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Was war. Was wird.

Der Mensch wird geboren, und schon ist er eine Sicherheitslücke, wusste schon Rousseau. Hal Faber weiß aber auch, dass der Mensch geboren wird und schon in Ketten liegt. Da beißen weder Rumpelstilzchen noch Old Calmhand einen Faden ab.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Der Mensch wird geboren und schon liegt er in Ketten: In meinem Fall lagen diese in Hannover herum, das ich in der Schule gerne als Hangover schrieb, mit drastischen Strafarbeiten hinterher. Das hat Spuren hinterlassen: Kröpcke, Kröpcke, Kröpcke. Genug? Ich muss mich bei allen Lesern für das falsche Kröpke vom letzten WWWW entschuldigen. Kröpcke mit ck ist kein Leuchtturm, kein Schiff und kein Nachrichtensprecher, sondern ein Platz in der Mitte des weltoffenen Hannover, mit dem nicht zu spaßen ist. Dort traf ich nicht nur meinen persönlichen Inder, sondern auch Tim O'Reilly von diesem seinen Verlag, der aus Kostengründen nur lizenzfreie Stiche längst verblichener Autoren auf die Buchtitel hievt. Was natürlich zu der Frage provoziert, ob es keinen Stich von St. Ignutius gibt: Die offizielle Biografie von Richard Stallmann kommt ohne Stich, mit Foto. Stallman, das ist der Mann, der in seinen Vorträgen die Haare immer nach gesplissten Stellen absucht: Die Angst vorm Forking der Ideen ist halt groß. Am Ende die Rechnung, und siehe da: Kröpke, Cafe Mövenpick. Hey Ober, haste mal ein C?

*** In hundert, zweihundert, oder dreihundert Jahren wird St. Ignutius der Stammheilige des Internet sein. Bis dahin behelfen wird uns mit St. Isidor beim Gebet, das vor Ort in den Babelfisch getütet werden kann: "Während unserer Reisen durch das Internet wir unsere Hände und Augen nur auf das verweisen, das zu Dir und zur Festlichkeit mit Nächstenliebe und Geduld alle jene Seelen angenehm ist, die wir antreffen." Tja, Nächstenliebe spielt in dem Buch von Philip Kaplan über F'd Companies nicht unbedingt die Hauptrolle. So merken wir: Nicht jeder Kaplan gehört in die Kirche.

*** Warum Menschen Bücher schreiben, ist mir natürlich ein Rätsel: Kolumnen wie WWWW sind viel schicker und bringen genauso wenig Geld ein. Wahrscheinlich ist es der Drang, 5.700 Euro loszuwerden, wie bei My Favourite Book, das gerade heimlich, still und leise F'd macht. Das trifft Autoren wie Spießer Alfons. Der kann auf der anderen Seite neue Leser begrüßen, wenn eMarket wie Fireball der Mutter beigelegt wird. "Ganz einfach durch sanftes Schütteln,", schreibt die Redaktion zum Abschied, kann man weiterlesen.

*** Wer sie noch hat, die monströsen Bücher der längst zu Ende gegangenen CeBIT, sollte die Brocken auch mal sanft schütteln. Zumindest aus einer Teilauflage fallen dann Kärtchen der schwedischen TCO Develeopment heraus, die mit "TCO'01" ein neues Qualitäts- und Umweltgütesiegel für Mobiltelefone bewirbt. Besonders gut machen sich die dort abgedruckten Benutzertipps: "Überlegen Sie immer, ob Sie nicht auch ein Festnetz-Telefon benutzen dürfen." Und: "Halten Sie ihre Gespräche kurz. Vielleicht können Sie das Gespräch im Festnetz fortsetzen?" Ja, mit solchen Tipps schafft man sich Freunde bei den Mobilfunkern und hilft in der aktuellen aktuellen Debatte um den gefährlichen Funk.

*** Beim Stichwort Telefonieren dürfen wir einfach E.T. nicht vergessen, der vorgestern vor 20 Jahren an den Start ging und uns in glücklichen Kintopp-Stunden auf die Ankunft der Außerirdischen vorbereitete. Nun gut, für einige endete die Sache auch unglücklich, etwa für Atari. Inzwischen sind die Außerirdischen unter uns und treiben munter dummes Zeug. Nur selten fallen sie dabei auf: Niemand spricht Ihnen, wie unseren Indern, das Recht auf die ganze Entfaltung ihrer Persönlichkeit ab. Ja, wir Deutschen haben diese Woche sogar mit vielen lustigen Tricks ein hochmodernes Zuwanderungsgesetz bekommen, das die Assimilierung der Borgs beschleunigt. Die Borgs allerdings dürften sich wundern, durch wen sie da assimiliert werden: Von Chruschtschow bis zu Rumpelstilzchen reicht die Palette, die, Verfassungskrise des bayerischen Hutzliputzli hin, ruhige Hand des niedersächsischen Old Calmhand her, unseren Borgs das Assimiliert werden verleidet. Obwohl: Immerhin zeigte unser aller Schily noch etwas intellektuelle Distanz, als er in der ARD die Frage aufwarf, warum das Wiesbadener Rumpelstilzchen Koch nicht gleich den Schuh auszog. Und was E.T. anbelangt: Eigentlich könnte er aufs Telefon verzichten und nach Hause mailen. Will sagen: Wenn Filme schon überarbeitet werden, sollte man sie der Zeit anpassen. Überhaupt ist das Thema etwas derangiert. Heute geht niemand so schnell verloren, nicht einmal ein Fässchen Bier.

