Hochentzündliches Kältemittel
Seit drei Jahren ist klar: Auto-Klimaanlagen brauchen ab 2011 ein umweltfreundlicheres Kältemittel. Doch ob das voraussichtliche Ersatzmittel wirklich besser ist, daran werden Zweifel laut.
Tetrafluorethan (Handelsname R 134a), das bisher verwendete Kältemittel für Auto-Klimaanlagen, ist 1300mal so schädlich für das Klima wie Kohlendioxid. Entweichen die rund 700 Gramm Kältemittel durch einen Unfall aus der Klimaanlage, trägt das in etwa so viel zur Klima-Erwärmung bei wie eine Tonne CO2. Deshalb hat die EU 2006 die Verwendung von R 134a bei neuen Fahrzeug-Modellen ab 2011 verboten.
Der Zeitplan war sportlich, schließlich musste sich die ganze Industrie auf ein neues Kältemittel einigen und darauf angepasste Klimaanlagen entwickeln. Doch lange Zeit sah es so aus, als lägen die Hersteller gut im Fahrplan: Schon auf der Internationalen Automobilausstellung 2007 legte sich Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie, für die deutschen Autobauer auf Kohlendioxid als neues Kältemittel fest – und erhielt dafür sogar den Applaus von Umweltverbänden.
CO2 ist preiswert, verhältnismäßig sicher und umweltfreundlich. Allerdings müssen CO2-Klimaanlagen mit einem sehr hohen Druck von 140 Bar betrieben werden. Das bedeutet: alle Komponenten vom Kompressor bis zum Wärmetauscher müssen deutlich solider ausgelegt werden als bei bisherigen Anlagen, sie werden also schwerer und kostspieliger. Rund hundert Euro würden Autos dadurch schätzungsweise teurer werden. Prinzipiell aber, meldeten die Zulieferer von Klimaanlagen seinerzeit, sei die Umstellung auf CO2 kein Problem.
Doch dann begann der Zoff: Der Europäische Herstellerverband ACEA wollte der VDA-Linie nicht folgen. Die amerikanischen Autobauer waren ohnehin nie große Fans der CO2-Technologie – unter anderem, weil sich CO2 nicht so gut für extrem hohe Außentemperaturen eignet, wohl aber auch, weil die Kompetenz für CO2-Klimaanlagen vor allem in Europa zu Hause ist.
Jetzt sieht es so aus, als sei die gesamte Autoindustrie auf ein neues Kältemittel umgeschwenkt. Es trägt das Kürzel 1234yf (chemisch: Tetrafluorpropen) und wird von den US-Konzernen Honeywell und DuPont angeboten. 1234yf ist zwar immer noch vier Mal so klimaschädlich wie CO2, soll aber laut Honeywell bereits nach vier Tagen in der Atmosphäre zerfallen. Der zentrale Vorteil aber ist, zumindest aus Sicht der Autohersteller: es lässt sich ohne große Änderungen in herkömmlichen Klimaanlagen betreiben.
Das ganze Hickhack um das richtige Kältemittel bräuchte normale Autonutzer nicht zu kümmern, ergäben sich daraus nicht zwei Konsequenzen. Erstens: Die Einführung von umweltfreundlichen Klimaanlagen wird sich verzögern. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) spricht gar davon, dass die Autobauer die EU-Vorgaben "boykottieren" würden. Zweitens: Während die Eigenschaften von CO2 gut bekannt sind, sind die gesundheitlichen Auswirkungen von 1234yf zumindest zweifelhaft. Die Deutsche Umwelthilfe bezeichnet 1234yf als "gefährlichen Chemiecocktail".
Das Kältemittel sei leicht entzündlich und setze bei der Verbrennung hochgiftige Flusssäure frei – im Extremfall müsse die Feuerwehr sogar Schutzausrüstung tragen. In einem von der DUH in Auftrag gegebenen Versuch hat die Bundesanstalt für Materialforschung festgestellt, dass sich unter bestimmten Bedingungen entweichendes 1234yf im Auto entzünden kann. Honeywell und DuPont halten dagegen mit eigenen Versuchen, nach denen nicht einmal der Lichtbogen eines Schweißgerätes austretendes Kältemittel entzünden kann.
Im offiziellen Datenblatt klingt das noch ganz anders: Dort wird der Stoff als "Hochentzündlich" bezeichnet und dem Ersthelfer am Unfallort empfohlen, sich zu schützen.
Was folgt aus alledem? Ein Weg zurück zu CO2 als Kältemittel wird es kaum geben, dazu sind die Entwicklungszeiten neuer Modelle zu lang. Leidtragende sind erstens die Kunden, die künftig wohl knapp einen Liter fragwürdiger Substanz mehr in ihren Autos herumfahren müssen. Leidtragende sind zweitens die Zulieferer für Klimaanlagen, die nun schon seit einigen Jahren mehrere Optionen parallel verfolgen mussten. Leidtragende ist drittens die Autoindustrie selber, die für einen geringen Kostenvorteil – für die anvisierten Mehrkosten einer CO2-Klimaanlage bekommt man gerade einmal eine einzelne Alufelge – bereit ist, ihre eigene Umwelt-Glaubwürdigkeit zu beschädigen.
Gewinner sind vor allem Honeywell und DuPont, die nun den gesamten Markt an Kältemittel beliefern können. Für CO2 bräuchte man schließlich keinen Chemie-Lieferanten – das gibt es zur Not als Kohlensäurepatrone für Bierzapfanlagen in jedem Getränkemarkt zu kaufen.
(bsc)