Was war. Was wird.
Ist das endgültige Aus für A- und B-Seiten ebenso wie für unsere geliebten Sommerlöcher gekommen, die bislang mit den abwegigsten Themen gefüllt wurden? Es sieht so aus, meint ein traurig auf die Themen dieses Sommers blickender Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Sommer war's, Sommer war's, der Regen kam. Allenthalben wird über Klimakatastrophen und schmelzende Polareis-Flächen spekuliert, während in der norddeutschen Tiefebene subtropisches Klima herrscht -- oder manches Mal ein sich als Monsun verausgabender Regen den Bewohnern ganz neue Erfahrungen beschert. Haben wir wirklich nur das Wetter, das uns vor all den Sommerlochthemen von Bonus-Meilen bis hin zu einer Bild-Zeitung rettet, die sich als Hort der Pressefreiheit gerieren darf? O tempora, o mores.
*** Nein, all diese Sommerlöcher, in die auch arme Kolumnisten hineinfallen, um sich dort mit den Redakteuren zu treffen, denen noch bei jedem Thema genervte Leser ein kräftiges "Sommerloch!" entgegenbrüllen, schaffen es doch nicht, die Stimmung zu heben. Wo bleibt Nessie, hat nicht jemand den Kaiman Sammy gesehen? Möglicherweise erscheinen uns ja in einigen Monaten die Bilanzskandale wie ein ferner Albtraum, dessen Geschehnisse wir irgendwann unseren Enkeln erzählen. Wahrscheinlicher aber haben wir noch lange daran zu beißen, an diesem Sommerloch aller Sommerlöcher, in dem gar Teile des Internet versinken mögen, das wir doch aber alle zum Lesen dieser Kolumne brauchen. Da hilft auch kein Franz Müntefering, der sich nicht entblödete, Kai "beleidigte Unschuld" Dieckmann zu einem Auftritt zu verhelfen, nach dem man sich jedes noch so langweilige Sommerlochthema zurücksehnt: Himmel, lass Herbst werden, dann betrauern wir allenthalben erst einmal den ersten Jahrestag des 11. September, geh'n kurz darauf wählen, und haben es endlich geschafft: Der Sommer und seine Löcher sind überstanden. Auf zu neuen Ufern, an denen sich die Bild-Zeitung wieder da einordnet, wo sie hingehört, und Journalisten sich nicht ausgerechnet von euphemistisch mit "Adult-Webmaster" titulierten Zeitgenossen als Schmierfinken bezeichnen lassen müssen. Vielleicht wird es dann ja doch noch was, mit den Zeiten, und auch mit den Sitten.
*** Bin ich prüde, bin ich moralistisch? Mag sein. Das geht inzwischen so weit, dass ich mir die Bobos zurücksehne. Über sie war gut lästern, das tat keinem weh -- den Bobos nicht, den Lesern nicht, höchstens denjenigen, die sie nicht mochten. Nun sind sie weg, und mit ihnen anscheinend auch all die schönen Milliarden, die WorldCom mit all dem Datenverkehr gemacht haben wollte, denn die Bobos mit all ihren E-Commerce-Plänen und all ihren seltsamen Internet-Geschäftsmodellen erzeugt haben sollen. Na, außer Spesen nix gewesen, das Ende des fröhlichen Kapitalismus werden wir noch lange betrauern, jetzt, da die Grauen wieder heimlich den schwarzen Zahlen huldigen statt in aller Öffentlichkeit mit geschönten Bilanzen zu protzen. Ein Gunter Thielen in der New Yorker Bertelsmann-Dependance: Selten wirkte ein Manager so deplatziert. Da vergeht selbst mir die Lust, langsam zu tanzen -- mit oder ohne Napster.
*** Verlassen wir aber das Sommerloch und beklagen wir, dass am Ende eines Menschenlebens das finale Goto steht. Unter die Erde müssen wir alle, in der einen oder anderen Form, ob nun ein Blaubeerkuchen und eine Gitarre auf dem Sarg liegen oder nur ein Algorithmus. Edsger Dijkstra, der Vater des gleichnamigen Algorithmus, starb in dieser Woche nach einem langen, zähen Kampf gegen den Krebs. Zum Schluss witzelte der Verfasser von mehr als 1.300 Büchern und Aufsätzen auf einer Tagung in Bonn, dass sich die kranken Zellen schneller verbreiten als seine Publikationen. "Für mich ist es die erste Aufgabe der Computerwissenschaft, wie Ordnung in ein endliches, aber sehr großes Universum gebracht werden kann, das unendlich verschachtelt ist. Und die zweite, nicht weniger wichtige Aufgabe ist es, das, was man beim Lösen der ersten herausgefunden hat, in ein lehrbares Fach zu verwandeln. Es reicht niemals, seinen eigenen Verstand zu befriedigen (denn der wandert mit ins Grab), sondern man muss die anderen lehren, ihren Verstand zu gebrauchen. Je mehr man sich auf diese beiden Aufgaben konzentriert, desto schneller begreift man, dass beide nur die Seiten ein und derselben Medaille sind: Wer sich selbst etwas lehrt, entdeckt, was gelehrt werden kann." Die Weitergabe des Wissens als vornehmste Aufgabe der Programmierer ist mehr als das Herumhängen mit den Coolen Jungs.
