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Was war. Was wird.

Die IT-Branche ist ein Tollhaus -- der Musikbranche kann sie aber nicht das Wasser reichen, meint Hal Faber. Immerhin, so hat man auch in diesen kriegerischen Zeiten noch was zu lachen -- und gelangt ĂĽber die MautbrĂĽcke Windows zu des Pudels Linux-Kern.

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Von
  • JĂĽrgen Kuri

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Schlafen, schlafen, einfach nur schlafen. Ratzen, poofen, dösen. Knacken. Kein Redakteur, der da grummelt, wo der WWWW-Text bleibt, weil auch er schlummert. Die Glossina palpalis, die Hypnosie oder Somnolenz ist nach der ersten Hälfte der CeBIT nach hannoverscher Art eine Virus-Attacke, die jeden Besucher der Veranstaltung befällt, die ihm die "größte Computermesse der Welt" simuliert. Was ist schon groß, wenn kniehohe Qrios das Ende der dürren Jahre symbolisieren? Fairerweise müsste ich jetzt den geschätzten Lesern und Leserinnen in diesem unseren Web etwas bieten, das sie einschlafen lässt. Schäfchenzählen oder den Treiber für /dev/null/schnarch installieren. Das Messemodewort Investitionsstau rückwärts singen. Die meisten sind ohnehin am Schlafen und träumen fest von einem großen Jubiläum. Mindestens kann ich auf den Weltschlaftag verweisen, den die englischen Wikiwissis vermelden, während die deutsche Fraktion den Welttag der Poesie begeht.

*** "Denk ich an Deutschland in der Nacht", schnarch ich weiter. Wer erinnert sich noch an eine CeBIT, auf der Findulin, der "IT-Adler der Bundesregierung", von Kanzler Schröder inmitten einer Kinderschar vorgestellt wurde? Der Bundes-IT-Geier mit den flotten Kindersprüchen wie "Die Dynamik des Internet ist atemberaubend" hat nun Gesellschaft bekommen. Auf der CeBIT wurde die Ankunft von Luca gefeiert, einer Internet-Expertin, die Jugendlichen bei der Berufswahl helfen soll. Ganz so, wie Bea die Älteren in der Arbeitslosigkeit zu beglücken versucht, ist Luca auf dem Höhepunkt der Zeit, ein "cooles Girl, das kompetent und gut gelaunt sprachlich jugendgerecht Berufsanfänger berät". Oi, ey, voll kuhl mal wieder. Besonders dann, wenn die Programmierer des Avatars damit protzen, dass die anonymisierten Gesprächsprotokolle von Luca kontinuierlich ausgewertet werden und als Beratungsgrundlage für die nächsten Girls und Boys dienen. "Zieh dich aus" wie bei der Eve von Yellowstrom, das ist schon mal eine gute Beratungsgrundlage. Was Luca von Auszieherinnen und Ausziehern hält, wird gerade kontinuierlich beschlafen.

*** Ausziehen? Aufwachen! Ja, der Lärm ist unerträglich, wie Trompetenschall donnert es durch meine Gehörgänge: 10 Jahre! 10 Jahre! Darf ich mich ausnahmesweise noch einmal selbst zitieren? "Aber früher, ja früher war alles besser, die Anti-Imperialisten waren noch echte Anti-Imperialisten und nicht als Gutmenschen getarnte Diktatoren, die Imperialisten noch blutrünstige Monster und nicht Diktatorenfänger. Und die c't war fundiert, der heise-Ticker niveauvoll..." Ach was, das Zitat haben andere schon entdeckt, eifrig wurden dem Heise-Ticker dann auch noch feine Lieder als Geburtstagsständchen gesungen. Dabei lernen Leser wie Redakteure im Heise-Ticker vor allem eines: Die viel beschworene Medienkompetenz ist beileibe nichts, das durch das Internet gefördert wird, sondern das im oft besungenen Netz der Netze vor allem den Bach hinuntergeht. Meutenberichterstattung, unziemliche Hast im dem Wettstreit um den "Längsten", was in diesem Fall gleichbedeutend mit dem "Neuesten" ist, und hektische Betriebsamkeit um die jüngste Sau, die gerade mal wieder durch's globale Dorf getrieben wird, treffen auf ein Publikum, das gerne mal jeden Mist aus dem Internet für bare Münze nimmt. Dann bleibt nur schöne Träume zu wünschen, denn Misthaufen waren schon immer gute Ruhekissen für das Schlachtvieh; so mag man dagegen für die Kollegen und den Verlag, die die Behausung für diese kleine Kolumne gewährleisten, weiter unruhige Zeiten und massenweise ungnädige Leserschaft erhoffen.

