Klartext: Der Frosch, der Auto fÀhrt

Bei Comma.ai kann man sich an einem Open-Source-Projekt zum autonomen Fahren beteiligen. Das ist cool. GrĂŒnder George Hotz prahlt gern: "We are going to win autonomous cars." Das ist weniger cool. Ich verbreite etwas ErnĂŒchterung

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Klartext
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Inhaltsverzeichnis

Im Maschinenlernen zeigen unsere Streams tĂ€glich eine große Schere. Einerseits können Forscher offenbar automatische Schwulometer bauen, die jede menschliche EinschĂ€tzung weit ĂŒbertreffen. Gruselig. Andererseits fallen die humanoiden Roboter bei der Darpa Robotics Challenge beim Aussteigen aus dem Auto auf ihren blechernen Hintern und brauchen 10 Minuten, um eine unverriegelte TĂŒr zu öffnen. Tragikomisch.

FĂŒr eine Hintergrundartikel-Recherche schaue ich mir gerade die Fortschritte in der Technik kĂŒnstlicher neuronaler Netze an, die meist unter "Deep Learning" zusammengefasst werden. Als ich das Thema neuronale Netze um die Jahrtausendwende nachschlug, waren viele Dinge einfach nicht sinnvoll machbar, die heute selbstverstĂ€ndlich geworden sind. Wenn ich Dinge wie HBOs hotdog/nohotdog oder Adrian Rosebrocks davon inspirierten Weihnachtsmanndetektor sehe, kann ich zudem sehr gut verstehen, warum viele Hoffnungsvolle der festen Überzeugung sind, dass allgemeine KI-Systeme nur noch eine Frage der Zeit sind, und man vielleicht gar nicht so tolle Hardware braucht. HBOs Hotdog-Dings lĂ€uft lokal auf dem Smartphone, Rosebrocks Netz in 30 Hz (also 30 fps Echtzeiterkennung) auf einem Raspberry Pi 3.

Klartext: Der Frosch, der Auto fÀhrt (8 Bilder)

Im ZF-Versuchsopel: Testfahrer griffbereit, den Kollegen zu schĂŒtzen, der vor der Windschutzscheibe einen unaufmerksamen FußgĂ€nger simuliert.
(Bild: ZF)

Wir mĂŒssen aber sehen, dass diese Anwendungen eine extrem enge Fragestellung bearbeiten. Ist dieses Bild ein Hotdog/Weihnachtsmann (Ja/Nein)? Die gemachten Fehler sind ebenfalls egal, da es um nichts geht außer den Spaß beziehungsweise das Maschinenlernenlernen. Warum lĂ€uft der Weihnachtsmanndetektor so schnell auf so kleiner Hardware? Weil er jedes Frame auf die 28x28 Pixel knautscht, die traditionell zur Darstellung einzelner Buchstaben im Maschinenlernen verwendet werden. Weil er nur eine einzige Frage beantworten muss. Das alles schaut im Auto ganz anders aus.

Autofahren liegt nĂ€her am Darpa-Challenger, der die TĂŒr nicht aufkriegt als an der Hotdog-Spaß-App, weil ein im Kontext Straßenverkehr allgemein gĂŒltiges Verhalten abstrahiert werden muss. Der Roboter soll an der Ampel halten, weil es eine Ampel ist und nicht, weil er genau diese Ampel auswendig gelernt hat. Dazu kommt, dass die Hauptleistung vor jeder SituationseinschĂ€tzung sowieso fĂŒr visuelle Mustererkennung draufgeht. Dazu kommen die Sicherheitsanforderungen. Ein Automat, der Autotempi fĂ€hrt, muss strengen Anforderungen der Ausfallsicherheit entsprechen (Google: "ASIL-D"). Die kostet Ressourcen. Das einfachste Beispiel ist Lockstepping: Prozessorkerne arbeiten im Gleichschritt dieselbe Aufgabenfolge ab, damit eventuelle Fehler sofort auffallen. Die parallel laufenden Kerne stehen damit nicht mehr als Nutzleistung zur VerfĂŒgung. Und wenn in einer Art verkĂŒrzter Kernfusionskonstante die Avantgardisten immer von einer Serienreife autonomer Autos "nĂ€chstes Jahr" sprechen, frage ich mich, ob man nicht doch ein bisschen mehr braucht als Mobilprozessoren.

Der KI-Forscher Ian Goodfellow schrieb in seinem Buch ĂŒber Deep Learning, es sei ja kein Wunder, dass die frĂŒhen kĂŒnstlichen neuronalen Netze kaum etwas konnten: Sie hatten weniger Neuronen als ein Bandwurm. Selbst die grĂ¶ĂŸeren aktuell funktionalen Netze auf großen Rechenzentrums-Clustern bewegen sich in der GrĂ¶ĂŸenordnung von Fröschen, wenn wir die in der Praxis ja doch recht unterschiedlich funktionierenden Systeme in Bezug setzen wollen. Faszinierende Tiere! Wussten Sie, dass Froschhirne Quaklaute zĂ€hlen? Aber ich möchte die abgewandelte Flugzeugautomatisierungsfrage stellen: WĂŒrden Sie einen elektronischen Frosch Ihr Auto fahren lassen? Ihr Kind? Vielleicht bis wahrscheinlich muss es im komplexen Stadtverkehr doch etwas sein, das wesentlich ausgefuchster klassifizieren kann als "quak-quak-quak-quak? Ok, du bist der Vater meiner tausend Kinder!".