Wo Fahrer immer nur rechts abbiegen

Beim Paketdienstleister UPS kommt es, genauso wie bei der Konkurrenz, auf jede Zustellminute an. Aus diesem Grund hat er in den USA ein erstaunlich umfassendes Trainingsprogramm aufgelegt - inklusive einer Potemkin'schen Stadtattrappe.

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Beim Paketdienstleister UPS kommt es, genauso wie bei der Konkurrenz, auf jede Zustellminute an. Aus diesem Grund hat er in den USA ein erstaunlich umfassendes Trainingsprogramm aufgelegt – inklusive einer Potemkin'schen Stadtattrappe.

Rund 4 Milliarden Kilometer legen die braunen Lieferwagen des Paketriesen UPS jedes Jahr zurück. Sie fahren über Landstraßen, durch enge Gassen in Kleinstädten und mitten hinein ins Herz von Metropolen wie New York oder Berlin. Was man bei all den vielen Millionen Trips jedoch so gut wie nie sehen wird, ist ein Fahrer, der links abbiegt. Jedenfalls dann, wenn er (oder sie) zuvor das offizielle Trainingsprogramm des Logistikkonzerns absolviert hat und seine Route aus dem UPS-Zentralcomputer kommt.

Das hat einen einfachen Grund: Spurwechsel sind ineffizient. Aus diesem Grund versucht die Routenplanung des Paketdienstleisters stets, die Fahrer möglichst ohne Linksabbieger durch Städte und Gemeinden zu führen, damit sie seltener an Ampeln oder auf den Gegenverkehr warten müssen. In 90 Prozent der Fälle geht es nur rechts herum. Die dabei eingesetzte Software, Routenoptimierungssystem genannt, soll so und mit anderen Tricks bis zu 45 Millionen gefahrene Kilometer im Jahr einsparen helfen können – und gleichzeitig viele Millionen Liter Treibstoff.

Auch bei der Fahrerausbildung rühmt sich UPS, eigene Wege zu gehen. In einem Trainingscenter in der Nähe der US-Hauptstadt Washington wird ein angehender Fahrer, der laut einem Bericht des "Wall Street Journal" später im Schnitt 74.000 Dollar verdienen kann, sechs Wochen lang getriezt. Dabei wird Technik eingesetzt, die von UPS selbst und einem Team von Forschern des Virginia Institute of Technology stammt. Den Anfang macht ein Computerspiel, bei dem die Geschicklichkeit überprüft wird, später geht es auf einen Rundkurs.

Dazu wurde eine Art Potemkin'sches Dorf aufgebaut: "Clarksville", eine Anlage mit kleinen Häusern, falschen Geschäftsadressen und allerlei Hindernissen, wie man sie auch aus dem echten Straßenleben kennt. Der UPS-Schüler muss dann mit einem echten Fahrzeug innerhalb von 20 Minuten mindestens fünf erfolgreiche Zustellungen absolvieren.

Aber nicht nur das Fahren wird geprobt. Selbst das korrekte Laufen bei gefährlichen Witterungen lässt UPS üben. Dazu wird der angehende Lieferant in einen Simulator eingespannt und mit rutschigem Schuhwerk ausgestattet. Dann muss er sich mitsamt Paket über eine schlüpfrige Fläche bewegen und kann testen, mit welcher Technik er nicht auf den Hosenboden fällt. Die übliche UPS-Anweisung, stets mit schnellem Schritt unterwegs zu sein, darf hier vergessen werden.

Andere Trainingseinheiten beschäftigen sich mit dem korrekten Heben und Beladen und sind darauf abgestellt, wertvolle Sekunden zu sparen. Dazu gehört beispielsweise auch, dass Fahrer dazu angewiesen sind, nie den Schlüssel ihres Wagens loszulassen – er hängt stets am Ringfinger.

Die UPS-Leute hatten ihre Fahrer früher mit traditionellen Methoden ausgebildet – vor allem im Klassenraum, nur später ging es dann auf die Piste. Heute, wo der Praxisanteil höher ist, sank erstaunlicherweise auch die Durchfallquote: 90 Prozent der Kandidaten kommen durch und wissen mehr als früher. Zur Vertiefung geht es anschließend aber trotzdem noch einen Monat lang auf einen echten Wagen. (bsc)