*** Wer lernt, lehrt: Heute vor 77 Jahren wurde Alex Palmer Haley geboren, der mit der Autobiographie von Malcolm X Geschichte machte und mit "Roots" die Amerikaner lehrte, dass jeder Wurzeln hat. Haley interviewte so manchen Wissenschaftler für den Playboy, ganz ohne Respekt. Betrachtet man sich die Eintönigkeit, mit der heute bis hin zum Spiegel über Stephen Wolframs "Ankos" geratscht wird, als habe es keinen Konrad Zuse gegeben, so wünscht man sich ein Interview von Haley dazu. So aber reicht es nur zur gelahrten Wissenschaft und den üblichen -- ja, genau, Verdächtigen. Wonach man wieder ein Anko ohne Science schätzen lernt.
*** In der Rückschau auf die Ereignisse dieser Woche spielt Microsoft natürlich eine besondere Rolle. Die Lieblingsfirma von Stoiber und Schröder hat für ihren Pass einen Rüffel von der FTC kassiert und möchte die so erhaltenen "enormen Verbesserungen aus einem konstruktiven Dialog mit der Regierung über wichtige Fragen des öffentlichen Interesses" (Brad Smith) auch auf die Verhandlungen mit der Europäischen Union gemünzt wissen. Die beste Zusammenfassung der Position lieferte freilich nicht die Computerpresse, sondern der Schnittpunkt: "Wir haben nichts getan. Sie können nichts beweisen. Wir werden es nie wieder tun." Und schon gar nicht in Europa, oder Deutschland, wo Sicherheit besonders groß geschrieben wird, gewissermaßen wie die zehn Gebote.
*** Und so feiern wir nun zum Abschluss wohl doch endgültig Abschied von einer liebgewordenen Gewohnheit: Zu den Geschichten, die das Leben schreibt, die in kein Sommerloch passen und die es dennoch nicht in den Newsticker schaffen, gehört der Abschied einer ganzen Generation von jungen Unternehmern, deren Gattungsname mir nun, nach der langen Vorrede, partout nicht mehr einfallen will. Stilvolle Stadien werden rasiert, ehrenvolle Spenden in letzter Minute überreicht, neue Präsidenten vorgeschlagen. Auch bei uns ist Wahlkampfzeit und die Verknüpfung mit der Kerngruppe der Wähler eben gefragt wie nie. Hat Middelhoff seine Ich AG bei Schröder angemeldet? Bekommt Stoiber "exklusiv autorisierte, geheime Tipps" von Microsoft? Die Spannung steigt, obwohl sie nicht einmal anliegt. Alles glotzt TV und niemand hört Nina Hagen. Wie meinte ich anfangs? Genau: O tempora, o mores.
Was wird.
Halt, stopp: Vielleicht sollten wir doch lieber von anderen ehemaligen Zeitgenosen endgültig Abschied feiern? Es steht mir nicht an, das dicke Kind zu kritisieren -- doch etwas sentimental stimmt es schon, die zu erwartenden Trauerfeierlichkeiten zu betrachten, die einem angeblichen Wiedergänger zu seinem 25. Todestag gegeben werden, während Ernst Bloch den seinigen in der vergangenen Woche in seinem Grab weitgehend unbeachtet vorübergehen sah. Schade, dass immer von den Falschen angenommen wird, sie lebten noch. Man mag das als endgültigen Beweis für das Verdikt von Blochs Kollegen sehen, es gebe kein richtiges Leben im Falschen.
Wie auch immer: Es ist noch fast eine ganze Woche hin, doch im Feuilleton rauscht der King bereits voll ab. Elvis Presley, der größte Esser, der einzige Heilige Amerikas, wird zu seinem 25. Todestag für den großen Weg bemüht, selbst wenn er denn in den Irak führt. Nun gibt es halt wirklich genügend Amerikaner, die behaupten, das Elvis lebt. Ungefähr so wie Jesus oder Little Richard oder noch mehr, der Bedarf scheint jedenfalls vorhanden zu sein. Memes haben Gute Zeiten und Elvis wird mit seinem schwarzen Helicopter überall gern gesehen.
Inmitten der Jubilarien für König Elvis mag es ebenfalls verwegen sein, Abba und ihre "Visitors" zu feiern. Am 17. August 1982 wurde diese Scheibe als erste ihrer Art silbern ausgeliefert: die erste Audio Compact Disc der Welt wurde in Hannover-Langenhagen präsentiert, zusammen mit der witzigen Erklärung von Polygram (Universal) und Bayer (Leverkusen), das erste Makrolon zur Speicherung von digitalen Daten gefunden zu haben. Zwar gab es damals noch keine CD-Laufwerke für die breite Masse, doch die Musikbranche feierte das Ende der Zeit, als die Welt noch in eine A-Seite und eine B-Seite eingeteilt werden konnte. Eigentlich dauerte es bis zum Siegeszug des CD-Brenners und seiner höllischen Nachfahren (die erste DVD kam 1996 aus Langenhagen, bespielt mit dem Genudel der "Drei Tenöre"), bis alle erkannten, dass die Welt doch aus einer A-Seite und einer B-Seite besteht. Wobei man bei Massive Attack und ihrem Fotografen Nick Knight noch anmerken sollte, dass es Menschen gibt, die das tote LP-Cover in Ehren halten und nicht vor dem Sieg der Pixi-Bücher kapitulieren.
Achja: Auch das Sommerloch hat eine A-Seite und eine B-Seite. Was WWWW-Leser nicht überraschen wird. 23 Vorschläge zum Heise-Chalking vom einfachen H bis hin zum Penrose-Muster lassen die Juri grübeln, im Loch. (Hal Faber) / (jk)