Missing Link: Space-Race – die Vorherrschaft beim Satelliteninternet
Seite 3: Kein neues 5G
Könnten Satellitenterminals das neue 5G werden? Genau das wollen die Europäer verhindern, sagt Kulezwa. "Diese Lektion hat man gelernt." Das große EU-Projekt fürs eigene, "souveräne" Satellitennetz IRIS2 ist gerade dabei, die Infrastruktur auszuloben und einer, der hofft, dabei mit von der Partie zu sein, ist wohl Satelliten-Veteran Greg Wyler.
Wyler ging nach der Gründung des MEO-Dienstes (Middle Earth Orbit) "The Other 3 Billion" (O3B) mit seiner LEO-Idee zunächst zu Google und 2014 zu Elon Musk. Musk und Wyler trennten sich allerdings vor dem kometenhaften Aufstieg von Starlink und Wyler gründete den weniger erfolgreichen, inzwischen von Eutelsat übernommenen Konkurrenten OneWeb.
Für sein neuestes Venture e-Space (das schon namensmäßig ein wenig nach Europa klingt) mit Sitz unter anderem in Toulouse annonciert Wyler alle politisch korrekten Eigenschaften, die man sich wohl für IRIS2 ganz offiziell wünscht: Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit, Vermeidung von Schrott und vor allem souveräne, dedizierte Satellitenkonstellationen für einzelne Regierungen innerhalb seiner Megakonstellation von 337.323 Minisatelliten. Neben dem e-Space-Projekt nehmen sich selbst Starlinks Constellations geradezu klein aus.
100.000 bevor es kracht
Von diesen 337.323 über den ruandischen Regulierer bei der ITU angemeldeten Satelliten – selbst die 2023 gestartete African Space Agency war überrascht – sind aktuell aber wohl erst ganze drei im Orbit, sagt Jonathan McDowell, Astrophysiker am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics und Autor und Herausgeber von Jonathan's Space Report.
Natürlich stehen mit Ausnahme von Starlink viele der Megakonstellationen noch am Beginn ihrer Launches. Aber die drei Satelliten von e-Space sind nicht im offiziellen Register der United Nations Register of Objects Launched into Outer Space oder in der ITU Space Network/Earth-Liste registriert. "Sie tauchen als Objekt A und B oder so auf, einfach, weil sie getrackt werden. Meine Vermutung ist, dass sie nicht funktionieren. Auch dass es keinen Hinweis der Firma zu diesen drei Satelliten gibt, macht sich schlecht bei einem Anbieter, der so viele Geräte ins All bringen will."
Der zunehmende Verkehr in den erdnahen Umlaufbahnen und der fast unweigerlich entstehende Müll bereiten dem Astrophysiker Sorgen. Erklärte Aufgabe seines Berufsstandes seien nicht schöne Bilder vom Sternenhimmel, sondern exakte Messungen der Sterne – und das wird zunehmend schwer. Wie viele Megakonstellationen mit wie vielen Einzelsatelliten der Himmel verkraftet? Dazu gebe es eine Reihe von Berechnungen verschiedener Wissenschaftler, die nicht ganz deckungsgleich, aber doch ähnlich seien, sagt McDowell. Am Ende hänge alles von der Größenordnung ab.
"Ein heller Satellit am Nachthimmel ist nicht schlimm, 100.000 aber schon." Der Nachthimmel sollte als Teil menschlicher Umwelt geschützt werden, findet er. "Vielleicht sind 100.000 in Summe machbar, wenn wir uns bei der Art und Weise, wie wir das betreiben, sehr umstellen und höhere Kosten in Kauf nehmen." Es bräuchte smartere Satelliten, die sich beständig "wegducken" oder Ausweichmanöver fahren können. Außerdem müsste professionell Schrott aus den Orbits beseitigt werden. Kollisionen müssten zudem in die Kostenrechnung einbezogen werden. Denn bei einem überfüllten Himmel gebe es beständig Satelliten, die gerade auf dem Weg in ihre Umlaufbahn oder in Richtung Wiedereintritt seien. "100.000, vielleicht schaffen wir das. Eine Million sind zu viel, denke ich."