*** Was die CeBIT aus ihrem Dämmerschlaf reißt, sind Politiker, die mit ihrer Entourage aus Sicherheitskräften und Fotografen durch die Hallen eilen, um schnell an den richtigen Ständen Duftmarken abzusetzen. Die LKW-Maut, das von Kanzler Schröder erhoffte Meisterstück der deutschen Industrie, grüßt die Gesundheitskarte. Wie die tapferen Gallier fürchten wir nur noch Eines: dass Deutschland an der Krümmung des Flusses im Investitionsstau vermautet. Wohnst du noch oder sitzt du schon? Wenn Schröder und Schily die Bundesdruckerei besuchen, um den neuen Pass zu bewundern, der gegen Terroristen hilft, dann hat das was Tätiges. Jedenfalls im Vergleich zum Schnüffelmonopol, das als Formsache deklariert wird. Da bleibt die Vernetzung der europäischen Geheimdienste handlungsbedürftig übrig, während der Laie fragt, wie die Herren in Grau vor diesem vernichtenden Schlag gegen den Terror kommunizierten. Mit Eulen, die in toten Briefkästen nisten? Schlaf, Bürger, schlaf.

*** Ganz ausgeschlafen gab sich dieses Mal der Kanzler. Von BDI-Präsident Rogowski haben wir und er gelernt, dass in Deutschland nicht alles toll ist, aber auch nicht alles Toll Collect. Zum Stück aus dem Tollhaus geriet den Größen aus Politik und Wirtschaft der Start der schönen neuen Musikwelt PhonoLine, die den illegalen Musik-Downloadern endgültig das Wasser abgraben soll. Der Kanzler hätte fast den ersten Klick getan, wenn Manfred Kreile, mit 74 Jahren fast so weise wie die alte Mutter GEMA, deren Vorsitzender er ist, nicht durch einen seiner offenen Briefe vor schlimmen Konsequenzen bewahrt hätte: Die urheberrechtlichen Lizenzen für die CeBIT-Downloads seien nicht eingeholt worden -- PhonoLine ein halblegaler Anbieter wie weblisten oder allofmp3! Der Kanzler riskierte nichts, das Gefängnis blieb ihm erspart und statt Schröder führte die nette Mitarbeiterin vom Telekom-Stand die Maus und riskierte ihre Existenz: Raubkopierer sind Verbrecher. Die Medien hatten nichts bemerkt, da Brustbehaarung oder - vorbau der anwesenden Stars und Sternchen aus dem Show-Biz weit interessanter als der Kanzler zu sein schienen. Doch die Schlagzeile "Kanzler eröffnet PhonoLine" wollte das Kanzleramt nicht stehen lassen und meldete sich direkt bei den Kollegen anderer Online-Redaktionen -- sicher ist sicher. Nun ist klar: Der Kanzler war dabei, aber er ist es nicht gewesen. IFPI und GEMA beharken sich zum kostenfreien Amüsement der Öffentlichkeit auf ihren Homepages mit offenen Briefen. Währenddessen startet PhonoLine-Shopanbieter CTS-Eventim mit 99 Cent pro Track, obwohl die gierigen Forderungen aller Beteiligten eigentlich einen Trackpreis von 2 Euro nötig machen; Eventim legt bei jedem Download drauf. Im Hickhack ging zudem beinahe unter, dass sich die interessierte Kundschaft schon einen Tag nach der Eröffnung die Nasen wieder an einem zweistündigen Wartungsfenster plattdrücken musste. Schöne neue Online-Welt der Musikbranche.

