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Was war. Was wird.

Unglaublich unterkomplexe Musik im Viervierteltakt mögen wir alle, freut sich Hal Faber. Manche aber versinken dennoch in der Sülze unsäglichen Kitsches -- es gibt halt mehr Blödlinge voller Klang und Wut, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Love-Parade wird abgesagt oder nach Abzockerhausen verlegt, doch der Rock'n'Roll lebt und feiert seinen 50. Geburtstag -- im ZDF, mit den Scorpions. Wir sehen es mit Grauen und formulieren wie die Viehtreiber der Philosos: Jedes Ding hat nicht nur zwei Seiten, sondern, 3, 4, 7, 25 oder halt 215, um die laufende Nummer des kolumnistischen Hypertextes zu nennen. Nun ist schwer die Frage zu klären, ob der Rock'n'Roll wirklich an jenem 12. April 1954 geboren wurde, als Bill Haley mit seinen Wurstfingern im Pythian Temple Studio sein Rock around the Clock einspielte. Für die Wikiwisser gilt er gar als Erfinder der Musik. Da haben wir aber Glück, dass Haley sich die von Musiklehrern herabgekanzelte "unglaublich unterkomplexe Musik im Viervierteltakt" nicht auch noch patentieren ließ. Glück auch, dass es Rockmusik jenseits der Scorpions und ihrem schauderhaft pupsig-miefigen "Wind of Change" gibt, dass Rockmusik eine Geschichte hat über die Oldie-Parade des ZDF hinaus, die man mittlerweile in jedem Spartensender für die Generation jenseits der 40 zu hören bekommt. Und Glück auch, dass der Rock'n'Roll weiter lebt -- und sei es auch nur in Kunststudentenmusik oder im Wiederauftauchen längst vergessen geglaubter Heroen durch die ungeahnten Möglichkeiten der digitalen Vervielfältung und Verbreitung. Wer hätte sich vor Jahren träumen lassen, dass das Gesamtwerk etwa von Van der Graaf Generator, Frank Zappa, Klaus Renft oder Czeslaw Niemen einfach einen Mausklick entfernt auf allofmp3, weblisten oder vergleichbaren Sites herumliegt? Ein Glück also, dass der Rock'n'Roll halt rockt und uns gleichzeitig lehrt, langsam zu tanzen, obwohl er von den ach so maßgeblichen Theoretikern vor Jahren für tot erklärt wurde, weil HipHop, Techno und das Raven anstanden. "Rock'n'Roll never dies", he just smells funny, möchte man Zappa abwandeln -- "Rock'n'Roll never dies", das behauptete jedenfalls dieser Tage auch die Süddeutschen Zeitung -- ausgerechnet in einem anhimmelnden Artikel über Frank "Methusalem" Schirrmacher von der FAZ, der vor einem Jahr Navigationscomputer zur Saddam-Jagd lobpreiste. Wieder einmal passt der alte Rock'n'Roll-Kracher der Gebrüder Engel: Klau, lies und kotz, den meinungsbildenden Rotz.....

*** Geschichte wird gemacht, es geht voran mit den Jubiläen: 50 Jahre taz mit der Ausgabe vom 17. April 2029 zeigen, wie erschreckend man sich groß phantasieren kann, als "allein übrig gebliebene überregionale deutsche Tageszeitung neben der FAZ". Bei der Lektüre der Jubiläumsnummer mag man sich erfreuen, wie der 65-jährige Jeff Bezos von Amazon mit dem auf eBay aus NASA-Resten ersteigerten Raumkreuzer "George W. Bush" zusammen mit Google-Gründer Larry Page ums Leben kommt, ohne dass der fiese HAL ein Schalterchen umgelegt hat. Ansonsten ist die Zukunfts-taz eine seltsam blasse Nummer, ganz anders als die Zeitung, die heute ihren 100. Geburtstag hat. "L'Huma" gehörte zu den Zeitungen, die jahrelang viele Seiten hatten, doch noch mehr Scheuklappen: Jedes Ding hatte bei ihr bis zum Mauerfall nicht zwei Seiten, sondern nur eine. Mittlerweile hat sie einen lesbaren Kulturteil.

*** Bleiben wir bei der Konkurrenz, die eine Geschichte über einen Koffer veröffentlichte, der mittlerweile der SCO Group Probleme macht. Wir treffen hier die philosophische Frage von den vielen Seiten eines Dinges, von Sinn und Raum wieder. Wie geht das zusammen, wenn man in den USA händeringend um mehr Zeit für die Codesuche fleht -- und diese bis zum 23.4. bekommt --, in Deutschland aber mit einem Koffer aufwarten kann, in dem die Beweise versammelt sind? Logistisch gesehen ist das geistige Eigentum auf der falschen Seite des Atlantiks. Dafür wird wahrscheinlich in der kommenden Woche das Management gefeuert, wenn am 20.4. das Aktionärs-Meeting vonstatten geht: Die vierte, fünfte und sechste Seite des Investments ganz ohne Halloween-Verschwörungen von Baystar Capital wird dann aufgezogen, wenn Baystar und die Royal Bank of Canada mit jeweils 5% Stimmrechten die Großaktionäre überzeugen können, dass es besser ist, eine Clean Mean Machine zu haben. Eine schlanke Firma ohne Support und Software-Produktionskosten, die allein auf das Prozessgeschäft gegründet ist. Wo landet der Börsenkurs, wenn SCO sein Normalgeschäft eindampft und mit neuem, von Baystar eingeworbenem Management in Richtung Prozess dampft? Für Darl McBride muss wieder einmal, nach langer Zeit, der große Shakespeare die richtigen Worte finden:

Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht
Sein StĂĽndchen auf der BĂĽhn und dann nicht mehr
Vernommen wird; ein Märchen ists, erzählt
Von einem Blödling, voller Klang und Wut,
Das nichts bedeutet.

