Industrie-Albtraum eAuto?
In Japan geht los, was sich weltweit fortsetzen könnte: Mit dem Aufkommen gut funktionierender Stromer erwachsen den traditionellen Herstellern neue Rivalen.
- Martin Kölling
März und April versprechen gute Monate für das eAuto in Japan zu werden – aber schlechte für die Autoindustrie. Gleich zwei Unternehmen kündeten an, in die Elektrofahrzeug-Produktion einsteigen oder sie verstärken zu wollen, ein Stahlhersteller will helfen und Better Place, das Start-up von SAPs Ex-Vorstandsmitglied Shai Agassi, wird am Montag die erste Batteriewechselstation der Welt einweihen.
Nun glaube ich kaum, dass die großen Dinosaurier angesichts der noch nicht einmal vollständig geschlüpften Mücken in Angstschweiß ausbrechen. Aber die Ballung eAuto-relevanter Nachrichten in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt deutet meiner Meinung nach doch auf ein größeres Problem hin: Durch die Elektrisierung könnte die Fahrzeugindustrie vor einer epochalen Machtverschiebung stehen. Die Autobauer verlieren mit dem Ersatz des komplexen Verbrennungsmotors durch Batterie und Elektromotor ihre Kernkompetenz, neue Rivalen können auf- und überholen.
Das Interessante in Japan sind dabei die neuen Player. Da ist zum einen Nano-Optonics Energy, ein 2005 von Wissenschaftlern der Universität Kyoto gegründetes Start-up, das ab 2011 mit dem Bau einer Fabrik in der Präfektur Tottori beginnen will. Im ersten Jahr möchte das Unternehmen 1000 Wagen bauen. Dabei will es mit teuren Sportwagen starten, aber danach rasch in den Massenmarkt expandieren. Erträumt wird eine Kapazität von 100.000 Autos. Bedeutsam ist dabei für mich nicht nur, dass erstmals eine autofremde Firma große Brötchen backen will, sondern auch und vor allem, dass ein alter Bekannter dabei wieder auftaucht: Hiroshi Shimizu, Professor der Keio Universität, Japans eAuto-Pionier.
Shimizu hat voriges Jahr bei der Gründung seiner Entwicklungsfirma SIM-Drive (steht für "Shimizu In-Wheel-Motor") großspurig verkündet, mit Partnern eine flexible Plattform inklusive seiner selbst entworfenen Radnabenmotoren zu entwickeln, die sowohl die Massenproduktion von eAutos als auch die Umrüstung von normalen Kraftwagen zu Stromern ermöglicht. Und nichts ist schöner, als wenn ein Visionär auch wirklich einmal Erfolg vermelden kann.
Beim zweiten Anwärter auf mögliche eAuto-Lorbeeren handelt es sich um eine kleine Familienfirma, die Ministromer seit 1990 in Manufaktur herstellt. Das neueste Modell der "Milieu"-Serie soll auf 60 Kilometer pro Stunde beschleunigen und mit einer Batterieladung 70 Kilometer weit fahren können. Größe, Form und Komfort erinnern an die BMW Isetta. Das ist ja nichts schlechtes. Die Kugel läutete ja auch eine neue Phase der Motorisierung ein. Der Stahlhersteller JFE wiederum versprach, das sich solche Minis durch ein neues Blech künftig noch leichter, robuster und preiswerter herstellen lassen werden. JFE hat für den Mini-Mini des Elektroautolabors der Keio-Uni einen Platinenzuschnitt entwickelt, der sich einfach in eine Karossie pressen lassen soll, in der die Forscher dann Batterie und den Rest der Bauteile einbauen wollen. Das Gefährt soll nur 1,50 Meter lang sein.
Zum Abschluss möchte ich aber auf eine andere Gruppe von Rivalen der Autohersteller eingehen, die nach nichts weniger als dem Herzstück des eAutos greifen wollen: der Batterie. Es sind ausgerechnet Japans Elektronikhersteller. Panasonic und sein Zukauf Sanyo, Hitachi, Toshiba, ja sogar Sony bieten bereits Lithium-Ionen-Akkus für Autos an. Nur Toyota (mit Panasonic als Juniorpartner) und Nissan (im Bund mit NEC) kontrollieren ihre Batterietechnik noch weitgehend selbst. Wenn die Industrie bereits in Japan so abgeht, möchte ich nicht wissen, was in Kürze in China passieren wird. Dort, versichern mir Insider, drängen zahllose ernstzunehmenden Firmen in die eMobilität.
(bsc)