Der Jojo-Effekt der Emissionen: Wer noch wie viel ausstoßen darf

Der Ausstoß von Kohlendioxid ist fast schon wieder so hoch wie 2019 und das verbleibende Treibhausgas-Budget schrumpft immer weiter. Wie wird es aufgeteilt?

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Klimwandel, Kohlendioxid, Abgase, Abgas, CO2

(Bild: heise online / anw)

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Von
  • Christopher Schrader
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Zwar hatte die Pandemie durch Lockdowns und Kontaktbeschränkungen Einfluss auf die weltweiten CO2-Emissionen, allerdings eher den einer unüberlegten Schnell-Diät: Durch blinden Aktionismus und eine komplett einseitige Ernährung sind ein paar Pfunde weg und der Reißverschluss geht gerade so wieder zu. Man fühlt sich besser, gesünder, die Entschlusskraft erlahmt, der Körper lässt sich von der Veränderung nicht mehr beeindrucken – und nach wenigen Tagen ist das Gewicht wieder drauf. Der typische Jojo-Effekt.

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Ein ähnliches Ergebnis für den CO2-Ausstoß verkündete am Rande der Klimakonferenz COP26 in Glasgow das Global Carbon Project, ein Team internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Emissionen, die im ersten Pandemiejahr unter anderem durch Lockdown und Reiseeinschränkungen um 5,4 Prozent gesunken waren, sind im zweiten Pandemiejahr praktisch auf den Ausgangswert von 2019 zurückgesprungen.

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Der Ausstoß im Jahr 2019 hatte 36,7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid betragen. Weil er gegenüber 2018 kaum gestiegen war, hatten manche schon darüber spekuliert, ob ein Plateau erreicht und ein Absinken der Emissionen in Sicht sei. Im ersten Pandemiejahr 2020 sank der Ausstoß tatsächlich auf 34,8 Milliarden Tonnen. Die Hochrechnung des Teams für 2021 liegt nun aber bei 36,4 Milliarden Tonnen. Und weil in der Analyse Daten für zwei Monate fehlen und durch Hochrechnungen ersetzt wurden, geben die Forschenden einen Bereich von etwa 36,0 bis 36,8 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß an.

Die globalen Emissionen von Kohlendioxid steigen 2021 vermutlich fast wieder auf die Werte vor der Pandemie. Diese bleibt damit eine kurze, tiefe Delle, ändert aber auf die Dauer nichts an der Klimakrise, zeigen Hochrechnungen eines Forschungsteams.

(Bild: Quelle: Global Carbon Project / Grafik: csc)

"Diese Zahlen sind nicht gerade fantastisch", sagt Corinne Le Quéré von der University of East Anglia mit erkennbaren Sarkasmus. "Aber sie sind auch nicht besonders überraschend, weil die Pandemie ja keine strukturelle Veränderung der Emissionen gebracht hat. Es macht eben einen Unterschied, ob man sein Auto für ein Jahr abstellt oder ob man sich ein Elektroauto kauft." Ihr Kollege Glen Peters vom Zentrum für Internationale Klimaforschung (Cicero) in Oslo ergänzt: "Wir hatten erwartet, dass sich die wirtschaftliche Erholung, und damit die Zunahme der Emissionen, über mehrere Jahre verteilt. Aber die Hilfspakete der Regierungen zielen eben oft auf die alten Industrien, die CO2 freisetzen. Und wo es Investitionen in grüne Technologien gab, wirken die noch nicht so schnell."

