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Was war. Was wird.

Meister Büssow weiß nun sicher, wo der Hammer hängt. Ob das aber gewisse Anti-Rassismus-Gruppen auch wissen, wundert sich Hal Faber. So trägt jeder sein Scherflein bei zum IT-Sommertheater, das auf vielen Bühnen ausgetragen wird.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** ""Three years of heroism, frustration, and bloodshed are over." Es gab keinen Festakt, keine Parade und keine feierliche Ansprache, nur diesen Satz des amerikanischen Präsidenten Eisenhower zum Ende des Koreakrieges, der in den USA als "Polizeiaktion" tituliert wurde. Als der Koreakrieg begann, dichtete Ed Sanders Mao sagt nein über den General McArthur, der die Berichte seiner Geheimdienstler ignorierte. Die Folgen: Ein Krieg mit 1,55 Millionen Toten, darunter 33.000 Amerikaner der UNO-Friedenstruppe, in der 57.440 Soldaten starben. Es ist genug, lasst es sein, meinte Eisenhower, der mit der Abschaffung des Krieges Wahlen gewann. Zwei Jahre und 17 Tage mit 575 Treffen dauerten die Verhandlungen zu einem Vertrag, auf den 50 Jahre Waffenstillstand folgten -- offiziell ist der Frieden heute noch nicht. Dies zur Erinnerung an die Aktionen einer Weltmacht, die Fehler macht. Die die toten Söhne Saddam Husseins wie Twin Towers präsentiert und damit vergeblich hofft, dass alles bald vorbei ist

*** Auch Deutschland hielt sich mal für eine Weltmacht. Heute vor 103 Jahren war's, als Kaiser Wilhelm II in Bremerhaven die Truppen verabschiedete, die in den chinesischen Boxeraufstand ziehen sollten. Der Journalist Josef Ditzen schrieb als einziger die Rede mit und hielt sich nicht an die offizielle Version der kaiserlichen Spin Doctors. "Kommt Ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!" Nach dieser Rede hießen kriegslüsterne Deutsche nur noch die Hunnen, noch heute erinnern die Hunnen (und Koreaner) in Age of Empires daran -- oder wahlweise jedes Fußball-Freundschaftsspiel zwischen Deutschen und Engländern. Vielleicht muss man es als gutes, friedliches Zeichen nehmen, wenn The Hun der größte Porno-Hub im Internet ist und nicht zu irgendwelchen Seiten führt, auf denen Horst Mahler über sein Ausreiseverbot nach Auschwitz lamentiert.

*** "Ich lebe meine Töne" soll die Autobiografie heißen, die Daniel Küblböck auf den Markt wirft, auf seine langen 17 Jahre zurückblickend. "Ich lebe meine Filme" hat einmal Yahoo Serious getönt, der heute 50 Jahre alt wird und mit dem Jungen Einstein Physikgeschichte geschrieben hat -- aber noch keine Autobiografie von Küblböckschen Dimensionen. Ja, in Deutschland geht man gleich in die Vollen und verkündet "Wie wir waren", obwohl diese atemlosen Wirs der Dot.com-Zeit nur Nieten waren. So sind die Zeiten und wer bessere gesehen haben will, für den habe ich gleich den nächsten Tiefschlag bereit: Nach 40 Jahren hören die Fugs auf, weil Sänger Tuli Kupferberg demnächst seinen 80. Geburtstag feiert. Keine weitere Performance mit "Kill for Peace", das schmerzt. In meiner Jugendzeit waren die Knallfrösche ein wirksames Gegenmittel gegen die Schmalz-Attacken einer Joan Baez, die Küblböck so gerne imitiert. Ihr letztes Album, Teil I, gibt Hoffnung auf Teil II, Teil III oder auf andere Künstler, die die schwarzen copyrightfreien Ideen aufnehmen und weitermixen. Das Ende kommt sowieso und da ist es besser, den Plagiator zu rufen. Den Unsinn von Angeboten wie Apples iTunes begreifen inzwischen selbst Menschen, die vor jedem Produkt vom Infinite Loop den Gebetsteppich ausrollen. Wobei es in Wirklichkeit nur ein Produkt gab ...

