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Was war. Was wird.

Ob Urlaub in Hannover oder Quälerei in Alpe D'Huez: Utopolis ist noch weit entfernt, bedauert Hal Faber. Nicht nur, weil selbst die Open-Source- und Unix-Leute seltsame Finanziers finden.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hulk Faber den Blick für die Details schärfen, auch wenn manche Details auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Wie immer eine Warnung: Die sonntägliche Wochenschau ist für Sektenmitglieder und Religionsstifter nur bedingt geeignet.

Was war.

*** Der Sommer locht, die Politik rülpst und alles geht seinen Gang in den Ebenen. Auch wenn die Toskana-Fraktion keineswegs eine obskure Partei innerhalb Berlusconis Regierungskoalition darstellt, die ähnlich der Lega Nord für Selbstständigkeit kämpft. Manches Mitglied dieser allzu deutschen Fraktion dürfte peinlich berührt dem Kochen der Volksseele zugeschaut haben, konnte man doch die eigenen Vorurteile allzu leicht in den Äußerungen Stefano Stefanis wiederfinden: Schlimmer noch höchstens der Malle-Urlauber, die eigentliche Überhöhung und metaphysische Reinkarnation des Adria-Touristen. Nun ist Stefani nicht mehr im Amt, doch Kanzler Schröder verbringt den Sommer dennoch in Hannover, dem Hauptsitz des Heise-Verlags. Er zeigt den Italienern, dass nicht nur die Toskana-Fraktion, sondern auch der rülpsende blonde Deutsche immer noch Besserwisser und Lehrmeister sein kann, aber doch ein weiches, leicht verletzliches Herz hat -- und dann eben auch Mut und Konsequenz. Hannover! Im Sommer! Nana-Nada statt Ozio! Wie hatte nochmal dem Gerd seine Doris getitelt? "Der Kanzler wohnt im Swimming-Pool", von wegen. Er sitzt im Garten und bekommt politisch korrekt Friedensnudeln statt Spaghetti, unser aller Kanzler. Ohne den guten Barolo latürnich. Früher war das in Hannover übrigens anders als bei Kanzlern: wir Kinder aus Familien, die sich keinen Urlaub leisten konnten, verbrachten ihn in Bad List. In den Ferienaufsätzen war Bad List ein toller Ort mit hohen Bergen und großen Wellen, bis uns Inter-Rail erlöste und das ganze dreckige Europa zeigte.

*** Wie dreckig nicht nur Europa war, schrieb einst Herbert Gruhl in seinem Buch Ein Planet wird geplündert. Heute vor 25 Jahren gründete Gruhl die Bundespartei "Grüne Aktion Zukunft", die sich später den dann entstehenden Grünen anschloss. Zum Urlauben ging es dann nach -- Hannover, na klar, wo die Grüne Liste Umweltschutz schon länger existierte. Wo wir bei den Politikern sind, sollten auch die Politikerinnen nicht vergessen werden, nämlich Melanie Oßwald. Wo macht sie Ferien, ihren nächsten Com zu designen? Wenn die Postkutsche mit der E-Mail abgefahren ist, wohin bringt sie Melanie? Wo sind die höflichen Paparazzi, die uns aufklären können? Oder müssen wir auf Hilfe der Kahn-harten, doch immer schussbereiten Nachtagenten hoffen, die mit ihren Fotohandies courriels mit Bildchen schicken?

*** Urlaub ist übrigens sinnlos, alle Urlaubspläne sind Makulatur. Heute geht nämlich die Menschheit unter, wenn man Erich Kästner glauben schenkt, der vor mehr als 70 Jahren dichtend Das letzte Kapitel beschrieb:
Am 12. Juli 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.
Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgĂĽltig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.
Am 13. Juli 2003 flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Natürlich erklärt Kästners Geschichte vom Giftgas nicht, warum sich die im Irak gesuchten Massenvernichtungswaffen als Fabrikation des CIA entpuppten. Wenn sich der CIA-Chef für die Märchen entschuldigt, wenn Tony Blair sich in einer Glaubwürdigkeitslücke bei Geschichten aus dem Internet bedient, dann vergisst man schnell, dass im Irak der Krieg immer noch nicht zu Ende ist, bei dem das alte Europa jetzt aufräumen helfen soll. Wen interessiert das noch? Von 700 eingebetteten Journalisten sind nur noch 23 dabei, der Rest schreibt vielleicht Erinnerungsbücher.

