Transformer
Yamaha versucht im Zuge der Retro-Welle, aus einem Chopper einen Scrambler zu machen. Doch mit einem Cruiser als Basis, der XV 950, ist dies ein schier unmögliches Unterfangen. Zu groß, zu wuchtig und zu schwer ist sie ein optischer Bastard und kaum einmal für leichtes Gelände geeignet
- Ingo Gach
Köln, 10. Juni 2016 – Yamaha betritt mit der neuen SCR 950 S einen gefährlichen Kreuzungsbereich. Als technisches Crossover aus einem ursprünglichen Chopper und einem Haufen retro wirkender Enduroteile wird noch lange kein Scrambler. Die beiden Konzepte liegen einfach zu weit auseinander.
Im Automobilbereich ist es simpel: Man entwickelt eine technische Basis und setzt mit ihr diverse Karosserien und sogar ganze Konzepte um. Die Möglichkeiten reichen so von der Limousine über SUV bis hin zum Cabrio. Alle Varianten können chic und stimmig aussehen, die Motorengröße spielt dabei keine sonderliche Rolle, bei manchen Modellen passen problemlos Vier-, Sechs- oder sogar Achtzylinder unter die Haube. Der Rest ist Abstimmung – was bei den meisten Fahrwerksteilen sogar ohne große Änderungen klappt.
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Beim Motorrad funktioniert das nicht so einfach. Der Motor stellt den Kern des Bikes dar, um den der Rahmen als Skelett gestrickt wird. Nachträglich einen anderen Motor oder Rahmen zu verbauen, ist daher kaum machbar, weil der Motor zwischen die Rahmenrohre passen, die Aufhängungspunkte exakt sitzen und außerdem der Rahmen die Mehrleistung verkraften müsste. Auch die Verwendung einer anderen Schwinge, Gabel, Raddimension oder eines anderen Federbein kann zu unkalkulierbaren Fahreigenschaften führen. Ein aus den Transformer-Filmen bekannter Übergang von einem in ein anderes Konzept – aus einem Chopper werde mal eben eine Geländemaschine – ist erst recht schwierig, häufig sogar unmöglich.
Weil die Ingenieure Motor und Rahmen für einen ganz bestimmten Einsatzzweck entwickelt haben, sind Übergänge innerhalb ähnlicher Kategorien dagegen eher einfach. Zum Beispiel vom Sportmotorrad zum Naked Bike. Oft genügt es schon, die Vollverkleidung wegzulassen und statt ein Paar Stummellenker, eine breite Lenkstange zu verbauen, vielleicht noch einen anderen Scheinwerfer zu montieren und fertig ist die „Nackte“. Motor, Rahmen, Gabel, Schwinge, Räder, Tank, Sitzbank und Fußrasten bleiben identisch. So machte zum Beispiel BMW sehr erfolgreich das Naked Bike S 1000 R aus dem Supersportler S 1000 RR.
BMW: verschiedene Motorräder auf einer Basis
Sehr schwierig wird es hingegen, wenn die Motorradkategorien deutlich differieren, und etwa aus einem Naked Bike nachträglich eine Reiseenduro werden soll. Wenn ein Hersteller dabei keine faulen Kompromisse eingehen will, muss er den Rahmen, die Radaufhängungen und Federelemente neu konstruieren, was aber teuer und aufwendig ist. Wer hingegen schon in der Entwicklungsphase den Einsatz von Motor und Rahmen in verschiedenen Kategorien berücksichtigt, kann Erfolg haben.