Vorsicht vor dem eAuto, Teil III (in Dur oder Moll)

Neue Erkenntnisse von der eAuto-Front zeigen ein bedrohliches Szenario: Die Hersteller wollen die Vorzüge und den Fahrspaß des eAutos beschneiden - der Sicherheit zuliebe. Dabei hält die deutsche Straßenverkehrsordnung eine harmonische Lösung bereit.

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Von
  • Martin Kölling

Im ersten Teil der Blog-Serie "Vorsicht vor dem eAuto" schrieb ich noch scherzhaft, dass man eAutos muhen lassen solle, um sie im Schritttempo hörbar zu machen, und dass man ihr sagenhaftes Beschleunigungsverhalten künstlich dem von Benziner anpassen müsse, um Auffahr- und ähnliche Unfälle zu vermeiden.

Nach diversen Fahreindrücken mit den Stromern in Tokio und Umgebung folgerte ich im zweiten Teil, dass besonders die Schleichfahrt im Wohnbezirk schon ein Problem für Fußgänger darstellt, wenn der Fahrer neben der normalen Autohupe über kein dezentes Warnsignal verfügt. Nun muss ich – zu meinem persönlichen Leidwesen – berichten, dass zumindest hier in Japan die eAuto-Hersteller der ersten Stunde bereits dabei sind, dem flüsternden Sprinter zwei seiner Vorteile zu nehmen: die Stille und den Gasfußspaß.

Beginnen wir mit dem Lärm. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete kürzlich, dass Nissan das erste in wirklicher Großserie hergestellte eAuto Leaf im kommenden Jahr vielleicht in einer Art vorauseilendem Gehorsam mit Lautsprechern ausrüsten will, die bei Geschwindigkeiten unter 20 km/h "schöne Töne" abgeben (darüber ist das Reifengeräusch ein ausreichend Aufmerksamkeit erregender Lärmfaktor). In Japan und den USA werden bereits Mindestlärmvorschriften für eAutos diskutiert, weil Fußgänger sie bei niedrigen Geschwindigkeiten nicht mehr höhren können.

Der Forscher verwahrte sich dabei gegen die auch von mir geäußerte Idee, Autos tierische Töne ausstoßen zu lassen. Auch mir sträuben sich angesichts der möglichen Kakophonie aus Miauen (bereits in Tokio zum Nachrüsten erhältlich), Bellen und Nachtigallengesang die Nackenhaare. Aber, bitte schön, ist eine Kakophonie "schöner Töne" weniger nervenaufreibend? Und was sollen in diesem Zusammenhang denn "schöne Töne" sein? Soll das Auto etwa "Freude schöner Götterfunken" dudeln? Der Straßenlärm würde sich schlicht zu einer gewaltigen und ununterbrochenen Einstimmungsübung eines riesigen Orchesters verwandeln, ohne dass die Zuhörerschaft je durch ein tolles Konzert belohnt werden würde.

In Japan mag die Idee akzeptabel sein, ein Gerät Töne ausstoßen zu lassen, die es von seiner Funktion her nicht machen muss. Hier brabbeln ja auch Rolltreppen oder warnen Busse und Laster akustisch beim Abbiegen oder Zurücksetzen. Und in vielen Supermärkten rufen Marktschreier vom Band um die Wette, um die richtige Marktatmosphäre zu schaffen.

Ich hingegen halte die Idee im Prinzip für inakzeptabel, ein eAuto seinem Wesen nach unnatürliche Töne ausstoßen zu lassen. Bei Droschken haben die Menschen das Rumpeln der Räder, das Pferdegetrappel und Schnauben der Huftiere akzeptiert, weil es halt dazu gehört. Beim Motorengeräusch des Autos ist es genauso, bei vielen Fahrern hat sich sogar ein nahezu erotisches Verhältnis zum Motorenklang entwickelt. Aber ein eAuto ist nun mal still – deswegen träumen ja so viele Menschen davon –, drum soll es auch still sein dürfen.

