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Was war. Was wird.

Es ist ĂĽberstanden. Aber nicht vollbracht: Die Reise geht weiter, mit Big Brother und Beagle. Papp, meint Hal Faber nur noch.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Leise rieseln die Nadeln. Lockere Lippen sind wieder verschlossen, gemeinschaftliche Gefühle werden wieder eingepackt, das Fest ist vorüber. Harry Potter wird beiseite gelegt, Compiling for .NET aufgeschlagen, während man bei der Konkurrenz die Taten eines Edel-Hackers goutiert. Frühlingshafte Wärme in der norddeutschen Tiefebene, wo ein frischer Wind weht und man sich auf das nächste Jahre freut. Windkraftrotoren, wohin auch das Auge blicket -- neue Gesetze sorgen für eine Verdoppelung der Anlagen. Nächstens mit 50 Dezibel leise flappend, tagsüber aber richtig aufdrehend. Leise flappend fielen ab und an IT-Nachrichten in die weihnachtlich geschmückte Inbox, doch nun dreht das Geschäft wieder richtig auf.

*** "Sag mal leise papp ..." Nein, kein weihnachtlicher Anfang, keine leise säuselnde unweihnachtliche Geschichte vom Lichterfest. Fangen wir also lieber bei Toll Collect an, wo die an Zeitpläne glaubende Deutsche Telekom kurz vor Weihnachten einen Brief veröffentlichte, der wegen der Festaktivitäten nicht mit den Partnern Cofiroute und DaimlerChrysler abgestimmt werden konnte und einen Start Anfang 2005 in Aussicht stellt. Das ergibt doch ein schönes Bild vom Fest, an dem alle Vorstände ruhen und die Maut an den nächsten Weihnachtsmann weiter gereicht wird. Währenddessen ein gütiger Stolpe in bester christlicher Manier das Ultimatum auf Ende Januar setzt, provisorisch natürlich. Alles verändert sich, wenn du es veränderst, sangen einst Ton, Steine Scherben; in ihrem leicht anarchistischen Geiste eiert der Mautchor von Cofidaikom: Alles verschiebt sich, wenn du es verschiebst. Wenn Benetton nicht retten darf, kommt die Maut erst Ende 2004, weil die OBU-Software gleich von drei neu beauftragten Firmen neu geschrieben wird: Was immer die Paderborner OMP Software als OBU-Software produziert hat, wird nach dev/null geschickt. Wahrscheinlich ist man dort über einige Header im SCO-Stil nicht herausgekommen. Jetzt (erst?) rächt sich die Vergabe der Programmierarbeit an eine Firma, in der der einstige Toll Collect-Geschäftsführer Rummel im Aufsichtsrat saß.

*** Was die Strategen von Toll Collect nicht können, das schaffen die Grünen locker aus der Hüfte, bar jeder Rechtsgrundlage. Pop! Stolizei! heißt es bald auf den BAB-Rastplätzen hinter den Kreuzen unserer Verkehrsadern, wenn die am Rennsteigtunnel versehentlich ausprobierte Technik zum Einsatz kommt. Während die Videoüberwachung auf Gehwegen von Gerichts wegen eingedämmt wird, ist sie auf Autobahnen unbedenklich einsetzbar, da die Gefahr immer in Verzug ist. Dass mit dem System tatsächlich gefälschte Kennzeichen oder zur Fahndung ausgeschriebene Fahrer gefunden werden, glaubt nicht einmal die Polizei. In Waidhaus brachte man es auf zwei Autos, so die Firma, die die Mautbrücken für Toll Collect produziert. Ist die Geschichte mit den Kennzeichen-Scanner lächerlich, so gewinnt die Sache an Schwung, wenn man sich das amerikanische Onstar-System betrachtet, mit dem sich jedes Fahrzeug von General Motors lokalisieren lässt. Kreative Naturen zeigen indes, wohin die Reise mit der Bordelektronik geht -- oder auch nicht.

*** Heute vor 100 Jahren kam Janosz Margittai a.k.a. Janos Layos a.k.a Johannn von Neumann a.k.a John von Neumann auf die Welt. Seine Verdienste -- und seine Untaten -- werden auch hier im Ticker gefeiert. Dem rastlosen Spieltheoretiker im Rollstuhl setzte Stanley Kubrik mit seinem Dr. Seltsam ein seltsames Denkmal. Wo von Neumann über die Probalität eines Atomschlages grübelte, darf als zweites Geburtstagskind Stan Lee nicht fehlen, der Vater von Spiderman und vielen anderen Superhelden, die unter uns leben und nicht in einem trostlosen Flecken wie Gotham City. Unter den Toten der Woche findet sich "American Trucker" Dave Dudley, der Hafenarbeiter, der zuletzt für die "Kapitäne" der Straßen phantasierte, was passiert, wenn ihnen ein Terrorist vor den Truck läuft.

