Lernfähig bis gaga
Wäre eine EU-weite Quote für Elektroautos eine gute Idee?
Es bleibt spannend: Am 8. November will die EU-Kommission neue Maßnahmen gegen den CO2-Ausstoß von Autos bekannt geben. Die Frankfurter Allgemeine hatte berichtet, die EU wolle dazu eine Elektroauto-Quote nach chinesischem Vorbild einführen. Mindestens 15 Prozent aller Neuwagen sollen 2030 demnach mit E-Motor ausgestattet sein. Unabhängig davon sollen die Hersteller die CO2-Emissionen zwischen 2021 und 2030 um ein Drittel senken.
Die Kommission hat die Quoten-Idee inzwischen dementiert und betont, alle geplanten MaĂźnahmen seien "technologieneutral".
Der Verzicht auf eine feste Quote wäre nicht das Schlechteste. Das eigentliche Ziel sollte ja nicht die Verbreitung von E-Autos sein, sondern die Senkung des CO2-Ausstoßes. Also ist es nur konsequent, diesen direkt anzugehen. E-Autos hingegen stehen nur in einem indirekten Zusammenhang zur Klimabilanz des gesamten Verkehrs. Wie klimafreundlich sie tatsächlich sind, hängt unter anderem von ihrem Stromverbrauch, ihren Fahrleistungen und natürlich von der Erzeugung des Ladestroms sowie dem Ressourcenverbrauch bei ihrer Herstellung ab. Ein fester Emissionsdeckel bräuchte sich um all diese Faktoren nich zu kümmern und könnte es den Autoherstellern überlassen, wie sie das Ziel erreichen wollen. Und wenn es beispielsweise mit Erdgas in bestimmten Fällen besser geht als mit Batterien, dann ist das halt so.
AuĂźerdem sind die bisherigen Obergrenzen besser als ihr Ruf. Seit ihrer ersten AnkĂĽndigung 2005 haben die Flottenemissionen einen deutlichen Knick nach unten gemacht. Leider bestehen viele dieser Erfolge nur auf dem Papier, weil die Autohersteller immer virtuoser herumgetrickst haben. Aber das ist nicht Schuld einer Obergrenze, sondern einer luschigen Kontrolle.
Wenn die EU also bei ihrer Politik einer Flottengrenze oder etwas ähnlichem bleibt, ist das nicht unbedingt ein Zeichen mangelnder Lernfähigkeit. Dazugelernt haben sollte sie allerdings beim Thema Durchsetzung: Obergrenzen verlangen nach realistischen Prüfverfahren, konsequenten Kontrollen und wirksamen Sanktionen. Mit der Abschaffung des alten NEFZ-Fahrzyklus ist die EU dabei schon auf dem richtigen Weg. Nur sollte sie dabei konsequent bleiben und die Grenzwerte nicht im Gegenzug aufweichen. "Wichtig ist dabei, dass die Umstellung des CO2-Prüfverfahrens vom heutigen Testzyklus NEFZ auf den künftigen Zyklus WLTP keine indirekte Zielverschärfung mit sich bringt", schreibt der Automobilverband VDA. Aber genau darum geht es doch: Um eine Zielverschärfung. Sonst hätte man ja gleich mit dem NEFZ weiterwurschteln können.
Um Fehlanreize zu vermeiden, sollte zudem die gesamte Kette von der Quelle bis zur Straße ("Well to Wheel") betrachtet werden – und zwar sowohl für Strom als auch für fossile Brennstoffe als auch für die Fahrzeuge selbst: Welcher Aufwand musste zu ihrer Erzeugung betrieben werden? Dann wäre zumindest die Gefahr gebannt, dass etwa mit polnischem Kohlestrom betriebene E-Autos die Klimabilanz eher verschlechtern als verbessern.
Außerdem ist zu hoffen, dass die EU Abschied nimmt vom hirnerweichend dämlichen Konzept der "Super Credits". Dabei können Elektroautos mehrfach für den Flottenverbrauch angerechnet werden. Hoffentlich erkennt die EU, dass Mathematik nicht Teil politischer Verhandlungsmasse ist. 1 Elektroauto = 1 Elektroauto und nicht 3,5 oder 1,6.
Ebenso so gaga ist die Kopplung des erlaubten Flottenverbrauchs ans durchschnittliche Fahrzeuggewicht. So bekommen fette SUVs sogar noch einen Bonus. Aber genaue solche Blechmonster sind es, die durch ihre schiere Masse die technischen Effizienzgewinne wieder auffressen. Für das Klima zählen nur die absoluten Emissionen, nicht die relativen im Verhältnis zum Fahrzeuggewicht oder zur Leistung.
Zu Recht macht der VDA darauf aufmerksam, dass auch der Fahrzeugbestand eine große Rolle bei den gesamten Emissionen spielt. Deshalb wäre es sinnvoll, als flankierende Maßnahme die fossilen Brennstoffe in den Emissionshandel einzubinden. Das könnte die gesamte Fahrleistung senken und die CO2-Kosten auch für andere Branchen erhöhen – vorausgesetzt, es gibt nicht wieder einen Kuhhandel, bei dem massenhaft zusätzliche Emissionsrechte verschleudert werden. (grh)