Was war. Was wird.
Las Vegas und San Francisco, Städte unserer Träume... Halt, Moment: IT-Branche auf der CES hin, Langeweile auf der Macworld her: So Dazed and Confused sind wir nicht, dass wir den Boden unter den Füßen verlieren, glaubt Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Las Vegas, Las Vegas, du betörende Stadt, die du die Leute verwirrst, die bei Google in einsamen Höhen weilen und keine Madonna zum Küssen mehr neben sich haben, sondern nur noch einen Jugendfreund, der zudem nach einem Küsschen und 13 Stunden Ehe mit einem schnöden Auto statt einem heißen Segway abgespeist werden kann. Las Vegas, Las Vegas, du Stadt des 22. Jahrhunderts, die bereits den eintreffenden Reisenden mit kleinen Chips am Gepäck einstimmt auf den großen Chiprausch hinterher.
*** Nüchtern betrachtet ist Las Vegas eine Stadt mit vielen hilfsbereiten Hotels, in der in der vergangenen Woche eine wichtige Messe mit viel neuer Hardware über die Bühne ging. Inmitten des Glamours und den Vegas-Problemen verheirateter Stars ging es fast unter, dass auf einer weiteren Messe Microsoft eine Digital-Uhr vorstellte, die die Temperatur nicht wie hundert andere vor Ort messen kann, sondern via Radio von klugen Computern bezieht, die errechnen, wie warm es ungefähr dort ist, wo man ist. Die Uhr, die für 60 Dollar im Jahr Terrorismus-Informationen und andere glanceable, irgendwie geartete Faktoiden nach einem bekannten Vorbild überträgt, ist ein würdiger Nachfolger von Microsoft Bob.
*** Allen Anstrengungen zum Trotz konnten Terroristen in Vegas ebenso wie die Massenvernichtungswaffen nicht gefunden werden. Sie gingen einfach in der Menge der Messebesucher unter. Die CES wurde nur einmal kurz geschlossen, als die Gitarroristen von Lynyrd Skynyrd ihren Südstaaten-Rock spielten. Ursprünglich sollte auch Willie Nelson kommen, doch ist sein Cowboy-Rock momentan geächtet. In einem Klima, in dem die Benutzung eines Lexikons wie die Benutzung einer Toilette verdächtig sind, wird Kritik nicht gerne gesehen. Immerhin ist mir angesichts des terroristischen Schlangestehens nunmehr klar geworden, warum die patente Firma IBM im Kampf gegen das Böse nicht einfach das stille Örtchen ignorieren konnte. So muss das Fazit dieser Woche neidlos lauten: Amerika hat einfach die bessere Paranoia, da kommen wir nicht mit, trotz Eliteuniversitäten und den Zeichen, die eine eindeutige Sprache sprechen. Wir sind dem Untergang nahe und näher als Amerika, denn mit dem Brandenburger Tor hat sich Deutschland einen Strick um den Hals gelegt.
*** Ein letzter Blick auf Amerika, weil es die Chroniken so wollen: Heute vor 40 Jahren erschien der Terry Report, die erste wichtige Untersuchung, die das ungesunde Rauchen belegte, wenn man die Nationalsozialisten ignoriert. 80 Jahre, nachdem der Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays mit seinen Freiheitsmärschen für Lucky Strike einen historischen Sieg der Tabakindustrie erzielte und die Frauen zum öffentlichen Rauchen brachte, ist seine Form der Public Relations und sein liebster Slogan wieder aktuell: Just the facts, Ma'am.
*** Ein weiteres historisches Datum birgt der 11. Januar mit dem Mord an 123 Deutschen, auf dem deutsche Schutztruppen mit einem Vernichtungsfeldzug antworteten, der Deutschland mittels der Genozid-artigen Methoden einer der reinsten Inkarnationen des wilheminischen Menschenideals einen "Platz an der Sonne" sichern sollte. Die Qualen eines vergessenen Volkes sind noch lange nicht vorbei. "Verwaltungsakte produzieren keine Erfahrungen", kommentierte Geburtstagskind Heiner Müller die Wiedervereinigung -- deutsche Verwaltungakte produzierten dafür aber schon allzu viele Tote, müsste man hinzufügen. Nun sind die Hereros aber nicht die einzigen, die Grund zur Trauer haben. Vor 125 Jahren startete der Krieg gegen die Zulus. Und 90 Jahre ist es her, dass Ambrose Bierce als alter Mann im mexikanischen Revolutionskrieg verschwand. Als Lexikograf schuf er ein Wörterbuch des Teufels, dessen Benutzung beim Amt für Heimatsicherheit sicher verdächtig ist. Man nehme nur seine Definition des Reisepasses, die Dank US-VISIT unverändert gültig ist.
