Was war. Was wird.
"Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Eine Einsicht, die angesichts der Systems auch der IT-Branche vollständig abhanden gekommen zu sein scheint, meint Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Neu! Fesch! Smart! "Der Irak-Krisen-Ticker -- das Special zur brisanten Lage im Irak und dem potenziellen Militärschlag gegen Saddam Hussein im WAP-Portal von O2." Was O2 und die Zulieferer von Apollis mit aufregendem Gewinnspiel als Newstainment verkaufen, hat einen ziemlich schalen Beigeschmack. Im Nahost-Konflikt gibt es viele verwirrte Meinungen und wenige klare Gedanken. Einen hat vor einigen Wochen Jimmy Carter geäußert und dafür wurde er in einem WWWW ohne Links gelobt. Nun hat er den Friedensnobelpreis bekommen und zur Gratulation wird der Link aus der Kiste gekramt. Natürlich in der Hoffnung, dass der Schrott von einem spannenden WAP-Ticker sich nicht mit frisierten Kriegsnachrichten a la Desert Storm füllen möge.
*** Was Carter mit Bush verbindet, ist auch nicht ohne. Jimmy Carter war der letzte US-Präsident, der den so genannten Taft-Hartley Act als Trumpfkarte benutzte. Nun hat es ihm George W. Bush gleichgetan, weil Firmen wie Microsoft um das Weihnachtsgeschäft mit der Xbox zittern. 400 Container mit DVD-Spielern, Daddelkisten, Tablet PCs und Fernsehen warten darauf, entladen zu werden, weil Unternehmer gewerkschaftlich organisierte Arbeiter aussperrten, die sich mit der Arbeit nach Vorschrift gegen Tendenzen wehrten, bei Neueinstellungen Menschen ohne Gewerkschaftsausweis zu akzeptieren -- oder so. Die Sachlage ist einigermaßen kompliziert.
*** Kompliziert ist auch der Privacy Health Index, mit dem Microsoft die Vertrauenswürdigkeit seiner Mitarbeiter misst. Dies vor allem, weil es 1241 Punkte in Zusammenhang mit der latent bedrohten Privacy gibt, die Beachtung finden sollten. Glaubt man dem dazugehörigen Tabellenmaterial, so ist Deutschland hervorragend aufgestellt, als Nummer 2, nach den USA.
*** Doch wo steht Deutschland sonst? Nehmen wir einmal den Fall Bertelsmann und betrachten ihn nicht aus der Froschperspektive zitternder CIOs. Einst schaffte es Thomas Middelhoff in völliger Unkenntnis der Geschichte, den Bertelsmann-Verlag als Hort des Widerstandes gegen das Nazi-Regime zu preisen, weil Schiebereien mit reichlich vorhandenen Papier-Kontingenten im Dritten Reich zur kurzweiligen Schließung führten. Der Düsseldorfer Soziologe Hersch Fischler erhob Einspuch und so inthronierte Bertelsmann eine Untersuchungskomission zur Geschichte des Verlages, die unermüdlich belastendes Material ausgrub. Seit letzter Woche ist es klar, dass der Lauf der Welt nicht von flotten Sprüchen übertüncht werden kann: Bertelsmann hat wie kein anderer Verlag von Kriegsliteratur profitiert, wurde zum größten Buchproduzenten für die Wehrmacht und hatte damit in der Nachkriegszeit einen Head Start sondergleichen, befand die Unabhängige Historische Kommission. Dass Middelhoff den Stein ins Rollen gebracht hat, soll ihm mehr als alle Dot.com-Pläne den Posten gekostet haben. Was ist ein Napster gegen das Drucken von "Spannanden Geschichten" für die Jugend mit Liedern für das Feld? Im Multiversum der immer noch verzückten Dot.com-Welt ist Middelhoff ein Star im Who Is-Ranking, das seinen Start als Beginn einer neuen Zuversicht feiert. Da muss man doch dem New Business gratulieren, auch wenn noch ein paar Kleinigkeiten fehlen.