*** Manchmal wollen Jubiläen einfach nicht rund werden, so lange auch der zurückblickende Journalist an ihnen herumknetet. In dieser Hinsicht besteht ein Unterschied zur Science Fiction, die ohne Probleme eine ganze amerikanische Kleinstadt in das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges anno 1632 versetzen kann, wo alsdann vor 370 Jahren die "Affaire Galileo" begann. Unsere tapferen Amerikaner um Vater Larry Mazzare retten Galileo und mit ihm die Freiheit der Wissenschaft, dabei gleich die moderne Medizin und Gentechnik in Venedig importierend. Unsere Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Im November 1996 war es, als über eine unmoderierte Mailingliste zur Debatte um die Gentechnik zu einer Demonstration gegen Monsanto aufgerufen wurde. Monsanto verklagte den Verwalter der Mailingliste und verlor den Prozess, weil dieser nachweisen konnte, den Demonstrationsaufruf nicht verfasst zu haben. Monsanto gewann jedoch mit der Wahl von Düsseldorf als Gerichtsstand mit der Argumentation, dass Düsseldorfer im Internet die Mailingliste lesen könnten. Spät, fast schon zu spät hat nun der Widerstand der Internet-Aktivisten und von Greenpeace gegen die "Monsanto-Bohnen" dazu geführt, dass ab heute die Kennzeichenverordnung für Gentech-Essen in Kraft ist. Ab heute ist das detektivische Gen im Bürger gefordert, sich über sein Futter zu informieren. Fleich und Eier sind noch außen vor. Die einschlägigen Datenbanken ächzen schon.

*** Fabrizio Quattrocchi ist der Name eines der etwa 20.000 privaten Sicherheitskräfte (manche nennen sie auch Söldner), die in Irak beschäftigt sind. Sein Tod beschäftigt in süßlichen Varianten die Medien. Doch Quattrocchi wie die regulären Soldaten werden nicht nur von den ehrgeizigen Politikern ihrer Länder instrumentalisiert. Stolz verweist die RIAA auf Artikel, die sich mit dem Problem des Musikkonsums der Soldaten beschäftigen, der natürlich gleich wieder als illegaler dargestellt wird. Vor solch einem Hintergrund symbolisiert Apples iTunes die unbefleckte Empfängnis, erinnert das Geplänkel um das Überleben von Real Networks ein Bisschen an die Versuche Microsofts mit der Open Source.

Was wird.

Noch ein ungerades Datum: Heute vor 98 Jahren wurde San Francisco von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, bei dem 3000 der 450.000 Einwohner starben. In Europa ist diese Episode in der Geschichte über die Erinnerungen des Enrico Caruso bekannt, der am Abend zuvor in San Francisco aufgetreten war und beim Erdbeben aus dem Hotel stürmte und gegen den Lärm ansang, weil er um seine Stimme fürchtete und die Menschen beruhigen wollte. Nun muss Amerika mit der Vorhersage einer September-Attacke leben, die nichts mit dem Terror der Erdlinge zu tun hat.

Morgen beginnt in Brüssel eine Konferenz über Transponder. Das ist der Oberbegriff für die Chips, die als Schnüffelchips in der aktuellen Zeitschrift Ihrer Wahl betrachtet werden. In okkulten Kreisen wird die Technologie längst als Botschaft der Nazis begriffen, dass der Kampf um die Weltherrschaft diesmal ein technologischer ist.

Am Donnerstag ist wieder einmal der "Mädchenzukunftstag" Girl's Day. Für abfällige Bemerkungen über diesen Tag bin ich schon früher scharf kritisiert worden, deshalb wird heute nicht gelästert; das Mädchenprogramm Yolante ist ohnehin im Strudel der Sparmaßnahmen abgegluckert, leider. Nur eine kleine, zugegeben fiese Anmerkung. Die Hoffnung, den richtigen Nerv bei Mädchen zu treffen, erinnert an Diskussionen über den G-Punkt: Sind es denn so fremde Wesen, die da den Serverraum betreten? Man muss nicht unbedingt den Porno bemühen, der in die Benutzung von nmap einführen soll. Was ist mit der politisch korrekten DJane beim Chill Out los, dass sie nicht DJ genannt werden darf? Jedes Ding hat nicht nur zwei Seiten oder mehr, sondern auch noch viele Seitinnen. (Hal Faber) / (jk)