*** Zu den Toten der Woche gehört Noberto Bobbio , der im Alter von 94 Jahren starb. 1994 erschien sein Buch "Rechts und Links", das in Deutschland ein Bestseller wurde. Den Geburtstag dieser Woche kann nur einer feiern. Ein Mann, an den ich immer erinnert werde, wenn ich zum Anspielen neuer Gitarren oder Bässe in meinem Lieblingsladen einfalle. Dort ist alles erlaubt, nur eines führt zum sofortigen Rausschmiss: Stairway to Heaven. Jawoll, sind wir nicht alle ein bisschen "dazed and confused"? Aber nein, "you really got me": Jimmy Page jedenfalls, einer der besten Studiomusiker, ist trotz allem 60 Jahre alt geworden. Er hat Cockers "With a little help from my friends" erträglich gemacht und mit Led Zep aus gutem Grund den Westen gewonnen. Whole Lotta Love!
*** HeiĂźen Streit gibt es ĂĽber die Farbe der Woche. Auf der einen Seite haben wir den Mars und einen Streit, wer denn da mit Photoshop geliftet hat. Auf der anderen Seite haben wir Apple, das ĂĽberteuerte Hardware auf einer etwas flauen Hausmesse gleich mit fĂĽnf Farben aufheiterte. Bleibt Schwarz fĂĽr das Loch, in das Beagle 2 gefallen ist.
*** Man kann auch alles Rosa sehen. Seitdem das Jahr angefangen hat, wird die FAZ nicht müde, frohlockend die Vorteile von UMTS zu verkünden. So durften hinter dem Blatt steckende kluge Köpfe über folgende, leider nicht mehr online zu findende Passage staunen: "Das japanische Auto hat mit 220 km/h seine Leistungsfähigkeit erreicht, nicht aber unser mobiler Internetzugang. Im Notebook steckt eine feuerrote UMTS-Karte von Vodafone. Bei dieser Testfahrt im Rhein-Main-Gebiet surfen wir mobil mit halber DSL-Geschwindigkeit im Internet. Wir laden eine riesige 600 Megabyte-Datei aus dem Netz, und das gelingt ohne jede Unterbrechung mit bis zu 45 Kilobyte je Sekunde. Unser Tempo im Auto spielt für den Datentransport keine Rolle, denn die Daten breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus." Ja, wenn das Tempo im Auto keine Rolle spielt, dann fragt sich doch, warum ein Japaner mit 220 Sachen geprügelt werden muss. Berechtigt das neue, schnelle Telefonnetz zum Gummi geben? Quam Vadis, fragt sich der Lateiner, wenn er die Bobos mit 220 über das Frankfurter Kreuz bretternd im Rückspiegel auftauchen sieht.
Was wird.
Richtig, die Bobos jubeln wieder. Ihre Zeit ist gekommen, denn der Internet-Boom fängt erst an. Wird der Name eBay erwähnt, ist ein verzücktes Stöhnen das Echo, bei Google schwillt das Seufzen an. In den einschlägigen deutschen Verzeichnissen der Promi-Geburtstage darf Amazon-Gründer Jeff Bezos nicht fehlen, der morgen 40 Jahre alt wird. Prompt fordern verzückte Journalisten den Computer als Maschine, die es gut mit Ihnen meint. Eine Benutzeroberfläche, die das Gelalle von Amazon: "Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch folgende Bücher gekauft" adäquat in alle Programme integriert, wird als ultimativer Fortschritt gefeiert. Dürfen wir uns über die quatschende Büroklammer freuen, die darauf hinweist, dass Anwender, die den Text speicherten, folgende Utility benutzten? Besucher, die Sonntagmorgen ins WWWW stolpern, haben auch Videos von Paris Hilton besucht. Oder sind sie auf dem ultimativen [mms://windowsmedia.dvlabs.com/adcritic/carenz-skull_gore.asf Drogentrip]? Sind sie Datensauger erster Güte? Oder wollen alle nur das Eine (Erster werden, natürlich)?
"Wenn die Dinge zu kommunizieren beginnen" nennt das Heinz Nixdorf MuseumsForum eine kleine Tagung über die Zukunft des Mensch-Maschine-Dialogs, nicht die Quatscherei zwischen Festplatte, Arbeitsspeicher und Prozessor. Mit der Tagung wird in der nächsten Woche ein Update der Erlebniswelten gefeiert, zu dem am Wochenende die Familien anrücken sollen. Alles unter dem schönen Retro-Motto "Die Welt von morgen -- zum Anfassen nah": Zukunftsgrapscher treffen sich in Paderborn. (Hal Faber) / (jk)