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Was war. Was wird.

Es ist kalt: Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten machen seltsames Bildungsfernsehen, die Geeks schlagen die Schlachten der Vergangenheit. Wann wird es wieder wärmer? Fragt sich frierend Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es klirrt. Draußen klirrt es, der erste Kälteeinbruch des Winters. Aber ist mir nur deswegen kalt? Während Jakob der Lügner im Privatfernsehen seine Geschichten erzählt, schwadroniert im öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen Mathias Richling über das Mahnmal für die ermordeten Juden: Eisenmans Stehlen, eingezäunt von Stacheldraht und mit Wachtürmen bewacht gegen von den Klötzen springende Selbstmörder und gegen Hakenkreuze schmierende Neonazis, das erscheint in einem Land der Täter, die sich als die eigentlichen Opfer fühlen, nur allzu realistisch. "Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen", meinte Henryk M. Broder. Und Thomas Gottschalk liefert die eigentlichen, öffentlich-rechtlich sauberen Späße als Hintergrundrauschen zu Steuersong und letzten Hemden. Draußen klirrt es. Es ist kalt.

*** Nun, lasset nicht alle Hoffnung fahren, auch wenn ihr hier weiterlest. Denn mir ist völlig klar, dass ich nur in einem Zweig eines mannigfaltig ausdifferenzierten Universums lebe, in dem es für mich keine Rente gibt. Doch warum ist es so ein kümmerlicher Zweig und obendrein einer, in dem die volle Ladung Weihnachten droht? Es ist die Zeit, in der die Werber wirken, als seien sie von einem Rentierschlitten -- oder was immer für Viecher die roten Rotten ziehen -- überfahren und um den Verstand gebracht worden. Nehmen wir Sony, das mit der Entscheidung für StarOffice Verstand zeigen will und auch sonst mit seinen Werbeartikeln maßvoll umgeht. Bloß will sich der Konzern irgendwie nicht damit abfinden, dass er die Playstation im Jahre 2006 einpacken muss. So blubbert Sony vorweihnachtlich:
"Das Herzstück der Kampagne ist der mobile Wunschzettel, mit dem Santa Claus persönlich den sehnlichsten Wunsch der SMS-Jünger nach einer PlayStation2 bei den Eltern oder Freunden am Handy vorträgt. In der Initialansprache erhalten über eine halbe Million 12-25jährige PlayStation2-Fans die Möglichkeit, Santa Claus an die Eltern oder an reiche Tanten und Onkels zu verschicken. Ergänzend können mobile Grußkarten verschickt werden: Ob als singender Techno-Weihnachtsmann ("Jingle Bells, Jingle Bells, Hohho hohho hoo!") oder als Androhung des Besuchs der keksknabbernden Oma zu Weihnachten. Mit der Kreation werden neue Maßstäbe im Mobile Marketing gesetzt."
In Anbetracht solcher Formulierungen auf einem nach unten offenen MaĂźstab zeugt es schon von Intelligenz, wenn Mattel zu Weihnachten mit einem Blog von Barbie die Kauflust stachelt.

*** In meinem Zweig der Realität gibt es indes nicht nur Barbie, sondern auch Alice Schwarzer und die unvermeidlich passenden Machos im Heiseticker, denen ein Lötkolben oder Funkknochen komplett das Hirn verflüssigte. Handtuch drüber? Aber nicht doch, nicht in Deutschland, wo prompt weibliche Gelüste auf Zensur die Diskussion bereichern. So merken wir: Es gibt nicht nur Büssows, sondern auch Büssowininnen. Natürlich passt es dann aufs Beste, wenn ein Mann beschreibt, wie Frauen Männer ausspionieren. Der ekelige Hintergedanke, der jedwede Pornografie verurteilt, ist natürlich auch ein Gewächs, das mit Menschenverachtung den Betroffenheitskitsch vergangener Zeiten bemüht, in denen das Wörterbuch des Gutmenschen eine nützliche Lektüre war. So zensiert Emma nun in ihrem Forum die Beiträge in Form einer redaktionellen Bearbeitung und zwingt die kritischen Stimmen in die Weite des Internet.

*** Doch halt! Bei all dem Gebumse stellt sich glatt die Frage, wie der typisch männliche Leser des Heisetickers in diesem Zweig der Realität eigentlich aussieht. In meinem erfolgreich abgeschlossenen LeserInnen-Wettbewerb trudelten Bilder von Plüschtieren und auch von Adminas ein, die sich nackt vor Serverfarmen räkelten. Der typische Leser war nicht dabei. Reitet er gut behütet in die untergehende Sonne? Oder ist er vielleicht um sein wertvollstes Körperteil besorgt? Oder ist sieht er nicht ganz so bescheuert aus und kümmert sich um Kunst und Schönheit? Ist er vielleicht großväterlich ausgestattet? Hört er Scumbucket oder dröhnt sich mit dem unfähigen Willie Nelson die Birne zu? Sicher ist, dass einige Ticker-Leser noch in der Pubertät sind und daher auf den Heiseticker Gedichte schreiben, in denen der Technik Wunde ihre Runde macht, bis der Freitag lacht.

*** Das ist normal, das mit der Pubertät und den Gedichten, aber der Freitag? Was ist denn eigentlich los, wenn schon Dienstags gefragt wird, ob nicht vielleicht Freitag ist? Woher kommt das Märchen, dass am Freitag nur verquere Geschichten von Eisenstangen und Murmeltieren die IT-Welt heimsuchen? Ist Freitag kein seriöses Blatt? Wahrscheinlich ist der etwas lockere, mitunter sogar nachsichtige Ton am Freitag auch gegenüber den Anhängern der reinen Lehre vom heiligen IGNUcius oder Gott Gates für den Mythos verantwortlich. Erklären wir ihn zum Relikt einer echten proletarischen Kultur, die zwischen Manns- und Weibsbildern keinen Unterschied macht.

