Klartext: Klassenkampffahrten
Die Auflagen sinken, die Bandagen werden hĂ€rter geschnĂŒrt, die Verlagsoberen keilen gegen die Konkurrenten aus. Doch auf der Ebene der Redakteure geht es zumindest im Motorradbereich sehr freundlich zu
Als ich die Motorradheftewelt nur vom Kiosk kannte, dachte ich immer, die Redakteure stehen sich bei zufĂ€lligen Treffen starrend gegenĂŒber in einem Mexican Standoff, in der das erste falsche Wort ein Wortgefecht bis zum Tod durch Mundvertrocknung auslösen kann. Auf diese Idee kommt der Leser, wenn er zwischen den Zeilen die Konkurrenz zwischen Heften liest oder wenn er einen Blick auf die Chefetagen erlangt, auf der die Formulierung âewige Feindschaftâ angemessen wirkt. Kim Jong-Un spricht freundlicher von anderen Staaten als ein Verlags-Chef von anderen Verlegern. So weit, so erwartet. Wo der Leser mit seiner EinschĂ€tzung jedoch falsch liegt, das ist die Ebene der Redakteure, die sich immer wieder auf allen möglichen Terminen treffen. Hier gibt es nicht mehr Feindschaft als bei FuĂball-Freundschaftsspielen der Kreisliga. Es herrscht daher die Stimmung einer Klassenfahrt der Motorradfahrer-Realschule.
Dass der Leser ebendies nicht erwartet, kann ich gut verstehen. Auf Terminen zum Thema Automobil zum Beispiel schaut es hĂ€ufig ganz anders aus. Der mag den nicht, der wiederum nur kommt, wenn jener auch eingeladen ist, denn sonst kann der Termin ja nicht wichtig genug sein fĂŒr ihn, den wichtigsten Menschen der Geschichtsschreibung des gesamten Weltraums in Ewigkeit, Amen. Da zicken sich erwachsene MĂ€nner an, dass ich heimlich hoffe, gleich beginnen sie einen Tuntenkampf mit Kratzen, BeiĂen, Haareziehen und engagiert, aber ineffizient den anderen bepatschen, bis ein Hemdknopf abreiĂt und einer heult â bisher leider noch nicht in meinem Beisein passiert, es kann aber nur eine Frage der Zeit sein.
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Das liegt daran, dass den gemeinen Autoredakteur sein Thema ĂŒber einen sehr kleinen Kern hinaus kaum interessiert. Wenn ich auf Autoterminen die Leute treffe, die Autos noch wirklich richtig toll finden, setze ich mich immer zu denen, also meistens am Katzentisch mit Rasern, jungen Bloggern und Motorenentwicklern. Ich wĂŒrde an keinem der anderen Tische sitzen wollen, an denen eh nur das Essen diskutiert wird (âweiĂt noch die Spaghetti damals in Paris?â).
Die klassenlose Ledergesellschaft
Den Motorradfahrer interessiert das Fahrzeug dagegen immens. Es geht gar nicht anders. Wer sich nicht fĂŒrs Motorrad als Fahrzeug interessiert, der fĂ€hrt es nicht. Deshalb laufen Motorradfahrer ja so gern die Treffs an, obwohl es dort auĂer BuĂgeldbescheiden nichts zu holen gibt, am wenigsten schöne Fahrzeit. Sie sprechen dort mit Gleichgesinnten ĂŒber ein Herzthema, und wenn man sie dabei sieht, denkt man immer kommunistenromantisch: NĂ€her an die klassenlose Gesellschaft als das hier wird die Menschheit in ihrer Existenz nicht mehr kommen.
Was fĂŒr die gesamte Gruppe der Motorradfahrer gilt, gilt genauso fĂŒr die Untergruppe der Motorradredakteure. Was soll der Kollege aus Unna sich mit der Delegation Stuttgart streiten, wenn doch alle dasselbe wollen: Motorradfahren und dann was darĂŒber erzĂ€hlen? Jeder arbeitende Mensch wird irgendwann erkennen, dass er seine Kollegen besser kennt als seine Familie, weil er einfach mit diesen Menschen den GroĂteil seiner wachen, aktiven Zeit verbringt (Netflix-Bingeing zĂ€hlt nicht).