*** Was folgt auf Apple? Keine Woche ohne Microsoft. Diesmal erfreute die Firma mit der Ankündigung 5000 neue Mitarbeiter einzustellen und anderen Firmen erhebliche Preisnachlässe bei den Lizenzen zu gewähren. Ob die Bewährungsauflagen einen großen Einnahmeverlust bedeuten, darf bezweifelt werden. Erfreulich jedenfalls, wenn das neue Microsoft-Zauberwort der "integrierten Innovation" Wirkungen zeitigt und, wie von Bill Gates höchstselbst verkündet, nur 5 Prozent aller Windows-Rechner zwei Mal pro Jahr abstürzen. Die Zahl der Computer, die ein Mal im Jahr abstürzen, wäre auch ganz interessant gewesen. Wie mutig ist das Volk der Bayern, wo sie (freilich in einem US-Werk) sich daran machen, die ersten Windows-BMWs zu entwickeln. Wenn fünf Prozent der Boliden zwei Mal im Jahr links statt rechts fahren, wäre übrigens eine Rückrufaktion fällig. Bei Betriebssystemen ist das nicht so schlimm und einer integrierten Innovation wert.

*** Aus Nordrhein-Westfalen kam dieser Tage die Meldung, dass die Landesregierung mit einer DDoS-Attacke vom Internet abgeschnitten wurde. Im Rundfunksender WDR meldete sich prompt Medienstaatssekretärin Meckel mit einer bemerkenswerten Einsicht. "Ja, da ist das passiert, was täglich überall auf der Welt passiert, sogar an der Wallstreet. Wir haben einen Firewall, aber der war vielleicht nicht im Dienst." Die Vorstellung, dass Firewalls oder die bösen Skripts im Internet die Kernarbeitszeit von NRW-Beamten einhalten, hat etwas Ermutigendes. Nicht so ermutigend fanden es diese Woche unter anderem die zum DAVID zusammengeschlossenen Internet-Initiativen, dass der Düsseldorfer Regierungspräsident Büssow den Anti-Rassismus-Preis "Der Goldene Hammer" für seine "Publicity Show" im Internet kassieren konnte. Was die immer nur haben: Schließlich wurde damit nun endlich der letzte aufrecht gehende Demokrat gefunden. Dieses bemerkenswerte Geschöpf schafft es trotz rechtsradikalen Internetnutzern, gezielter Negativpresse und unbotmäßigen Volksvertretern, seinen Weg weiterzugehen. Das ist doch nun wirklich einen Hammer wert.

*** Bleiben wir in deutschen Gefilden und betrachten einmal ganz ruhig ein Problem der bayerischen, genauer der Münchener Christlich-Sozialen Unterschriftspartei. Da liegen der Süddeutschen Zeitung ausgedruckte E-Mails vor, aus denen hervorgeht, dass neue Parteimitglieder mit satten Geldbeträgen geködert wurden. Nur werden die Echtheit der Ausdrucke von den Politikern bezweifelt. "E-Mails kann jeder fälschen", heißt es bei der CSU, die in dem ach so unsicheren Internet niemals ein so heikles Thema wie die Mitgliederwerbung behandeln würde. Wenn es eine Fälschung ist, komplett mit allen Angaben beteiligter Mailserver im Header, bis hin zu den Angaben über die bei der CSU verwendete Version von Microsoft Outlook, dann hat sich jemand sehr viel Mühe gemacht. Billigerweise sollte man als Gegen-Mühe erwarten, dass Politiker ihre Post signieren, wenn nicht gar verschlüsseln.