*** Für Leser des Heisetickers gibt es indes ein anderes Rätsel, wenn Meldungen von Aldi, Norma oder Lidl in den Nachrichten auftauchen. Gerne wird dann mit Sanktionen übelster Art gedroht, etwa der Kündigung eines Abonnements. Dabei darf dieser Ticker die Realität nicht ignorieren und die sieht so aus: Nach den Meldungen zu besonders bösartigen Viren sind Meldungen zu Aldi und Co. die absoluten Spitzenreiter. 224.151 Nutzer vermeldete die Schnäppchen-Schlacht, nur von einem Crack des Steuerprogrammes Windows XP übertroffen (264.946 Zugriffe). In der absoluten Tabelle der Spitzenmeldungen hält Aldi Platz vier, in der Staffelung nach Firmennennungen und Zugriffshäufigkeit führt Aldi weit vor Microsoft und Linux. Die Discounter mögen die Branche der Computerhändler ruinieren, sind aber nur die Konsequenz aus der einfachen Tatsache, dass ein Computer heute nicht anders wie ein Toaster funktioniert, nicht anders als ein Brötchen gekauft wird und nicht anders als Dosenfutter im Müll landet.

*** Das aber, das mit dem Dosenfutter und dem Toaster, das wollen unsere Geeks noch immer nicht wahrhaben und schlagen die Schlachten der Vergangenheit bis in alle Ewigkeit, als ob das Murmeltier und nicht ein Gates-Gott oder Pinguin-Heiliger ihre Ikonografie bestimmten. Dabei könnten sie's besser wissen: "Computers are doing to communication what fences did to pastures and cars did to streets", meinte Ivan Illich. Dieser Illich, der vergangenen Dienstag starb und den wir als Menschenfreund in Erinnerung behalten werden, setzte Selbstbegrenzung -- eine politische Kritik der Technik gegen die ausufernden, von Menschen selbst geschaffenen Systeme und Experten-Geheimzirkel, die eben die Menschen, denen sie vorgeben zu helfen, entmündigen. Ebenso wie die Technik, die als Black Box den gemeinen User hilflos der Ungereimtheiten und Fehler ausliefert, die ihre Erfinder -- sind sie nun bei Microsoft und Intel beschäftigt oder im weiten Feld der Open-Source-Scene beheimatet -- ganz normal finden. Der Anwender aber ist der Doofe, der die Fehler ausbaden muss. Die schöne neue Welt der Geeks war nichts für Illich, für die Geeks aber sollten Illichs Bücher Pflichtlektüre sein. Besser wäre es in einer Zeit, in der es kalt ist und in der die Folgen der Technik niemand mehr zu interessieren scheinen.

*** Kommen wir zu den erfreulichen Meldungen dieser Woche. Sie stammen natürlich von den Preisen und knuddeligen Ehrungen, die auch zu Weihnachten gehören. Freuen wir uns mit Branwen Okpako und ihrer tollen Videoinstallation "Seh' ich was, das Du nicht siehst?", die den diesjährigen Hal-Award der Multimediastadt Halle (nein, nicht bei Bielefeld) gewann. Feiern wir ein rauchendes Fest mit der Stadt San Jose, die einen Adobe-Tag zu Ehren der Firma veranstaltet, die dafür verantwortlich ist, dass wir megabytegroße Dokumente direkt aus der Druckvorstufe als E-Mail bekommen.

*** Ein Kerzenlicht zu diesem zweiten Advent verdienen natürlich zwei vergessene Gestalten. Da wäre Georges Méliès, der dem Kino seine Freiheit gab, diesen Realitätszweig zur ignorieren. Dafür ist sein Werk über die Reise zum Mond noch heute der meistkopierte und piratisierte Film der Geschichte -- und dennoch boomt die Industrie noch heute. Mit einem lauten Tapocketa-pocketa-pocketa sei an James Thurber erinnert, der uns allen eine wichtige Lektion erteilen konnte: Man fällt auf die Schnauze, wenn man sich zu weit zurücklehnt.

Was wird.

Die typisch weibliche Tickerleserin treffen wir -- ein typisch männliches Vorurteil über typisch weibliche Vorlieben -- auf einer Modenschau in Cottbus, der Stadt der Couture und des Fußballvereins voller Energie, auch wenn es nur zum falschen Ende der Tabelle reicht. Ja, Mode wird gemacht, es geht voran: Nächste Woche kommt die nackte Wahrheit über die typische Tickerleserin bei Heise, von Kopf bis Fuß und noch viel weiter.

Und weil der Freitags-Flame zur guten Tradition dieser Nachrichtenseite zu werden droht, muss der nächste Freitag, der 13., gebührend gefeiert werden. Proklamieren wir ihn einfach zur Erinnerung an ein Ereignis vor 25 Jahren zum Tag des fröhlichen Verkehrssünders! Ja, so sehen die großen Momente in der Geschichte aus.

Natürlich, Josella, gibt es eine Realität, in der Bill Gates Sozialpädagoge geworden ist und im Heisinnen-Ticker über die Tiger-Theorie diskutiert wird und sich niemand dafür interessiert, welcher Idiot Erster geworden ist. Nur nicht hier. (Hal Faber) / (jk)