*** Angesichts all dieser Trauerspiele, die eine Branche heutzutage bietet, die wohl nur noch unter Schmerzen in der Lage ist, Gelungenes wie Trouble No More von John Cougar Mellencamp oder ein Re-Issue der besten Rare-Earth-Stücke auf den Weg zu bringen, sei -- neben dem weiter offenen Aufruf zu unserer Liste der besten deutschen Popsongs -- an einen Mann erinnert, mit dem die offizielle Branche nicht viel anfangen konnte, seit er das erste Mal auf der Bühne auftauchte. Cecil Taylor jedenfalls feierte am Montag seinen 75. Geburtstag. Und ist quicklebendig, lebendiger als die meisten Manager der Firmen, die seine Musik wenn überhaupt nur mit sehr spitzen Fingern zur Weitergabe ans Presswerk anfassten. Wir aber hoffen, noch lange die Schönheit der Urgewalt improvisierter Musik genießen zu dürfen.

*** Das wichtigste Ereignis der CeBIT war aber nicht etwa der Start von PhonoLine oder der Geburtstag von Cecil Taylor, obwohl er sicher eine interessante Überlebensperspektive in den kulturellen Killing Fields einer sterbenden Branche aufgezeigt hätte. Nein, das wichtigste Ereignis fand nicht einmal auf der CeBIT statt. Nicht, dass es in Hannover verschlafen worden wäre: Der Showdown zwischen Steve Ballmer und Mario Monti in den EU-Corrals von Brüssel ließ Hannover nur die Kommentare über, während die Erklärungen aus den USA hereingereicht wurden. Es waren natürlich die doofen Registrierkassen. In einem anderen Verfahren gegen Microsoft sind E-Mails aus dem Jahre 1997 aufgetaucht, die das Kassieren auf der Mautbrücke Windows illustrieren. Besonders apart ist dabei eine Passage, in der Microsoft Manager Jeff Raikes Coca Cola lobt. "Mit Coca Cola kann man sicher sein, dass die Kunden nicht plötzlich wechseln und etwas anderes trinken." Diese Sicherheit soll auch für Windows gelten. Wie schön die Sache funktioniert, zeigt Dasani aus dem Hause Coca Cola, frisch aus der Leitung gezapft und bald auch in Deutschland erhältlich. Auch Microsoft kocht nur mit Wasser, wenn ich mir einmal den dummen Kalauer erlauben darf.

*** Während die Auseinandersetzungen weiter gehen, darf heute der Blick auf jene 436 Seiten nicht fehlen, die in ihren Grundzügen auch nach 200 Jahren nichts an Bedeutung verloren haben: am 21. März 1804 wurde der Code civil in Kraft gesetzt. Von einer Kommission, in der mit Napoleon Bonaparte auch noch Politiker mitarbeiteten, in vier Monaten erstellt, der letzte Nachhall der französischen Revolution. Zum Badischen Landrecht umgetauft, galt der Code civil im fortschrittlichsten Staate Deutschlands bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900. Dass eine Firma wie die SCO Group in Europa Beweise für den Code-Klau vorlegen muss, während sie in den USA aus der Verschleppung von Beweisen ein Geschäftsmodell machen kann, das ist ein schlummerndes Erbe des Code civil. Mit der Gleichheit vor dem Gesetz und der proklamierten Freiheit für alle erscheint er heute selbstverständlich, mit seinem strengen Laizismus haben diejenigen Probleme, die mit Kreuzen auf Kopftücher prügeln wollen. Über den Schutz der Privatsphäre schweigen wir lieber und erklären sie mit 200 Jahren einfach für verjährt, kleben Funkchips in Ausweise und auf Waren oder lassen sie uns in die Blutbahn kapseln. Was norwegische Lachse können, schaffen ausgeschlafene Staatsbürger allemal. In einem Land, das akademische Bewegungsmelder konzipiert, ist diese Privatsphäre ziemlich rüchig geworden.

*** Doch wozu das Klagen? Sind wir nicht alle frei nach Nietzsche hübsch belastbare Maschinen und Maschinchen? Feiern wir darum unseren liebsten Holzhammer-Psychologen Burrhus Frederic Skinner, immerhin der Vater des e-Learning. Ohne Skinners Teaching Machines hätte es niemals Plato, die Programmed Logic Automated Teaching Operations gegeben, ohne Plato wäre Ray Ozzie niemals auf die Idee gekommen, ein Quälwerkzeug wie Lotus Notes zu entwickeln. Ok, ok, ich hätte auch Castle Wolfenstein nennen können. Schließlich sollte nicht Futurum Zwei vergessen werden. Die Vision einer "aggressionsfreien Gesellschaft" inspirierte einen Anhalter, durch die Galaxis zu ziehen, ob es nicht irgendwo besser ist als auf einem Planeten, der ohnehin dem Straßenbau im Wege ist. "Das eigentliche Problem ist nicht, ob Maschinen denken können, sondern ob Menschen es können."

