Was war. Was wird.
Ein Stromausfall war nicht die Ursache fĂĽr Microsofts Probleme, denn Seattle liegt nicht in Kalifornien, meint Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Ich habe mich entschieden, mein Leben in einem ständigen Stromausfall zu leben. Ich schaue die Bildschirme und die Hochglanzseiten an, und ich lasse sie nicht zu Erinnerungen werden", schrieb Douglas Coupland Mitte der 90er (nachzulesen in "Amerikanische Polaroids"). Sieben Jahre nach Couplands Entscheidung beginnen die mit "rolling blackouts" lebenden Kalifornier, die Devise von Coupland umzusetzen. Sie misstrauen den Bildschirmen und schreiben lieber auf ihren Handhelds. Oder sie kaufen Laptops, die nun als "rollover resistant" angepriesen werden, weil die Batterien tatsächlich zwei Stunden schaffen. Noch können sie nicht mit Gelee oder Gummibärchen à la mode de Gravenreuth aufgepäppelt werden. Zu den feineren Aspekten dieses Blackouts zählt der Börsenliebling Cisco, der sich mit allen Mitteln gegen den Bau eines großen Kraftwerks sperrt, weil dies die Lebensqualität in einem neuen Büroareal für 20.000 hereingekaufte Mitarbeiter drastisch senken würde.
*** Aber Cisco hält sich vielleicht an die Devise: Ohne Strom geht's auch, wenn die DNS-Server eh nicht erreichbar sind. Bei einem Stromausfall in Seattle jedenfalls kam Coupland die Idee für seine "Mikrosklaven", einem hübschen Stück über das Leben und Arbeiten unter Ballmigates. Coupland fragte sich beim Blackout, was die da in Redmond wohl in der Dunkelheit machen. Inzwischen wissen wir, dass es für Microsoft etwas Schlimmeres gibt als einen kleinen Stromausfall: Wenn die Server futsch sind, merkt man das nicht nur in Seattle. Im Rückblick auf die Woche beschäftigt mich beim Thema Microsoft noch die Frage, ob Ausfälle in den Taschenrechnern auch zum Alltag auf dem "schönsten Campus der Welt" (Gates) gehören. Die Summe, die Microsoft nun an Sun nach der Einigung im großen Java-Streit zahlt, beträgt ziemlich genau ein Fünftel der Anwaltskosten, die Microsoft bisher in diesen Streit investierte. Nun sage noch einer, dass nur die Bobos mit ihren Dot.Coms wie letsburyit oder vielleicht kimble.com richtig Geld verbrennen können.
*** Microsoft jedenfalls verbrennt nur bei den Anwälten das Geld. Denn die Angestellten verdienen bekanntermaßen nicht allzu viel, zumindest was das Grundgehalt betrifft. Die Aktienoptionen dürften die Microserfs aber in den letzten Wochen auch nicht besonders glücklich gemacht haben. Ob Techniker in Redmond besonders wenig verdienen, ist übrigens bislang nicht bekannt. Aber nein, ich mache mich jetzt nicht über Microsoft lustig, die offensichtlich bislang nicht kapiert haben, was das DNS ist. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Da muss unsereiner nicht auch noch draufschlagen. Denn Leid können sie einem schon tun, die Gates-Mannen: Da verhaut irgendso ein Dödel von Techniker die Konfiguration eines Routers (wahrscheinlich von Cisco), und schon kommen die Kiddies auf die Idee, das könnten sie doch besser. Schlechte Karten für die millionenschwere Werbe-Kampagne für Windows 2000, die Microsoft gerade startet – Zielgruppe: Unternehmen. Wer traut schon der Software einer Firma, die ihr eigenes Netz nicht vernünftig in den Griff bekommt... Das hat Microsoft nicht verdient. So schlecht wie die Netzwerkplaner ist die Software aus Redmond nun doch nicht. Vielleicht standen die Netzarchitekten ja auch zu lange im Dunkeln, weil es auch in Seattle zu wenig Strom gab.
*** Apropos Spott: Im löblichen Forum zum Heiseticker, der reizenderweise dieses wwww ins www stellt, äußerten Forumsteilnehmer angesichts der Ausfälle bei Microsoft ihre "klammheimliche Freude" und mussten dafür harsche Kritik anderer Forumsteilnehmer einstecken. Das kommt daher, dass dieser Ausdruck politisch von der CDU besetzt wird, die einen mutigen bahnreisenden Jürgen Trittin (ganz ohne Castor-Koffer) um seine Anschlüsse bringen will. Leider macht Trittin lächelnde Miene zum blöden Spiel und beteuert, dass er das Wort klammheimlich unheimlich schlimm findet, wenn es, wie 1977 geschehen, in Zusammenhang mit einem Mord gebraucht wird. Als diese Formulierung von der klammheimlichen Freude von einem gewissen Mescalero in Göttingen gebraucht wurde, eskalierte ein Streit um Meinungs- und Redefreiheit, wie ihn die Republik Deutschland bis dahin nie erlebt hatte. Professoren mussten extra Treue auf diesen Staat schwören. Einer von ihnen, Peter Brückner zu Hannover, verweigerte – wenn schon nicht die Treue, dann doch die Zensur, und büßte dies mit akademischer Verbannung bis zum Tode. Doch was hatte der Mescalero geschrieben? Er hatte den Mord an Siegfried Buback verurteilt, zitiert nach Geronimo: "Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert sein." Die Sätze müssen sicher im Kontext bedacht werden: Der fürchterliche "Deutsche Herbst" begann ein paar Monate später. Wer heute die Argumentation eines Peter Brückner verstehen will, muss seinen Überlegungen zum First Amendment der USA folgen, das die Meinungsfreiheit sehr hoch einschätzt: "Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances." In der Debatte um die Sauberkeit des www sind diese Gedanken rund um den Mescalero-Artikel hochaktuell. Ein offenes Internet, in dem die Mission um die Verständigung vieler Menschen Ernst genommen wird, wird sich um diese Frage drehen. In Deutschland ist für solche Fragen bekanntermaßen die Bild-Zeitung zuständig, die sich gerade den ehemaligen IBM-Chef und Ex-BDI-Präsidenten Olaf Henkel als Kommentator für das Internet und die digitale Gesellschaft der Zukunft geholt hat.