*** Ich schweife ab. Das Jubiläum des Tages ist natürlich die Grundsteinlegung für das Weiße Haus, von George Washington vor 210 Jahren betrieben. John Adams hieß der erste Präsident, der das Gebäude bewohnen durfte. Dummerweise hielt es nicht lange, sondern wurde in einem längst vergessenen Krieg niedergebrannt. Heute sieht es anders aus: Im Weißen Haus herrscht die Angst, ohne Krieg vergessen zu werden.
Was wird.
Am Montag öffnet die Systems ihre Pforten. Die Messe bringt uns Antwort auf die dräuende Frage, ob sich die Innovationsgeschwindigkeit der IT-Branche verlangsamt. Oder, um es in der PR-Sprache eines Anbieters zu fassen: Die Systems ist die "Messe für den ultimativen Endorphinaustoß". Das macht doch neugierig. Eine weitere Messe sollte nicht fehlen, wenngleich dort Endorphin nur beim Einsatz der ausgestellten Gerätschaften verschüttet wird. Die PMR Expo zu Leipzig beschäftigt sich mit Bündelfunk und Tunnelfunk und allen anderen Formen pulsierender Kommunikation. Ähnlich pulsierend soll es auch bei den Millenium-Tagen zugehen, die mit ein paar Millionen aus der EU-Kasse zeigen wollen, wie man eine Konferenz in den Sand setzt.
"Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen." Am 17. und 18. Oktober 1902 erschien im Berliner "Tag" der Brief des Lord Chandos an Francis Bacon, verfasst von Hugo von Hofmannstahl. Mit diesem Brief verschwand die Sprache aus unserer Welt: "Man kann alles, was es gibt, sagen; [...] aber man kann nie etwas ganz so sagen, wie es ist," moserte Hofmannsthal. Später antwortete ihm mit Wittgenstein ein anderer Österreicher: "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Im Land der wasserlöslichen Pop-Literaten der Generation Golf ist die Botschaft des Briefes natürlich Schweinefutter, doch für unsere IT-Branche immer noch essenziell: Wie schreibt man ein Handbuch, wenn die Spache stockt? "Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen," schrieb Hofmannsthal. "Die Welt fällt auseinander, es gibt kein Zentrum mehr", heißt es bei William Butler Yeats in dem Gedicht "The Second Coming". Als er Yeats illustrieren sollte, entwickelte Nick Bantock seine wunderschöne Geschichte von Griffin und Sabine, die es trotz Katja Riemann und Ben Becker zur Ceremony of Innocence brachte, der besten CD-ROM des vergangenen Jahrhunderts, produziert von Peter Gabriel. Danach hat Bantock einen Feldzug gegen den gedankenlosen Einsatz von E-Mail gestartet.
Wenn alle Gesänge verklungen, wenn Deutschlands bester Literat (ach Ungarn, wie darfst Du Dich ob Deiner Literaten glücklich preisen!) die hochaufragenden Eisberge Verona Feldbuschs besungen hat, bleibt immer noch das Fernsehen. Artern heißt die kleine Stadt im Kyffhäuserkreis von Thüringen, die die TV-Produktionsfirma Endemol mit Hilfe vieler Kameras zu einem übergroßen Big-Brother-Container umbauen möchte. Natürlich soll die Show einen guten Zweck erfüllen, heißt es im Labberspeak der Produzenten: "Die erlangte TV-Bekanntheit der Stadt soll den Arbeitslosen zu neuen Jobs verschaffen. Endemol schafft die Kontakte z.B. zu Großkonzernen, die Produktionsstätten in Artern aufbauen sollen." Da werden sich die Arterner aber freuen, die überwiegend in Sömmerda arbeiten, wo Fujitsu-Siemens die Puste ausgeht. Und die Arbeitslosen erst! Überwacht auf Schritt und tritt zum Wohle der Arbeit, wohl nicht der Freizeit, müsste der Plan eigentlich zum BigBrother-Award gereichen. Der wird in der übernächste Woche verliehen und zeigt das ganze, wahre, zauberhafte Daten-Deutschland abseits des Kyffhäusers. Nach der abgewrackten Generation @ kommt schließlich die arbeitslose, gut ausgebildete Generation Fear, die ihn will, den totalen Überwachungsstaat. (Hal Faber) / (jk)