Missing Link: Internetstars – Von Influencern, YouTubern und Twitchstreamern

Seite 4: Ich bin Staiy!

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Staiy, seit 2013 auf Twitch, zählt zu den großen deutschen Streamern und gilt rund um Live-Content-Plattformen als gut informiert. Staiy, der bereits vor der Amazon-Übernahme auf Twitch aktiv war, kann als einer der wenigen seine Inhalte live auf anderen Plattformen übertragen. Die exklusiven Inhalte, die er ausschließlich auf Twitch live zeigen darf, beschränken sich vertraglich auf Gaming-Inhalte, die seien heute aber die Ausnahme, und deshalb ist Staiy immer mal wieder auf den Plattformen anderer Anbieter live zu sehen. Er selbst bezeichnet seinen Content im Gespräch mit heise online mit den Worten: "Ich bin Staiy!" und wenn jemand fragt, "ich mach in Werbung".

Begonnen hat Staiy auf Twitch klassisch mit Gaming-Content, den er zuerst ausschließlich in Englisch übertragen hat. Nach einigen Monaten wechselte er dann zur deutschen Sprache und ist mittlerweile im "Just Chatting"-Bereich angekommen. Dort befasst er sich zusammen mit seiner Community mit tagesaktuellen Themen und reagiert gelegentlich auf Videos aus dem Internet – Reaction-Videos. Diese Reaction-Videos sind nicht unumstritten und es gibt immer wieder Diskussionen, ob sie legal sind oder es sich um "Content-Klau" handelt.

Vertreten ist der Online-Entertainer oder Moderator, wie er seinen Job alternativ bezeichnen würde, auf Twitch, YouTube, Twitter, Instagram – und auf Trovo. Staiy erklärt heise online: "Pro Zuschauer und gesehene Stunde gibt es auf Trovo in dem Partnerprogramm einen Dollar." Auf seinem Twitch-Kanal, auf dem er aktuelle Themen rund um Twitch, Werbung und Nachrichten behandelt, hat Staiy aktuell zwischen 7000 und 10.000 Zuschauer, seine tägliche Streaming-Zeit, die er auch als Arbeitszeit angibt, betrage zwischen 3 und 5 Stunden. Wenn Trovo das Partnerprogramm in der Form dauerhaft etabliere, "wäre das anders interessant".

Seine Einnahmen generiert Staiy über Twitch (70 Prozent), Werbeverträge (20 Prozent) und YouTube (10 Prozent). Davon bezahle er zwei Video-Cutter, die die Aufzeichnungen seiner Live-Streams für YouTube bearbeiten und auf seinen Kanal hochladen. Video-Cutter für YouTube entwickele sich mittlerweile zu einem Beruf, den einige große Twitch-Streamer in Anspruch nehmen. Dabei handle es sich oft um Freelancer, die sich genau darauf spezialisiert haben. Auf Twitch können die Videos nach dem Live-Stream zum Abruf für die Zuschauer bereitgestellt werden, Staiy hat die Video-on-Demand-Funktion auf seinem Twitch-Kanal deaktiviert und zeigt die Zusammenfassung seiner Übertragungen auf seinem YouTube-Kanal. "Von den Einnahmen lebe ich alleine", erklärt Staiy, "und bestreite meinen Lebensunterhalt aus den 20 Prozent der Werbeeinnahmen durch Sponsoren."

Staiy bezeichnet seine Streams nicht als Arbeit im eigentlichen Sinne: "Ich mache das, was ich eh machen würde, nur schalte ich dabei die Kamera und das Mikrofon an." Nach sieben Jahren müsse er sich nicht mehr vorbereiten: "Ich gehe genau wie meine Zuschauer in den Stream. Die Themen ergeben sich oft über den Zuschauer-Chat. Alles, was ich zeige, ist ungeschliffen." Das setze eine gewisse Improvisationsfähigkeit voraus, berge aber auch Gefahren, "da man nicht weiß, was auf einen zukommt". Staiy ist überzeugt: "Die meisten Inhalte außerhalb des Gamings seien oft kalkuliert und folgen einem vorbereiteten Ablauf." Eine Folge der Echtheit seiner Inhalte sei, dass man "anecke".

"Ich bin Staiy!"