*** Bis die menschenlose Erde ihre bekannten elliptischen Bahnen dreht, müssen wir uns noch etwas gedulden. Andere menschenlose und vor allem sehr viel ältere Sterne sind entdeckt worden und der Mensch sucht weiter, obwohl das Universum uns schon längst den Effe gezeigt hat. Das bringt mich natürlich zu einem anderen Jubiläum: Heute vor 55 Jahren startete der erste deutsche Nachkriegsfilm aus dem Genre Science-Fiction in den Kinos, Der Herr vom anderen Stern. Die Vorlage zum Film stammte von Werner Illing, der in den 30er Jahren mit Utopolis den kommunistischen SF-Klassiker ablieferte. Schnell wird die Sicherheitsbehörde auf den Herrn vom anderen Stern aufmerksam und in guter deutsch-deutscher Tradition wird er alsbald von der Geheimpolizei überwacht. Was Sternenbürgerrechte heute wert sind, will ein Ideenwettbewerb klären. Schau einer an.

*** In dieser Woche sorgte die neue Ehrlichkeit von Microsoft für einen Paukenschlag. Auch wenn Finanzblätter vermuteten, dass eine Kopfwäsche vom väterlichen Freund Warren Buffet die Herren Ballmer, Gates und Co. umstimmte, so stimmt das Resultat positiv. Die Zeit der Manager, die wegen ihrer Aktienoptionen nach der permanenten Steigerung der Aktienkurse gierten, geht ihrem Ende entgegen, wenn das Beispiel von Microsoft Schule macht. Auch anderswo gab Microsoft unerwartete Beispiele seines Engagements, etwa als Brötchengeber bei der Open Source Convention von O'Reilly, natürlich mit der passenden EULA. Doch wer frohlockt, sollte schon hinschauen, ob es nicht wie früher zugeht, was zumindest Nachrichten aus Massachusetts nahelegen. Sonst geht der Schuss in den Ofen: "Bill Gates stoppt E-Mail Terror" schlagzeilt da die neue PC-News "plakativ und locker". Danke, Bill.

*** Danke Scott, danke Sun für die Unterstützung von SCO, ohne die das IT-Sommertheater lange nicht so spannend wäre wie es heute ist. Ja, die Leser wollen leiden und das nicht mit Kanzlers in Hannover, sondern mit den großen Schurken, finsteren Gesellen und schönen Frauen, wie in Torvaldo e Dorliska. Was kümmern uns Pinguine, die im entscheidenen Moment von der Ungewissheit geplagt werden, vielleicht eine Ratte zu sein. Wir wollen das Drama, volle Anke. All die Tragödien am Telefon, die völlig ungesicherte Sun Workstations im Rahmen von CALEA mitschneiden, wenn SCO mit seinen Kunden telefoniert, den Linux-Besitzern droht und vielleicht noch ganz andere IT-Arbeiter heimsucht, etwa die C++ Programmierer.

Was wird.

Es ist nicht mit letzter Schlauheit feststellbar, doch gilt es als gesichert, dass C++ irgendwann in diesen schönen Julitagen seinen 20. Geburtstag in dem Sinne feiert, dass die Sprache im Juli 1983 bei AT&T kommerziell eingesetzt wurde. Später wurde dann der schöne Name gefunden, der als Grundstock für zahlreiche Witze und ernstere Abschweifungen diente. Ohne C++ kein GNU C++, kein Linux und kein Sommertheater, so könnte die Erbfolge lauten, in der als Neubürger in der Welt der Sprachen nunmehr C++Ox begrüßt werden kann. Wenn das nicht, programmtechnisch gesprochen, ein Grund zum Öffnen eines Bierchens ist, was dann?

Am Freitag tagte der Bundesrat und nun ist es soweit: Anfang August soll das neue Urheberrecht in Kraft treten. Für viele ein Grund zu trauern, für die Industrie ein Grund zu feiern. Die letzten Geschichten der Sorte "So knacken Sie richtig, so kopieren Sie alles" sind gedruckt, die atemlosen Tipps, "Bevor alles verboten ist", stehen auf den Websites. Traurig und beklagenswert ist dabei, dass jegliche Form des P2P-Vernetzens in den Ruch einer kriminellen Handlung gezerrt wird und MP3-Dateien nur zu Werbezwecken produziert werden. Mancher hängt nun die Gitarre an die Wand. Doch halt, es geht auch anders, und klingt auch anders.

Immer Gleiches aber kann auch ganz anders sein: Heute, heute wird wieder eine entscheidende Etappe gefahren bei der Tour, die ja auch noch ihren hundertsten Geburtstag feiert. Nicht nur bei der Kletterei über den Col du Galiber und dann nach Alpe D'Huez hinauf fragt man sich allerdings manchmal, warum noch kein Pharmakonzern sein eigenes Team auf die härteste Radtour der Welt geschickt hat. Aber egal: Menschen, Radler Sensationen, das ist es, was zählt, oder, kürzer gesagt: "Quäl Dich, Du Sau!" (Hal Faber) / (jk)