Letzteres ist besonders interessant in Europa, wo die EU-Kommission ja einen "Green Deal" als Stimulus für die Pandemie-geplagte Wirtschaft versprochen hatte. Hier folgt den Daten des Forschungsteams zufolge auf den zehnprozentigen Rückgang der Emissionen 2020 vermutlich eine Zunahme von 7,6 Prozent im laufenden Jahr. Die USA weisen ähnliche Zahlen auf, in Indien übertrifft das Wachstum 2021 die Abnahme 2020 deutlich und in China sind die Emissionen selbst im vergangenen Jahr trotz der dort ausgebrochenen Pandemie noch leicht gestiegen. Die beiden asiatischen Großmächte sind damit die einzigen, die mehr Treibhausgase freisetzen als vor der Pandemie: EU, USA und der gesammelte Rest der Welt liegen jeweils unter den Werten von 2019.

Besonders der Ausstoß von CO2 aus dem Kohle- und Gassektor hat nach dem Rückgang sehr schnell wieder zugenommen, zeigen die Daten. Dagegen ist der Verbrauch von Erdöl noch nicht auf die Werte vor der Pandemie zurückgekehrt, vor allem weil die Mobilität weiterhin eingeschränkt ist; auch die Emissionen sind noch nicht wieder auf dem Niveau von 2019. "Die Frage bleibt, ob die Politik hier jetzt umsteuert und dauerhaft bremst. Und ob der Zuwachs bei der Kohle vielleicht nur ein kurzer Zucker-Schock für die Wirtschaft war", sagt Peters. "Vielleicht normalisiert sich das Zuviel hier und das Zuwenig dort und wir sind in zwei Jahren wieder in der Diskussion, ob wir den Höhepunkt der Emissionen erreicht haben."

Auf dem bisherigen Niveau kann die Welt den Daten des Global Carbon Project zufolge jedenfalls rechnerisch nur noch etwa acht Jahre weitermachen. Dann ist das Emissions-Budget aufgebraucht, das es der Menschheit mit einer 2/3-Chance erlaubt, die Erderhitzung auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Dieses Ziel haben zuletzt auch die G20-Staaten in Rom verkündet, bevor viele der Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker nach Glasgow weiterreisten. Laut Daten des Weltklimarats in seinem jüngsten Bericht darf die Welt dafür ab Anfang 2020 nur noch 400 Gigatonnen CO2 ausstoßen. Auf dieser Basis zählt zum Beispiel beim Mercator-Institut für Klimawandel und globale Gemeinschaftsgüter in Berlin eine Uhr die Zeit herunter: Am 22. Juni 2029 wäre demnach Schluss.

Diese Restmenge als globale Größe ist nicht besonders gut handzuhaben. Man könnte sie zum Beispiel auf einzelne Länder aufteilen, die sich dann freiwillig danach richten. Im Bundestagswahlkampf hatten nur die Grünen explizit gefordert, ein solches nationales Budget aufzustellen. Zurzeit sieht es nicht danach aus, als könnten sie sich damit in den Koalitionsverhandlungen einer Ampel-Regierung durchsetzen. Es würde auch entscheidend auf die Höhe ankommen. Die momentane Gesetzgebung sieht vor, dass Deutschland bis 2045 noch etwa 8,7 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen würde.

Die Grünen hatten sich in ihrem Programm dagegen an den 2019 veröffentlichten Zahlen des Sachverständigenrats für Umweltfragen orientiert. Er hatte ein nationales Budget von 6,6 Milliarden Tonnen CO2 vorgeschlagen. Allerdings bezog sich diese Angabe auf eine Erwärmung von maximal 1,75 Grad und beruhte auf einem Budget, das der Weltklimarat IPCC inzwischen aktualisiert hat. Auf dieser neuen Basis dürfte Deutschland noch 3,3 Milliarden Tonnen ausstoßen, um seinen Beitrag zum 1,5-Grad-Ziel zu leisten. Diese Berechnung beruht auf dem Gedanken, dass alle Menschen auf der Welt das gleiche Anrecht auf Emissionen haben. Sie würde aber für Deutschland bedeuten, dass das nationale Budget schon nach fünf Jahren auf dem Niveau von 2020 ausgeschöpft wäre. Die Reduktion müsste radikal sein und dürfte keine Verzögerung dulden.