Kommentar: Mit der Ungewissheit leben
Hacker haben sich vor kurzem Zugang zu den Rechnern der University of East Anglia verschafft und Hunderte von alten E-Mails und Forschungsergebnisse der East Anglia‘s Climatic Research Unit (CRU) erbeutet. Die Daten schüren angeblich wieder einmal Zweifel an der Klimaforschung.
Faszinierend, hätte Mr. Spock vermutlich gesagt. Eigentlich, sollte man annehmen, ist die Suche nach wissenschaftlicher Wahrheit ein standardisierter Prozess. Ein Prozess, der mit eiskalter Logik zu tun hat, mit der akribischen Suche nach den richtigen Fakten, und - weil ja alle an diesem Prozess Beteiligten an einem gemeinsamen Ziel arbeiten - von schonungsloser Offenheit geprägt.
Wer schon mal an einem Forschungsinstitut gearbeitet hat, weiß, dass die Realität ganz anders aussieht. Ein handfester Streit unter Wissenschaftlern kann ordentlich zur Sache gehen: Man beschimpft sich, man verspottet sich, bezichtigt sich gegenseitig der Lüge und der Korruption. Meistens geht es bei solchen Streitigkeiten um eher esoterische Fragen, die zu erklären länger dauern würde, als wir gewillt sind zuzuhören. Doch seit etwa zehn Jahren bekommt die Öffentlichkeit immer neue Episoden in einem wissenschaftlichen Disput serviert, bei dem es um nicht weniger geht als die Zukunft der Welt: die Debatte um den Klimawandel.
Der jüngste Akt in dem regelmäßig wiederkehrenden Drama „Klimaskeptiker gegen Klimawarner“ hat es sogar in die altehrwürdige New York Times geschafft: Hacker haben sich vor kurzem Zugang zu den Rechnern der University of East Anglia verschafft und Hunderte von alten E-Mails und Forschungsergebnisse der East Anglia‘s Climatic Research Unit (CRU) erbeutet. Die Daten wurden postwendend zusammen mit einer anonymen Erklärung im Internet veröffentlicht, in der es heißt, die Klimaforschung sei zu wichtig, als dass man sie in der momentanen Situation unter Verschluss halten könne.
Auf den ersten Blick enthält das Material keine Sensationen, ist aber durchaus geeignet, Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Klimaforscher aufkommen zu lassen: Ein Forscher soll beispielsweise stolz berichtet haben, er habe einen Trick gefunden, um Daten so darzustellen, dass sie eine dramatische Klimaänderung zeigen würden. An anderer Stelle soll recht offen darüber diskutiert worden sein, dass die gemessene Temperaturzunahme im Vergleich zur Theorie viel zu gering sei.
Die so genannten Klimaskeptiker, Wissenschaftler, die bezweifeln, dass es einen von Menschen verursachten Klimawandel gibt, sehen sich durch solche Dokumente bestätigt: Die veröffentlichten Daten zeigen ihrer Meinung nach, dass der Klimawandel übertrieben dargestellt wird.
Zugeben, die Story hat Hollywood-Niveau: Eine globale Verschwörung von Wissenschaftlern hält die ganze Welt zum Narren – damit sie genügend Geld für ihre Forschung bekommen, gaukeln sie der Öffentlichkeit die Gefahr eine globalen Katastrophe vor. Nur eine kleine, furchtlose Gruppe von unbestechlichen Forschern hält dagegen, sie engagieren skrupellose Hacker, und denen gelingt es dann, die Wahrheit ans Licht zu zerren. Das könnte beinahe als Plot für einen Thriller herhalten – wenn Michael Crichton das Buch (State of Fear) nicht längst geschrieben hätte.
Aber hinter der Geschichte steckt mehr als eine platte Verschwörungstheorie - sie verweist auf ein grundsätzliches Problem, das die Wissenschaft selbst zu verantworten hat: Das Problem der Vereinfachung. Gerade an der Klimaveränderung lässt sich eigentlich sehr gut ablesen, dass wissenschaftliche Erkenntnis immer nur vorläufig ist. Das entwertet sie nicht. Weil die Politik in der Regel mit vorläufigen Erkenntnissen und Wahrscheinlichkeiten nicht operieren kann, gehen Wissenschaftler aber gerne dazu über, vorläufige Erkenntnisse zu verabsolutieren.
Beispiel gefällig? Bitte sehr: Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler geht davon aus, dass die globale Mitteltemperatur bis 2050 um vier bis sechs Grad steigt, wenn wir genauso viel CO2 emittieren wie bisher. Das ist das Ergebnis von zahlreichen Modellrechnungen. Die Modelle sind lückenhaft - einige Mechanismen, wie zum Beispiel der Effekt von Wolkenbildung ist im wesentlichen „noch nicht verstanden“, wie das in Forscherkreisen immer so schön heißt. Das bedeutet aber nicht, dass die Zahlen aus diesem Modell wertlos sind. Die Modelle sind so lange gültig, bis die Wissenschaft bessere Modelle entwickelt hat.
Möglicherweise ist das ein Kommunikationsproblem - ein kultureller Bruch zwischen Politik und Wissenschaft. Aber es wäre die Aufgabe der Wissenschaft, diese Lücke zu schließen. Und das bedeutet, zu erklären, dass es in solchen Fragen wie dem Klimawandel keine Gewissheit gibt. Das System Erde ist einfach zu komplex und nichtlinear. Wie wir damit umgehen, ist eine politische Entscheidung. Wenn die Politik versucht, sich dabei hinter der Wissenschaft zu verschanzen – nach dem Motto: Wir müssen so und so handeln, die Forscher sagen, wir haben keine andere Wahl – dann darf die Forschung das eigentlich nicht zulassen. Das ist leicht gesagt, und schwer umgesetzt. Aber es würde verhindern, dass alle paar Jahre wieder jemand auftaucht, der die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung mit „brisanten Papieren“ zu beschädigen versucht. (wst)