Wie London seine Stickoxidbelastung senken konnte
London hat gute Erfahrungen mit einer erweiterten City-Maut gemacht und weitet dieses System nun drastisch aus.
(Bild: Matt Boitor / Unsplash)
- Jan Oliver Löfken
Frische oder zumindest halbwegs gesunde Stadtluft ist nicht selbstverständlich. Trotz Umweltzonen und vereinzelter Fahrverbote für ältere Diesel belasten Feinstaub und besonders giftige Stickoxide die Atemluft. Immerhin wurde 2020 der Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) nach Angaben des Umweltbundesamtes nur noch an drei bis vier Prozent der verkehrsnahen Messstationen überschritten. 2019 zuvor waren es noch 21 Prozent gewesen. In Europa zeigt besonders die britische Hauptstadt London, wie sich eine sauberere Stadtluft vor allem durch strenge Regeln für den Straßenverkehr erreichen lässt.
Seit drei Wochen kommen Millionen von Londonern in den Genuss einer deutlich erweiterten "Ultra Low Emission Zone" (ULEZ). Grundlage ist der erfolgreiche Verlauf eines ULEZ-Pilotprojekts fĂĽr die Innenstadtbereiche zwischen Februar 2017 und Februar 2020. So sank in diesem Zeitraum die Stickoxidbelastung (NO2) um 44 Prozent. Ein effizienter Schritt zur Einhaltung der NO2-Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.
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Möglich wurde dies nicht durch ein rigides Fahrverbot für Fahrzeuge mit besonders schlechten Abgaswerten. Vielmehr steuert die Stadt London den gesundheitsgefährdenden Stadtverkehr durch hohe Abgasgebühren. Fahrer von Dieselfahrzeugen unter der Abgasnorm Euro 6 und Benzinautos unter Euro 4 müssen 12,5 britische Pfund pro Tag entrichten, entsprechende Busse und Laster sogar 100 Pfund. Gilt diese Regelung rund um die Uhr, kommt tagsüber noch eine Stauabgabe, die "Congestion Charge", in Höhe von 15 Pfund hinzu. Zusammen also eine City-Maut von umgerechnet knapp 30 Euro.
"Größte Umweltzone ihrer Art"
Dieses effiziente ULEZ-System weitete London nun von der zentralen Innenstadt auf einen drastisch vergrößerten Bereich innerhalb eines Ringstraßengürtels aus, in dem rund 3,8 Millionen Menschen leben. Pro Tag bewegen sich in dieser neuen ULEZ-Zone etwa eine Million Fahrzeuge. Von diesen erfüllen geschätzt 87 Prozent die strengen Abgasanforderungen, doch fast 140.000 ältere und dreckigere Fahrzeuge müssen nun den Bereich meiden oder die Abgasgebühr entrichten. Laut der Vizebürgermeisterin Shirley Rodrigues sei dies die größte Umweltzone ihrer Art in der Welt und dabei eine schnell umsetzbare und effiziente Maßnahme zur Reinhaltung der Stadtluft.
Auch in Deutschland wird eine vergleichbare City-Maut immer wieder breit und sehr kontrovers diskutiert. Dabei könnte damit gerade in Großstädten wie München nach Schätzungen von Verkehrsplanern der Verkehr um mehr als ein Fünftel reduziert werden. So sagte zur diesjährigen IAA in München Carl Eckhardt, Leiter des BMW-Kompetenzzentrums Urbane Mobilität, gegenüber dpa, dass eine City-Maut besser sei als der jetzige Zustand und besser als starre Verbote. Zudem ließe sich die Maut-Pflicht nicht wie in London mit Kameras an den Straßen überwachen, sondern eleganter mit Handy- und Mobilfunkdaten.
(bsc)