*** Eine berechtigte Frage. Ob sie in der "Time for Truth" beantwortet werden könnte? Die Ankündigung dieser Zeit wehte jedenfalls heute von Big Ben Herrn Bush beziehungsweise vor allem seinem zumindest im eigenen Kopf unerschütterten Gefolgsmann Blair entgegen: Ein im schönen Militärslang "Enthauptungsschlag" genannter Bomben- und Raketenangriff auf Bagdad sollte vor einem Jahr Saddam Hussein und seine engsten Gefolgsleute ausschalten -- sichere Informationen der Geheimdienste veranlassten die Amerikaner, einige Tage früher als geplant loszuschlagen. Das missglückte wie so vieles, was auf Informationen oder Nicht-Informationen der Geheimdienste beruhte. Auch wenn Saddam dann drei Wochen später weg vom Fenster war: Ein friedliches Land ist der Irak nicht geworden. Die Situation dort ebenso wie die im Nebel der neokonservativen US-Propaganda verschwundenen Massenvernichtungswaffen besänftigen wohl keinen der Friedensdemonstranten, die am Samstag unterwegs waren. Und das, auch wenn die meisten von ihnen einen Irak ohne Saddam als weitaus angenehmeres Land bezeichnen werden als die Diktatur unter Saddam. Dieser Ansicht waren die Spanier übrigens schon lange -- kaum ein Ministerpräsident der "Allianz der Willigen" sah sich aber doch eines so einhelligen Protestes seiner Bevölkerung gegenüber wie José Maria Aznar, kaum eine Opposition bekannte sich so deutlich wie die PSOE lange vor den Wahlen zu einer Kurskorrektur. Aznar aber bastelt nun, gemeinsam mit der amerikanischen Regierung und hilfreichen Propagandisten, an einer Neuauflage der Dolchstoßlegende: Eine appeasmentige PSOE verhelfe dem Terror von Al-Quaida zum Siegeszug. Ein unhistorisches Bewusstsein ermöglicht eben nicht nur falsche Vergleiche, sondern auch ein Geradebiegen den Realität mit dem Ergebnis, dass bereits wieder Reminiszenzen an den spanischen Bürgerkrieg auftauchen. Na dann: Europa hat anscheinend noch nicht genug am Kosovo.

Was wird.

Während auf der CeBIT der Investitionsstau entpfropft wird,tummeln sich in Amerika die Visionäre. Beim PC-Forum kann man heute lernen, dass Poem nicht ein angesagter Beitrag zum Welttag der Poesie ist, sondern für "Plain Old E-Mail" steht, die schon tausendmal zu Grab getragen wurde. Ja, ja, das Netz soll "accountable" werden, vernünftig und vor allem zahlungsbereit. Wenn jede E-Mail kostet, ist der Spam verschwunden. Und die Kinder bringt der Klapperstorch, wenn Mami schläft.

Aus Salt Lake City kommt das Gegenteil einer neuen Klage. Novell will auf seiner Hausmesse Brainshare YAST freisetzen, eine ehemalige Perle der Suse-Programmierer. Novell, einstmals als roter Kontinent gefeiert, versucht es nun mit rotgrün und Linux in Pudels Kern. Aber Vorsicht, nachher entpuppt sich der Pudel als Höllenhund. (Hal Faber) /

Dieser Beitrag enthielt im Original einen Link auf die russische Musik-Downloadplattform AllofMP3. Die Musikindustrie hatte gegen AllofMP3 eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht München I erwirkt, im dem AllofMP3 untersagt wird, nach deutschem Urheberrecht geschützte Aufnahmen im Web zum Download bereitzustellen. Aufgrund der Entscheidung des OLG München in dem Verfahren der Musikindustrie gegen Heise sieht der Verlag derzeit juristisch keine Möglichkeit, den Link weiter anzubieten. Der Heise Zeitschriften Verlag bedauert diese erhebliche Einschränkung der Pressefreiheit. (jk)