Ein bisschen mehr Fantasie, bitte schön, meine Damen und Herren in den Entwickler- und Amtstuben! Warum soll ein eAuto konstant Geräusche machen, wenn es die von sich aus nicht abgibt? Warum nicht, wie ich angeregt habe, ein leiseres Warnsignal einbauen, das der Fahrer betätigen kann? Oder ein, auf einem Fußgängerortungssystem basierenden halb- oder vollautomatisches System, das den Wagen akustisch warnen lässt, wenn sich ein Fußgänger gefährlich nähert und notfalls – wie Daimler bereits demonstriert hat –, selbsttätig ausweicht?

Eine andere Idee wäre, bei Schleichfahrt das Abrollgeräusch der Reifen akustisch zu verstärken, vielleicht so, als ob der Wagen über Kies fährt. Das ist meines Erachtens ein akzeptables Geräusch, da es mit einer Funktion des Wagens in Verbindung steht und keine Kakophonie verursacht.

Aber es ginge noch einfacher. Wie steht es denn mit einer Veränderung des Fahrverhaltens oder schlicht einer Rückbesinnung auf die gute alte Straßenverkehrsordnung? Schauen wir mal:

§ 1 Grundregeln

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Und vor allem meine Lieblingsregel – § 3 Geschwindigkeit:

(2a) Die Fahrzeugführer müssen sich gegenüber Kindern, Hilfsbedürftigen und älteren Menschen, insbesondere durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft, so verhalten, daß eine Gefährdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist.

In Deutschland dürften wir indes nicht mit singenden eAutos konfrontiert werden. Denn glücklicherweise hat die deutsche Straßenverkehrsordnung die Lösung für das Lärmproblem von eAutos bereits parat. Melodien sind verboten:

§ 16 Warnzeichen

(3) Schallzeichen dürfen nicht aus einer Folge verschieden hoher Töne bestehen.

Das bringt mich auf eine harmonische Lösung: Warum sollten wir nicht drei Töne eines Dreiklangs für den Gebrauch als Fahrtöne freigeben? Die Straßen würden dann summen statt lärmen. Wir müssen nur entscheiden, ob in Dur oder Moll. Ich finde, das hat was.

Und nun, bevor ich es vergesse, noch zum Beschleunigungsverhalten. Im ersten Teil meiner kleinen Blog-Serie hatte ich scherzhaft gefordert, das sagenhafte Beschleunigungsverhalten von eAutos aus dem Stand an das lahmere von Verbrennern anzupassen, weil sonst Unfälle auf Kreuzungen drohen. Was ich bis vor zwei Wochen nicht wusste: Die Realität war mal wieder schneller.

Bei meiner Testfahrt des in Japan bereits käuflichen "iMiev" von Mitsubishi Motors hatte ich bereits den Eindruck, dass der Wagen eine kurze Gedenksekunde einlegte, wenn ich das Gaspedal aufs Bodenblech durchtrat, bevor die eAuto-typische Beschleunigung einsetze. Als ich kürzlich einen Pressesprecher von Mitsubishi traf und ihn nebenbei darauf ansprach, bestätigte er meinen Eindruck. Die Ingenieure hätten absichtlich das Beschleunigungsverhalten ein bisschen an das von Verbrennern angeglichen, um das Unfallrisiko von eAuto-ungeübten Fahrern zu senken. Ich hätte am liebsten laut geschrien: "Weg mit der Spaßbremse!".

Denn: Niemand wird gezwungen, das Gaspedal runterzustampfen. Wenn euch, liebe Autohersteller, die Sicherheit so sehr bekümmert und ihr die Autofahrer ausbremsen wollt, baut lieber durch die Bank schwächere Motoren ein als immer noch ein paar PS draufzupacken.

Oder macht das Automobil gleich zu dem, was sein Name schon seit einem Jahrhundert verspricht: zum vollautomatisierten "Selbstfahrer", bei dem sich der Mensch nur noch im PlĂĽschsessel zurĂĽcklehnen muss. (wst)