*** Aber so ist das mit der Hölle, ob nun Bild-Zeitung oder Inferno genannt: "Ihr, die ihr herkommt, lasset alle Hoffnung", meinte ein gewisser Herr Alighieri, zumindest in der Übersetzung von Ida und Walther von Wartburg. Wer in's Internet eingeht, muss vielleicht noch nicht alle Hoffnung fahren lassen – aber weit ist es nicht mehr bis dahin. Wir wissen nicht, welche Hoffnung Henkel fahren lässt, aber offensichtlich lassen die Grünen nicht nur manche Castoren fahren. Mag sich auch Grietje Bettin, ihres Zeichens medienpolitische Sprecherin der Grünen, für ein "Recht auf Anonymität" mit Otto Schily anlegen und selbst rechtsradikale Webseiten ganz gegen alle veröffentlichte Meinung von der Zensur ausnehmen wollen: Einen "Mittelweg" gemeinsam mit Schily möchte sie dann doch finden. Vielleicht sieht er dann ja so aus wie der berühmte Atom-Kompromiss oder die gerechten Kriege im Kosovo – man mag von diesen Ereignissen halten, was man will, sie sind nun nicht gerade gelungene Beispiele, um Vertrauen in die Standhaftigkeit der Grünen zu erwecken. Ob deshalb all die Green-Card-Aspiranten nicht doch lieber in die USA gehen, die ihr First Amendment so ernst nehmen, dass selbst viele gutmeinende Deutsche nur den Kopf schütteln ob der Sachen, die dortenhalben ungestraft verbreitet werden dürfen? Vielleicht sollte der guten Edelgard Bulmahn einmal jemand erzählen, dass die Abwanderung hochkarätiger Wissenschaftler nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein gesellschaftliches und soziales Phänomen ist. Aber ob sie sich gegen Schily, diese Reinkarnation von Manfred Kanther ohne schwarze Kassen, durchsetzen kann, ist sowieso eine andere Frage. Die Ansicht, gegen die Probleme mit der Redefreiheit helfe nur noch mehr Redefreiheit, wird unsereinem angesichts so mancher aktueller Diskussion hierzulande immer sympathischer: "Da sprach ich: 'Meister, schwer trifft mich ihr Sinn.' Drauf er, wie einer dem Erkenntnis ward: 'Hier heißt es abtun jede Bangigkeit, und jedes niedre Zagen muss hier sterben.'"
*** Und von wegen Bangigkeit: Ein immer wieder gern gesehener Torpedo gegen die Meinungsfreiheit ist der Kinderschutz. Was passiert mit unseren behüteten Kindern, wenn sie unvermittelt lesen müssen, was Henkel über OS/2 dachte? Vor Unflätigkeiten wie "absolute Scheiße" müssen Kinder doch geschützt werden, in einen wuschelig-weichen Kokon erlaubter Web-Adressen eingespannt. Sinnigerweise ist es das Mutterland des First Amendments, in dem aus einem Schutz ein satter Profit gezogen werden kann. N2H2, einer der wichtigsten Schutzschildmacher, verkaufte offensichtlich statistische Daten über die Surfgewohnheiten an Firmen, die just diese Klientel zur Kundschaft haben. Ständig sind sie in Sorge, was die Jugend konsumiert, ob sie gar den neuesten Ginger schon im One-Click-Koofmich eingetragen hat. Wobei es natürlich wichtig ist, für die Transaktionen, sei es für Ginger oder doch für eine "urban legend", einen verlässlichen Partner gefunden zu haben.
Was wird.
Am Montag wird das Guiness-Buch der Rekorde um einen neuen Eintrag erweitert. Aditya Kishore Patil wird 13 Jahre alt und damit der jüngste MCSE aller Zeiten werden. Schon vor dem Mindestalter für diesen ehrwürdigen Titel hatte der Junge alle Prüfungen erfolgreich bestanden. Als Nächstes steht der entsprechende Titel von Cisco auf dem Programm. Damit könnte der junge Mann glatt bei Microsoft anfangen und die DNS-Server ausfallsicher aufstellen und konfigurieren. Und Bill Gates könnte um einiges ruhiger durch die Weltgeschichte reisen. Am Donnerstag wird der Star-Architekt von Microsoft bei uns erwartet, um vor Journalisten in Düsseldorf den revolutionären Biztalk Server 2000 und den Commerce Server 2000 vorzustellen. Danach spricht Bill Gates vor den Top-Managern dieser Republik auf einem Forum zum beliebten Thema "Strategisches IT-Management" über das Problem, was uns alle bewegt: "Business in the Internets next phase", von einer Gesellschaft ohne Dongles, doch mit Plackerei. (Hal Faber) / (jk)