*** Diese Woche bescherte uns aparte Szenen im Sommertheater, mit einer SCO Group, die sich mit einem phlogistischen oder so Lizenzmodell in die Annalen der Computerbranche einschreiben will. Auch wenn sich der Protest von Australien bis Österreich regt, wird das Stück weiter aufgeführt, so laut, dass selbst IBM in einem Memo eine Anleitung zur Theaterkritik folgen lässt. Das sommerliche Theaterstück enthält in der neuesten Fassung Windungen, die auf den ersten Blick keine Nachricht wert sind. Da kaufte die SCO Group in dieser Woche die Firma Vultus, auf den ersten Blick ein kleines Unternehmen, das eine Lösung für die viel bejubelten Webservices entwickelt hat. Wirft man einen zweiten Blick auf die Daten, die die SCO Group der Finazaufsicht übermitteln muss, finden sich 305.274 SCO-Aktien zum Preis von 0,001 Dollar das Stück, die Vultus und die Canopy Group Anfang Juli erwarben. Der von SCO angebene Wert von Vultus entspricht diesen Aktien zum derzeitigen Preis des SCO-Papiers. Shakespeare gefällig?

Wer ist blöde
Und sieht diesen greiflichen Betrug?
Und wer ist so kühn und sagt, dass er ihn sieht?
Schlimm ist die Welt, sie muss zu Grunde gehen,
Wenn man muss schweigend solche Ränke sehen.

Was wird.

Aber nein, die Welt geht nicht unter. Sie macht nur Ferien, in Italien oder am Stadtrand von Berlin. Weiter sollte man sich als echter Hacker nicht in die Pampa wagen. Um Berlin herum grassiert dieser Tage eine maßlose RAF-Hysterie, die glatt noch den CCC befallen könnte, der einstmals mit den Logos der obersten deutschen Outlaws kokettierte. Da gedenkt man doch möglicherweise lieber des Beginns einer erfolgreichen Revolution unter mittelamerikanischer Sonne, auch wenn sie wie so viele vor und nach ihr in einer unsäglichen Diktatur endete, die auch durch eben diese Sonne nicht milder wird. Aber gute Musik machen die Kubaner trotz Fidel Castro immer noch.

Die Geschichte wird ihn freisprechen? Nun, manche halten dagegen: "Vergesst eure Führer", fordert die Siggraph, die am Montag in San Diego startet, adrett umrankt von Gerüchten, dass IBM mit einer kleinen Firma der großen Pixar Konkurrenz machen will, obwohl diese politisch korrekt auf Linux umgeschwenkt ist. Und weil ein heißer Sommer voller Viren so manchen Server zu Kochen brachte, macht die Ankündigung selbiger Firma im Verbund mit einigen anderen neugierig, die eine Sicherheitsinitiative starten will. Sie soll ein für alle Mal sicherstellen, dass Server nur Software starten, die sie starten dürfen. Wer der Ankündigung glauben schenkt, kann sich in die Mittagssonne legen.

Zum guten Schluss ein Wort in eigener Sache. Gegen den neuen deutschen Filmsehzwang für geplagte Schüler rief ich in der letzten Woche auf, eine eigene Liste zu kreieren. Unbelassen bleibt dem Forum, dies weiterzuführen -- von der Masse der Vorschläge aber erdrückt, möchte ich die Sache für die Zwecke dieser kleinen Wochenschau einschränken. Die besten Computerfilme sind gemeint: Was kümmern uns die Schmerzen der Lola Braun, der die Treppe hinunter ratternde Kinderwagen im Bronenosec Potemkin? Was sind sie gegen die wahre Suture zwischen Mensch und Computer, die Leerstelle, in die wir uns alle fantasieren? Die Geschichten vom bösen Elektronenhirn, das die Welt beherrschen will, vom Computer, der die Frauen schwängert? Was sind die aktuellen Pläne biometrischer Visa-Gestaltung gegen das Biest, das unsere Barcodes lesen kann, die unsichtbar auf der Stirn eintätowiert sind? (Hal Faber) / (jk)