*** Eigentlich sind es nur Briefe, die verloren gehen, oder ganze Briefträger, die manchmal an den Briefen dran sind. Das zeigt uns der Prozess zum Fahren ohne Fahrerlaubnis, der am Donnerstag gegen Kimble Schmitz in München vertagt werden musste. Da soll doch ein Postbeamter bei Schmitzens mit einer nicht persönlich unterschriebenen Zustellurkunde abgezogen sein, ohne sich von der Identität des Dicken überzeugt zu haben. Sowas aber auch! Nun spricht der Anwalt von einem Rachefeldzug des Justiz gegen ein junges deutsches Computergenie, mit den denkwürdigen Worten: "Wenn hier ein CSU-Politiker stehen würde, dann wäre das Verfahren längst eingestellt." Müssen wird das als verklausulierte Erklärung des Unbeugsamen nehmen, nun in die Politik zu gehen? Oder bleibt Kim Schmitz dem kleinkrimniellen Milieu der Computerbranche und ihrer verbrecherischen Presse erhalten?

Was wird.

"Sie haben es geschafft, Ihre drei Data-Center nach monatelanger Arbeit endlich zu konsolidieren. Aber schon stehen sie vor der nächsten Herausforderung: Sie müssen zwei weitere Data-Center integrieren, weil ihre Firma gerade fusioniert." Die Anzeige, die Hewlett Packard in Fachblättern zum Lobe von OpenView schaltet, könnte als zarte Ironie, gar als Rache der Admins auf das Fusionshickhack gedeutet werden. Konsolidieren oder kondolieren, das ist wirklich die Frage, wenn das große Entlassen losgeht. Aber bitte, auch darauf kennt die Werbung von HP einen Kommentar, man muss nur etwas weiter blättern: "Ihre Mitarbeiter fordern mehr Speicherplatz. Aber Ihr IT-Team wurde gerade verkleinert. Und das IT-Budget für dieses Jahr ist auch schon aufgebraucht." Tja, Carly, so sieht es aus. Ein FSAM, das mit diesen Worten beworben wird, ist übrigens kein Federated Shareholder Anger Mismatch, sondern das Federated Storage Area Management. Die nächsten Wochen und Monate dürfen noch spannend werden, nicht allein wegen der ur-amerikanischen Spezialität des Auszählens von Stimmzetteln. Auch da haben die Werber das richtige Wort gefunden, wohl weil ihnen niemand den Legacy Code übersetzen wollte: "Wir helfen Ihnen bei dem Einschließen von Erbstücken."

Was immer noch nicht wird, das ist die Standardisierung der Prozedur, mit der Sicherheitslücken gemeldet werden. Angeblich soll die den Herstellern eingeräumte Frist von 30 Tagen für die interne Beseitigung von Sicherheitslücken "unmenschlich" sein. Jedenfalls möchte die IETF nicht menschliche Verhaltensweisen standardisieren. Das klingt nobel, ist aber unsinnig, wenn es um programmierte Attacken geht. Als Wort zum Sonntag gibt die Argumentation aber schwer zu denken. Um es mit Rousseau zu sagen: Der Mensch wird geboren, und schon ist er eine Sicherheitslücke. Das wusste übrigens Claude Chappe, der gestern vor 210 Jahren erstmals den Flügeltelegrafen in der französischen Nationalversammlung vorstellte, der "Frankreich und alle Völker der Erde zusammenbringen, die Aufklärung voranbringen und das Französische zu einer Sprache der Verständigung mit allen Völkern machen soll". Nur sollte das nicht jeder lesen können: Chappe entwickelte ein Verschlüsselungssystem auf der Basis von 92 Zeichen und einem Spezialwörterbuch. Jede verschlüsselte Nachricht wurde mit einer Präambel und einem Abschluss verschickt, die zusätzlich Prüfsummen enthielten. "Die Sicherheit aller Bürger hängt von der Sicherheit des Netzes der Aufklärung ab", schrieb Abraham Chappe später. (Hal Faber) / (jk)