Sauber argumentieren

"Nur lokal emissionsfrei" und "kaum sparsamer als ein moderner Diesel" - diese Argumente gegen das Elektroauto werden durch häufige Wiederholung auch nicht wahrer.

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Wohl jede neue Technologie muss das "Tal der Enttäuschung" durchschreiten. Im "Hype Cycle" des US-Marktforschungsunternehmen Gartner bezeichnet dieses Tal den Medien-Absturz einer Technologie nach einem Hype. Mir scheint, bei Elektroautos steht dieser Absturz nun bevor. Der "Spiegel" etwa bezweifelt unter dem Titel "Die große E-Illusion", dass Elektroautos a) eine Chance auf dem Markt haben und b) etwas für die Umwelt bringen.

Dieses Abrücken von der allgemeinen E-Euphorie ist zunächst einmal keine schlechte Sache: In der Tat sollte man jeder neue Technologie mit gewisser Distanz begegnen und ihre Vor- und Nachteile gelassen gegeneinander abwägen. Und in der Tat sind bei der Elektromobilität noch einige Fragen offen, vor allem wirtschaftlicher Art.

Trotzdem: Einige der Argumente in diesem Zusammenhang kann ich mittlerweile nicht mehr hören:

Argument 1: Elektroautos sind nur lokal emissionsfrei.

Was heißt hier eigentlich "nur"? Schon klar, dem Klima ist es egal, ob Kohlendioxid aus einem Auspuff oder einem Kraftwerk-Schornstein kommt. Aber den Anwohnern der B1 in Dortmund, der Nibelungen-Allee in Frankfurt oder der Göttinger Straße in Hannover dürfte es nicht egal sein. Verbrennungsmotoren machen Teile unserer Städte durch Ruß, Stickoxide und Lärm zu praktisch unbewohnbaren Schluchten, und E-Autos würden die Lebensqualität der Städte deutlich heben – und auf diese Weise auch den Verkehr reduzieren, weil niemand mehr auf der Flucht vor dem Auto in die Vorstadt ziehen muss.

Argument 2: Elektroautos verbrauchen kaum weniger Energie als sparsame Diesel

Gut, Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose, sondern muss irgendwie erzeugt werden. Niemand behauptet etwas anderes. Doch woher bitteschön kommen Diesel und Benzin? Nicht aus der Zapfsäule jedenfalls. Bei der Förderung, Raffinierung und Transport des fossilen Sprits geht eine erhebliche Menge an Energie verloren. Nach Angaben des Programms "Optiresource" sind das immerhin 20 bis 25 Gramm CO2 pro Kilometer. Während dem Elektroauto aber immer die Energiebilanz "Well to Wheel", also von der Quelle bis zum Rad, in Rechnung gestellt wird, fällt der Pfad "Well to Tank" (von der Quelle bis zum Tank) bei fossilen Brennstoffen gerne unter dem Tisch. So auch im "Spiegel": Das Magazin nennt unter Berufung auf den ADAC 86 g/km CO2 für einen Diesel-Smart, und 71 Gramm für das Strom-Pendant (nach europäischem Strom-Mix). Doch zieht man eine ehrliche Well-to-Wheel-Bilanz für den Diesel, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Dazu kommt: Auf der Well-to-Tank-Seite wird sich die Energiebilanz beim Strom kĂĽnftig tendenziell verbessern, weil immer mehr regenerativer Strom ins Netz gespeist wird. Bei fossilem Sprit ist es umgekehrt: Je mehr Ă–l aus schwer nutzbaren Quellen wie etwa kanadischem Ă–l-Sand gewonnen wird, desto mehr Energie wird schon auf dem Weg zum Tank vernichtet.

Also: Auch wenn das Elektroauto in etwa ein, zwei Jahren tief im Tal der Enttäuschung abgetaucht sein sollte und kein Mensch mehr das E-Wort hören mag – sauber argumentieren sollte man doch weiterhin. (bsc)