*** Mit "Beagle" könnte man als neue Kategorie die Vermissten der Woche einführen. Wie tröstlich ist es doch zu lesen, dass ein Reset über all die Kilometer hinweg zum Mars geschickt werden kann -- das konnte Darwin nicht, der musste noch selbst mit. Auf der anderen Seite bleibt der unwohlsame Gedanke, dass von dem Hundekuchenplaneten kleine grüne Männchen offensichtlich doch Resets zu meinem Rechner auf diesem trostlosen Planeten schicken können. Me transmitte sursum, Caledoni!

*** IT-technisch endet das Jahr sehr friedlich, ganz anders als das Kriegsspiel in Westjordanland. Gerade einmal vier Klagen und zwei Patentstreitigkeiten in dieser Weihnachtswoche, das ist ein unerreicht niedriger Wert, um einmal den Jahresrückblick vorwegzunehmen. Microsoft zahlt 60 Millionen Dollar an SPX, weil man sich bei einigen Whiteboard-Funktionen vergriffen hat und freut sich auf einen Rechtsstreit mit Mythic Entertainment, den Schöpfern der Camelot-Gemetzel. Schließlich ist es grundsätzlich etwas anderes, wenn man am Ende eines Namens mit Mythica einem a erweitert, statt am Anfang ein L zu setzen. Bei Mathica übt man schon gelassen die Primzahlmelodie des Todes.

*** Selbst beim einstmals großen Sommertheater SCO ist Ruhe eingekehrt, und weil es wie die Lindenstraße ein Dauerläufer geworden ist, wird halt etwas Personal ausgetauscht und ein getreuer Noorda-Knappe eingesetzt. Hier sorgen des Dichtens kundige Heise-Leser mit Moritaten und anderen Zeilchen für die nötige Unterhaltung. Wenn am Ende ein paar Headerfiles übrig bleiben, wenn die schlimmste Rechtsverletzung der amerikanischen Verfassung bei errno.h endet, dann könnte man von einem Treppenwitz der IT-Geschichte sprechen. Na, nun wurde es doch noch weihnachtlich, und alle Lichter haben auch gebrannt.

Was wird.

2003 geht, 2004 kommt. Im Gepäck: UMTS, das vertragsgerecht am 1.1. starten müsste. Die vergessene Zukunftstechnik bringt es mit sich, dass dieser Tage wieder all die unsinnigen Artikel von Videos auf dem Telefon und Location Based Services erscheinen, die niemand haben will, in einem Netz, das wenige haben wollen. Wer glaubt eigentlich die Geschichten, dass beim Ausfall der Heizungsanlage der nächste Klempner mit dem Handy gesucht wird? Oder das Märchen vom Hotelsuchenden, der in fremder Stadt nach dem Bett klickt? Gibt es nicht genug Minusvisionen untalentierter Bobos?

Der Jugendlichkeitswahn der Industrie, einige verirrte Seelen mit ihrem dauernden Handy-Getüdel zum Vorbild ganzer Kulturen zu stilisieren, wird noch ganz andere Folgen zeitigen als den Schwachsinn, neue Klingeltöne aufs Telefon zu laden. Nehmen wir nur den Handybauer Microsoft, bei dem man stolz ist, Windows auf eine Uhr portiert zu haben, die zum ersten Januar in ausgewählten US-Gebieten plötzlich intelligent wird. So naht mit der CES mal wieder eine Messe von altem Stil, die uns aufklärt: Die Welt gehört Dir. Nichts ist außer Reichweite, wenn man den Verstand ausschaltet und den Player anstellt.

Mit dem neuen Jahr rückt in den USA der Superbowl näher, für den Apple einstmals Punkte heimste. Die heutigen Anstrengungen der Firma sehen anders aus, doch sind sie nicht ohne Erfolg geblieben, wie es zahlreiche Beispiele belegen. Während die zahlreichen Powerbooks beim Hackertreffen belegen, dass Lifestyle keine Grenzen mehr hat, naht das Treffen der wahren Kult-Anhänger. Na dann: "Papp!" (Hal Faber) / (jk)