Missing Link: Internetstars – Von Influencern, YouTubern und Twitchstreamern

Seite 5: Das soziale Umfeld auf Twitch

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Staiy – Streaming

(Bild: Reach Out)

"Für gebannter Twitch-Streamer kann es extrem hart werden, weil auch das soziale Umfeld zusammenbrechen kann", erklärt Staiy. Viele langjährige Twitch-Streamer hätten ihren Freundeskreis auf der Live-Plattform, mit dem sie täglich zusammen live unterwegs seien – und von einer Sekunde zur Anderen ist das vorbei. Nicht jeder hauptberufliche Streamer könne einen finanziellen Ausfall von einigen Tagen verkraften und müsse dementsprechend "auf Sendung" gehen. Der Ausgeschlossene könne in diesem Fall zwar Zeit in den Spielen mit seinen Freunden verbringen, es müsse allerdings peinlich genau darauf geachtet werden, dass seine Stimme nicht zu hören ist, denn dann würde der übertragende Streamer ebenfalls gebannt. Staiy erklärt das genauer: "Wenn Du in der Gastronomie arbeitest, liegt es nahe, sich aufgrund der Arbeitszeiten Freunde aus der gleichen Branche zu suchen. Wirst Du entlassen, würden die Regeln analog bedeuten, dass Du mit keinem deiner ehemaligen Arbeitskollegen auf dem Betriebsgelände mehr sprechen darfst, sonst werden die auch entlassen."

Das sei gerade für junge Streamer auf Twitch gefährlich, für die alles zusammenbreche und so ein Bann zu einer extrem psychischen Belastung werden könne. "Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Streamer introvertiert sind." So habe beispielsweise der Streamer Excel95 öffentlich die Freitodhilfe in der Schweiz thematisiert, nachdem er auf YouTube und Twitch dauerhaft gesperrt wurde. Mittlerweile ist Excel95 wieder auf Trovo aktiv. Aber nicht immer gehe sowas gut aus, kürzlich ist der ehemalige E-Sport-Profi und World of Warcraft-Streamer Byron Bernstein (Reckful) mit 31 Jahren verstorben, Berichten zufolge handelte es sich um einen Suizid. Reckful war nicht auf Twitch gebannt.

Twitch sei laut Staiy an der psychologischen Belastung in Folge eines Ausschlusses auch nicht gänzlich unschuldig. Auf Veranstaltungen wie der TwitchCon suggeriere die Amazon-Tochter immer wieder: "Wir sind eine Familie, eine Gemeinschaft, wir bauen zusammen mit Dir etwas Großes auf und bei uns bist Du sicher." Staiy selbst halte sich nicht für introvertiert und bezeichnet Twitch als "ein riesiges Mental-Hospital". Warum so viele introvertierte Menschen ihr Leben ins Internet live übertragen, erklärt Staiy: "Es ist einfacher vor einem Bildschirm Informationen von sich preiszugeben!" Jeder auf Twitch wolle den anderen unterstützen und trage dabei sein eigenes Päckchen, Staiy ist überzeugt: "Twitch-Zuschauer sind einsam und bauen sich Bekanntschaften im Internet auf, das ist eine andere Welt – die Menschen suchen Kontakt in einer Einbahnstraße."

Auch Staiy habe negative Erfahrungen im Internet gesammelt. Dabei wurden intime Dinge öffentlich gemacht und gegen ihn verwendet, seitdem halte er alles Private aus seinen öffentlichen Auftritten heraus. Neben Beleidigungen habe er auch vier Jahre hintereinander Morddrohungen zur Gamescom erhalten, auf denen er dann unter Personenschutz gestanden habe, "bei der ersten Morddrohung war mir anders zumute".

Staiy lebt als bekennender "Rundfunklizenz-Flüchtling" mit seinen zwei Hunden in der Schweiz und ist davon überzeugt, dass "Streaming das Fernsehen zu 100 Prozent tötet", das dauere aber noch Jahre. "Ich besitze seit einigen Jahren keinen Fernseher und TV-Anschluss mehr." Die öffentlich-rechtlichen Programme sind im Internet auf Abruf und im Livestream zu verfolgen, Inhalte sind in den Mediatheken teilweise vor der Ausstrahlung im linearen TV abrufbar.

Während Staiy sein Privatleben weitestgehend aus der Öffentlichkeit raushalte, stellen andere Influencer ihr Hab und Gut in sogenannten "Roomtours" öffentlich zur Schau. Dabei werden die Eigenheime der Internet-Stars Raum für Raum gefilmt und im Internet veröffentlicht. Zusätzlich werden die im Besitz befindlichen Autos und oft auch die teuren Uhren dem Zuschauer nicht vorenthalten. Dabei handelt es sich in der Regel um einen AMG-Mercedes oder Lamborghini, gerne auch beides, inklusive der Rolex. Staiy halte die Zurschaustellung des unglaublichen Reichtums – im Internetjargon auch "flexen" genannt – für eine surreale Satire. "Viele sind so groß geworden, weil die Zuschauer sich mit den Influencern identifizieren konnten, als sie auf ihren Kanälen ihre Probleme darstellten." Das sei mit den großen YouTubern, die sie heute sind, nicht mehr "relatable". Der Trend gehe dahin, "alles zu zeigen, was du hast". Staiy erachte nicht alles als selbstverständlich, er stelle sich immer wieder mal vor, dass morgen alles vorbei sei. "Das ist theoretisch nicht auszuschließen, allerdings extrem unwahrscheinlich", weiß Staiy.

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