(Bild: Reach Out)

Für das Streamen im Internet gebe es keine Voraussetzungen und die Notwendigkeit bestimmter Fähigkeiten. Das Wichtigste für einen erfolgreichen Internet-Auftritt und die Möglichkeit davon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sei die Frage, "ob die Zuschauer sich mit dem, was Du machst, identifizieren können". Eine Portion Glück gehöre auch dazu. Viele seien aber der Meinung, im Internet für das Nichtstun viel Geld zu bekommen. Auf Twitch heute noch groß zu werden, hält Staiy, abgesehen von einigen Ausnahmen, für nahezu unmöglich. "Der Markt ist überflutet von Influencern, Content-Creatoren und Künstlern. Jeder neue Streamer, der auf Twitch sein Glück versucht, ist ein Vorteil für die ganz Großen, die ein Prozent der bekannten Streamer, bei dem die Zuschauer früher oder später landen, nämlich bei mir, Kappa", ist er überzeugt.

Für Staiy ist der Live-Chat auf Twitch das Wichtigste. Die Interaktion mit den Zuschauern, die ihre eigene Sprache haben und mit Emotes ihre Gefühle ausdrücken. "Wer Twitch regelmäßig nutzt, kennt jedes Emote und dessen Bedeutung. Ich musste mir abgewöhnen, die Namen der Emotes am Ende von Sätzen außerhalb von Twitch zu sagen, damit habe ich meine Aussagen eingeordnet." So bedeutet Kappa zum Beispiel, dass man nur einen Scherz gemacht hat und die Aussage nicht ernst genommen werden soll. Dazu gibt es ein entsprechendes Emoticon, dass es im Chat zu erkennen gilt. Neben Kappa sind PogChamp, FeelsBadMan und FeelsGoodMan nur einige, die dazugehörige Emoticons bedürfen für Unwissende einer Erklärung. "Die Emotes auf Twitch haben eine eigene Kultur." Der Chat könne einen auf Händen tragen oder aber auch sagen, "dass man scheiße ist". "Das kann einen überwältigen, die Frage ist, wie man damit umgehen kann."

Die Gefahren bezüglich der Existenzgrundlage von Influencern stuft Staiy identisch mit denen eines Selbstständigen ein. Auf jeder Plattform seien die Regeln klar formuliert und beschreiben, was man darf und was nicht, darunter auch, welche Kleidung man tragen darf und welche nicht erlaubt ist. Die Kontrolle und Strafen bei Nicht-Einhaltung dieser Regeln seien allerdings intransparent. "Ich wurde Anfang 2019 für eine gewisse Zeit von Twitch ausgeschlossen, das aber zurecht", erklärt Staiy, "weil ich jemanden beleidigt habe. Die Information dazu kam per E-Mail, allerdings wurde in der E-Mail nicht explizit erklärt, an welcher Stelle genau mein Fehlverhalten lag." "Wenn das Ziel der Aussperrung (Bestrafung) sein soll, dass ich meinen Fehler nicht wiederhole, sollte ich genau wissen, an welcher Stelle ich mich falsch verhalten habe."

Die Information fehle ihm bei der Herangehensweise durch Twitch. Man könne auch nicht in den VODs nachschauen, denn ab dem Zeitpunkt, wo man gebannt sei, habe man keinen Zugriff mehr auf seinen Kanal, selbst ein Einloggen sei nicht mehr möglich. Wenn der Kanal wieder freigeschaltet ist, solle man also lieber erst einmal nachschauen, bevor man den gleichen Fehler wieder begehe. "Für Verstöße auf Twitch ist das 'Trust and Safety'-Team zuständig, das von außen gut isoliert über dein Fehlerverhalten entscheidet", erklärt Staiy. Ein Problem bestehe seiner Meinung nach schon mit dem Verfahren, so könne der eine Mitarbeiter ein Vergehen oder eine Beschwerde anders bewerten als beispielsweise ein anderer. Gerade die Kleidung betreffenden Vorgaben würden beim Betrachten unterschiedlich und nicht immer nachvollziehbar bewertet.

Einen hundertprozentigen Schutz vor einem temporären oder dauerhaften Ausschluss aus Twitch gebe es Staiy zufolge nicht. "Wenn Du auf Twitch groß werden willst, bist Du entweder Profi-Gamer mit exzellentem Gameplay oder Du bist für die Zuschauer interessant, und dafür muss man schon mal anecken." Allerdings gebe es ein weiteres Problem mit dem Ausschluss aus Twitch. "Wenn du auf Twitch gebannt wirst, darf Deine Stimme und Dein Gesicht auf der Plattform nicht mehr auftauchen", erklärt Staiy. Anders als bei YouTube werde nicht der Kanal gesperrt, sondern die Person, die sich anschließend keinen neuen Kanal erstellen dürfe. Das habe nicht nur Einfluss auf die finanzielle Situation.