".

Doch ein Blick auf die Energiestruktur in Deutschland zeigt, dass auch hierzulande trotz bald 30 Jahren Öko-Bewegung noch immer Verschwendung im großen Stil betrieben wird: Nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen verfeuert die gesamte Republik jährlich den Gegenwert von 485,9 Millionen Tonnen Steinkohle an Primärenergie in Form von Öl, Gas, Kohle oder auch aus erneuerbaren Quellen. Als Endenergie wirklich genutzt aber werden davon nur 312,5 Millionen Tonnen – der Rest, ein gutes Drittel also, geht bei der Umwandlung von Brennstoff in Strom oder in den Leitungen irgendwo verloren. Dazu kommt: Schon mit heutiger Technik ließe sich nicht nur die Erzeugung, sondern auch der Verbrauch von Energie deutlich effizienter gestalten – Geräte könnten also die gleiche Funktionalität auf sparsamere Weise liefern.

Quer über alle Branchen, Sektoren und Anwendungen beziffert die Deutsche Energie Agentur (dena) das realistisch erreichbare Energiesparpotenzial auf insgesamt 19 Prozent im Gebäudebereich, 8 Prozent bei Strom und 5 Prozent in der Mobilität, jeweils im Vergleich zu 2003. "Das technisch mögliche Potenzial ist sogar doppelt so hoch", erklärt Annegret-Claudine Agricola, Bereichsleiterin Energieeefizienz bei der dena, "aber in den seltensten Fällen kann man es komplett erschließen."

Trotzdem arbeiten findige Ingenieure und Entwickler daran, die Energie-Effizienz in allen Bereichen noch weiter auszureizen: So nutzen beispielsweise die Forscher am Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung in Würzburg eine schaltbare Wärmedämmung für Häuser: "Wenn die Sonne scheint und es im Haus kalt ist, soll sie Wärme von der Fassade in das Hausinnere weiterleiten. Ist es dagegen außen kalt und innen warm, wird sie so geschaltet, dass sie dämmt", erklärt Hans-Peter Ebert, Leiter der Abteilung Funktionsmaterialien der Energietechnik (S.74). Die Energiespar-Lampe - viel zitiertes Beispiel in den aktuellen Diskussionen - ist bei der Beleuchtung noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss. Sie wird voraussichtlich durch die weiße und später die organische Leuchtdiode abgelöst (S. 78). Ein junges Münchner Unternehmen setzt sich unterdessen an die Spitze des Rennens um das sparsamste Auto: 2009 soll der Loremo mit ungekannt niedrigem Verbrauch kommen (S. 80).

Doch trotz vorhandenem guten Willen – Unternehmen legen zunehmend Wert auf Autos mit geringem Verbrauch sagt der Fuhrpark-Dienstleister Ludger Reffgen im Interview (S.82) – bremsen vor allem die hohen Transaktionskosten die Effizienz-Revolution. Hier könnte ein gar nicht so neues Modell helfen (S.71): Wenn eine Behörde, Gemeinde oder Firma die Investitionskosten für Energiespar-Maßnahmen nicht aufbringen kann, springt ein sogenannter Contractor ein. Der finanziert die Modernisierung vor, das investierte Geld erhält er im Laufe von sieben bis zwölf Jahren aus den Einsparungen zurück; zudem garantiert er dem Auftraggeber eine jährliche Mindesteinsparung.

Und auch von Seiten der Politik dürfte sich in nächster Zeit noch einiges bewegen: Die wohl am stärksten beachtete Initiative kommt vom EU-Umweltkommissar Stavros Dimas: Er will der Autobranche erstmals konkret vorschreiben, wie viel CO2 ihre Produkte emittieren dürfen, was sich direkt in strenge Verbrauchsvorgaben übersetzen lässt. Nach Auskunft des Bundesumweltministeriums gibt es zudem neue Bemühungen zur Forcierung von Kraft-Wärme-Kopplung, ebenso wie Überlegungen, für Elektrogeräte aus Japan den "Top-Runner-Ansatz" zu importieren. Dabei wird das sparsamste Gerät einer Warenklasse zum Standard erhoben; wenn die Konkurrenz es nicht schafft, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes den gleichen Wert zu erreichen, droht ein Verkaufsverbot. (kd)