Meinung: Vernebelt
Abgasversuche an Affen sind nur ein Symptom, das auf ein tiefer liegendes Problem verweist: Scheinbar neutrale Wissenschaftler, die im Auftrag der Industrie Meinungsmache betreiben.
Wolfgang Stieler ist Redakteur bei Technology Review.
Fragwürdige Experimente an Affen und Menschen, mit denen die angebliche Ungefährlichkeit von Stickstoff-dioxid belegt werden sollte, haben im Januar für eine nahezu flächendeckende Empörung gesorgt. Aber die Versuche sind nicht der eigentliche Skandal. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die deutsche Autoindustrie ein Pseudo-Institut zur Vernebelung der wissenschaftlichen Debatte über die Gesundheitsgefahren von Autoabgasen finanziert hat, in dessen wissenschaftlichem Beirat hoch-rangige deutsche Wissenschaftler saßen. Deren Neutralität und Unabhängigkeit darf nun zu Recht bezweifelt werden. Wenn Forscher also über "alternative Fakten" und ihre schwindende Glaubwürdigkeit klagen, sollten sie auch zugeben: Ganz unbeteiligt an der Entwicklung sind einige Vertreter ihrer Zunft nicht.
Spindoctoring statt Aufklärung
Die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor, kurz EUGT, wurde nach eigenen Angaben gegründet, um die "umweltmedizinische Wirkungsforschung auf nationaler wie internationaler Ebene zu intensivieren sowie Gesellschaft und Öffentlichkeit über oftmals komplexe wissenschaftliche Studienergebnisse in einer verständlichen Form zu informieren". Klingt erst mal gut, ist aber Neuspeech für Spindoctoring.
Die Strategie solcher Lobbyvereine ist seit den Auseinandersetzungen um die Gefahren des Rauchens bekannt:
1) Zweifel säen, indem man wissenschaftliche Untersuchungen fördert, die scheinbar das Gegenteil der zu bekämpfenden These belegen.
2) Die Öffentlichkeit und Entscheidungsträger gezielt mit selektiven Informationen eindecken – nämlich solchen, die die eigene Position unterstreichen.
Geschickte Rosinenpickerei
Wohlgemerkt: Hier ist nicht die Rede von Fälschungen oder Lügen. Ein bisschen geschickte Rosinenpickerei reicht in vielen Fällen aus. Dass dieser Versuch im Fall von Dieselgate erst mal nicht gelungen ist, beruhigt leider nur auf den ersten Blick. Denn für alle Verschwörungstheoretiker und Freunde "alternativer Fakten" ist dieser Skandal ein gefundenes Fressen. Mit ihrer zweifelhaften Nebentätigkeit haben die Forscher nicht nur ihre eigene Glaubwürdigkeit beschädigt, sondern die ihrer gesamten Zunft. Denn auch die Selbsteinigungsmechanismen der Wissenschaft haben in diesem Fall kläglich versagt.
Professor Helmut Greim, Toxikologe aus München, war nicht nur Chef des wissenschaftlichen Beirats der EUGT, sondern auch lange Jahre Vorsitzender der "Ständigen Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe" der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG. Das Gremium erarbeitet regelmäßig Vorschläge für Grenzwerte gesundheitsgefährdender Stoffe, die es dann an das Arbeitsministerium weitergibt. Auf die Empfehlung der Kommission geht auch zurück, dass die Konzentration von Stickstoffdioxid am Arbeitsplatz (MAK-Wert) 950 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschreiten darf. Zwar sind die beiden Werte nicht miteinander vergleichbar.
Der erheblich höhere MAK-Wert dient Greim und anderen Wissenschaftlern aus dem Umfeld der EUGT aber dazu, Stimmung gegen den WHO-Grenzwert und die angebliche "Diesel-Hysterie" zu machen.
Helmut Greim ist zwar mittlerweile emeritiert und gehört dem DFG-Gremium nicht mehr an. Dafür ist Professor Rolf Merget von der Universität Bochum, ebenfalls vormals Mitglied im wissenschaftlichen Beitrat der EUGT, dort noch immer aktiv. Genau wie die Toxikologin Heidrun Greim, Helmut Greims Ehefrau. Sie leitet das Sekretariat der Senatskommission, zu dessen Aufgaben etwa die "Erarbeitung neuer Bewertungskriterien für krebserzeugende, keimzellmutagene oder allergieauslösende Arbeitsstoffe" gehört.
Interessenkonflikt? I wo!
Wie geht die DFG mit diesen zweifelhaften Verbindungen um? Nach Recherchen des "Stern" hat man "auch aus altersbedingten Gründen" eine "zeitnahe Suche" nach einem Nachfolger für Heidrun Greim angeregt. Seit April 2017 gilt zudem ein neuer Kodex zum "Selbstverständnis der Zusammenarbeit" in der Senatskommission. Dieser Kodex sieht unter anderem die "frühzeitige Anzeige und Offenlegung von Umständen vor, die den Anschein von Interessenkonflikten hervorrufen können". Ob Merget sich dem Kodex entsprechend verhalten hat, darüber will die Kommission im März beraten. Zusätzlich gebe es "weitere Mechanismen", die "geeignet sind, eine Einflussnahme einzelner Interessen zu verhindern", schreibt DFG-Sprecher Marco Finetti. So würden sämtliche gegebenenfalls offenen Fragen zu wissenschaftlichen Studien so lange diskutiert, bis die "gesamte Kommission eine Einigung erlangt hat".
Das klingt gut, hat aber offenbar nicht funktioniert. Denn die Senatskommission hat nicht einmal gewusst, dass einige ihrer Mitglieder Interessenkonflikte haben könnten. Von "personellen Verbindungen" zwischen dem Forschungsbeirat der EUGT und Mitgliedern der Ständigen Senatskommission "hat die DFG nach eigenen Angaben erst im Zuge der aktuellen medialen Berichterstattung" erfahren. Um die Glaubwürdigkeit der Senatskommission, aber auch ähnlicher wichtiger Gremien wiederherzustellen, kann nur radikale Transparenz helfen: Die Universitäten müssen endlich die Nebentätigkeiten ihrer Professoren für die Industrie genauso offenlegen wie Auftraggeber, Zielsetzung und Umfang von Drittmittelforschung. Wer das Licht der öffentlichen Kontrolle scheut, darf sich über den weiteren Vertrauensverlust nicht beklagen.
(wst)