McDowell ist damit liberal in seiner Beurteilung. Denn es gebe auch Kalkulationen, die besagen, dass man selbst bei einem sofortigen Stopp aller Launches noch rund fĂĽnf Jahre mit dem Eintreten des sogenannten Kessler-Effekts zu rechnen habe, einer kaskadenartigen Vermehrung von kleinen Schrottteilen durch Kollisionen.
Regeln fĂĽr die Umwelt im All
Für McDowell, der seit 2020 zu den Mahnern gehört und minutiös die Starts und das Abstürzen von Satelliten dokumentiert, bedarf es klarer Regeln und vielleicht auch einer Begrenzung. Dass die FCC bei der jüngsten Megakonstellationsanfrage von Elon Musk im vergangenen Jahr entschied, zunächst nur 7500 von 30.000 beantragten Satelliten zu gewähren, sei ein ermutigendes Zeichen. "Vielleicht hätten sie noch etwas weitergehen können, aber ich bin durchaus angenehm überrascht."
Noch gar nicht wirklich bedacht seien nämlich auch Phänomene wie der Einfluss von verbrannten Metallen auf die Atmosphäre oder von Schockwellen, die wieder eintretende Objekte auslösten. Erste Studien der ESA blicken auf die chemischen Effekte in der Atmosphäre, allerdings noch mit Zahlen, die von 100.000 oder mehr Objekten über unserem Himmel ausgehen. Weitere Studien sind notwendig. Aber vor allem müssen auch geostrategische Gegner wie China ins Boot geholt werden. "Vielleicht sollte Europa hier die Vermittlung übernehmen", meint er.
Klar ist für ihn, am Ende sollten Regierungen sich auf Regeln einigen. "Der Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums oder auch die ITU wären gut, ich fürchte aber, sie sind durchs Konsensprinzip zu langsam." McDowells Favorit: der Dachverband der internationalen Space Agencies.
Eine IANA fĂĽr Orbits?
Regulierung sei gar nicht immer die beste Lösung, meint demgegenüber Kulesza. Die Koordination durch Selbstverwaltungsgremien im klassischen Internet sei ein alternatives, ausbaufähiges Modell. Ein bisschen Internetphilosophie in den entfesselten Satellitenmarkt hinüberretten, das würde die Internet-Society wohl gerne. Denn abgesehen von Weltraumschrott und Umweltfragen gibt es auch die Fragen technischer Standards und der Integration der neuen Netze mit dem guten alten Internet.
Dan York, ISOC Director Internet Technology, sagt, dass es aktuell an grundsätzlichen Überlegungen dazu fehle, "welche Art von Satelliteninternet wir haben wollen". Die ISOC hat daher abgesehen von Kuleszas Arbeiten auch eigene Empfehlungen entworfen.
"Wollen wir einen konsolidierten Markt mit wenigen Milliardären und wollen wir ein System, in dem die verschiedenen Diensteanbieter proprietäre Geräte anbieten?", fragt er. Im Sinne besserer Konnektivität wäre es doch vielleicht gut, über Roaming nachzudenken und auch den Zusammenschluss von Netzen (Peering) ins Auge zu fassen. Vielleicht wäre es am Ende auch für die Provider von Vorteil, wenn ihr Netz in Regionen, in denen sehr viele Nutzer auf ihrer Infrastruktur unterwegs sind, nicht gleich in die Knie geht?
Wenn es um den Zugang für die nächste Milliarde Menschen zum Internet geht, so York, sollte das am Ende auch bezahlbar sein. Denn zu Starlink-Kosten lässt sich die nächste Milliarde vielleicht nicht anschließen. Über solche Standards, genauso wie über Fragen von Privacy und das Thema kritische Infrastrukturen und nationale Sicherheit müsste man sich ganz dringend verständigen, sagt York.
(bme)