Container mit Doppelbett
Was wird aus der kulturellen Errungenschaft des Reisens, wenn fĂĽr den Klimaschutz am Ende Flugkilometer rationiert werden wie Butter nach dem Krieg?
- Niels Boeing
Alle reden vom Klimaschutz - natürlich auch die Luftfahrt-Industrie. Aber im Himmel sind die Aussichten schwarz-grün: Die Ziele, die sich die Branche bis 2050 steckt, bleiben weit hinter dem zurück, was inzwischen als notwendig erachtet wird, und sie will ihre CO2-Bilanz ausschließlich mit technischen Mitteln verbessern (siehe Artikel von heute ). Dass der Flugverkehr langfristig eigentlich nicht wachsen darf, um sogar diese Ziele aufzuzehren, darüber will man in der Branche noch nicht nachdenken. Schon der Einbruch durch die gegenwärtige Wirtschaftskrise bereitet der Internationalen Luftfahrt-Organisation IATA Bauchschmerzen. Das Wachstum in der Luft steht für sie nicht zur Disposition.
Und für uns? In ökologisch korrekten Milieus ist es zunehmend verpönt, überhaupt zu fliegen. Aber die meisten von uns - dazu rechne ich mich auch – tun sich noch schwer damit, sich eine Welt vorzustellen, in der Flugkilometer rationiert werden wie Butter nach dem Krieg. Auch wenn der Massentourismus viele Schattenseiten hat, halte ich das Reisen an sich für eine große Errungenschaft der Globalisierung, weil es ein gutes Mittel gegen nationale oder lokale Borniertheit ist.
Aber so einfach ist die Sache natürlich nicht abgetan. Fliegen verursacht bereits heute drei Prozent der globalen CO2-Emissionen. Seine Treibhauswirksamkeit wird aber aufgrund von Ozon- und Wasserdampf-Ausstoß sowie der großen Höhe des Ausstoßes als deutlich höher angesetzt. Nach einer Abschätzung des Wuppertal-Instituts dürfte die Luftfahrt ab 2020 der Verkehrssektor sein, der am meisten CO2 ausstößt, wenn ihr bisheriges Wachstum von vier bis fünf Prozent jährlich anhält (diese Annahme stammt allerdings von vor der jetzigen Weltwirtschaftskrise).
Vom internationalen Flugverkehr entfallen heute rund 20 Prozent auf Frachtflüge. Die restlichen 80 Prozent sind Passagierflüge, von denen wiederum nur ein kleiner Teil Geschäftsreisen ausmacht. Schätzungsweise 70 Prozent aller Flüge dienen also dem Privatvergnügen: entweder um Urlaub zu machen oder die in aller Welt versprengten Freunde und Verwandte zu besuchen (in Zeiten der Globalisierung kann man das keinem verübeln).
Geschäftsreisen werden, da bin ich mir sicher, langfristig zum größten Teil durch Videokonferenzen ersetzt werden. Die Handlungsreisenden von heute werden gerne auf den Jetlag verzichten. Was ist aber mit Reisen als kultureller Aktivität für alle? Schaffen steigende Ölpreise oder begrenzte CO2-Kontingente für die Luftfahrt es einfach ab, und wir überlassen es wieder wie vor Jahrzehnten den begüterten Eliten?
Städte-Kurztrips und "Easy-Jet-Set" mit Billigfliegern (30 Prozent aller innereuropäischen Flüge) werden wohl als skurrile Fußnote in die Geschichte eingehen – immer vorausgesetzt, dass es nicht so weitergeht wie bisher. Dann wird plötzlich wieder etwas wichtig, das uns heute fehlt und das zum Reisen eigentlich unverzichtbar ist: Zeit.
Wenn man sich die nimmt, kommt man auch heute schon mit der Bahn überall hin in Europa. Von Hamburg ist man in acht Stunden in Paris, in 15 Stunden in London und 45 Stunden in Istanbul. Ich bin vor fünf Jahren selbst mit dem Zug nach Istanbul gefahren (wenn auch gestreckt über zwei Wochen). Eine "Er-fahrung", nach der ich mich gefragt habe, warum man das nicht öfter macht - es ist viel spannender. Der Weg wird wieder das Ziel. Und mit Bahnreisen verursacht man auf direktem Wege nur ein Viertel bis Fünftel der CO2-Emissionen (die Bilanzen bekommt man im UmweltMobilCheck der Bahn ausgerechnet: auf der Reiseauskunftsseite ein Ziel angeben und dann unter den Verbindungen "UmweltMobilCheck" anklicken).
Und was ist mit Fernreisen? Vielleicht werden findige Touristikunternehmen hierfür den Frachtverkehr per Schiff wiederentdecken. Man steigt zum Beispiel im Hamburger Hafen in spezielle "Hotel-Container" ein – auch mit Doppelbett –, die wie ganz normale Container auf die Frachter geladen werden. Am Zielhafen werden sie abgesetzt und wie jedes Hotelzimmer gereinigt. Natürlich wäre man dann erst in mehr als 20 Tagen in Asien. Und man würde das sicher nicht mehr jedes Jahr machen. Aber alle fünf Jahre vielleicht mal (mit den zunehmenden "unsteten Erwerbsbiografien" würde sich das sogar vertragen).
Um den Massen-, Billig- und Turbotourismus ist es nicht schade. Das echte Reisen aber einer neuen Öko-Askese zu opfern und nur noch in die eigene Provinz zu fahren, wäre für mich ein gewaltiger Rückschritt.
(nbo)