Mehr Bits fĂĽr Farbe
Seite 7: Immer noch exotisch: L*a*b*
Immer noch exotisch: L*a*b*
Der RGB-Farbraum entspricht zwar der „Technik“ unseres Farbensehens – auch die Netzhaut enthält drei selektiv für Rot, Grün und Blau empfindliche Typen von Sinneszellen – ist für die intuitive Beschreibung von Farben und die Arbeit damit jedoch denkbar ungeeignet. Wir empfinden Farben nicht als RGB-Mischung, sondern als Farbtöne unterschiedlicher Sättigung und Helligkeit. Es gibt mehrere Farbräume, welche mit diesen Komponenten arbeiten, am bekanntesten sind HSB und HSL. Leider sind die Definitionen von Sättigung S und Helligkeit (B bzw. L) darin recht weltfremd. Außerdem haben diese Farbräume den gleichen Nachteil wie der RGB-Farbraum: Sie sind geräteabhängig, das heißt, es müsste durch ein zusätzliches Farbprofil beschrieben werden, welche Farben mit den HSL- beziehungsweise HSB-Werten überhaupt gemeint sind. Deshalb begegnen uns HSB und HSL in der Regel nicht als eigenständige Farbräume, sondern nur in Form einzelner Komponenten, zum Beispiel im verbreiteten Filter Farbton/Sättigung/ Helligkeit. In manchen Dialogen von Paint Shop Pro und PhotoLine sind Umschaltungen von Farbraum und Kanälen möglich, was sich aber nur auf die Arbeit des gerade geöffneten Dialogs auswirkt.
So sieht der Lab-Farbraum in der Theorie aus.
Etwas anders ist dies mit dem CIE-L*a*b*- Farbraum, kurz Lab genannt. Er trennt das Farbsignal ähnlich wie HSL in eine Helligkeits- und zwei Farbkomponenten, die Helligkeit entspricht sehr genau dem menschlichen Helligkeitsempfinden. Lab könnte, wenn schon nicht der ideale, so doch ein deutlich besserer Farbraum für Bearbeitung und Austausch von Bildern sein, als es RGB gegenwärtig ist. Bei konsequenter Arbeit mit Lab-Dateien ist Farbmanagement überflüssig, denn wir haben es mit definierten Farben zu tun. Zudem sind alle sichtbaren Farben (jedoch auch noch viel mehr) im Lab- Farbraum enthalten. Leider unterstützen bisher nur sehr wenige Bildbearbeitungsprogramme Lab-Bilder, uns bekannt sind Photoshop, Photo- Line und Corels Photo-Paint. Zudem sollte die Arbeit mit Lab-Bildern generell nur in 16-Bit-Farbtiefe erfolgen (was in Photo- Paint nicht möglich ist). Der Grund: Der Lab- Farbraum ist so groß und enthält so viele „ungenutzte“, das heißt nicht sichtbare Farben, dass für die sichtbaren nur etwa ein Drittel des gesamten Wertebereichs zur Verfügung steht. Bei einer Konvertierung von RGB nach Lab gehen deshalb zahlreiche RGB-Werte einfach verloren (sie werden zu einem Lab-Wert zusammengefasst), was auf einen Verlust an Farbdifferenzierungen hinausläuft.
Bei 16-Bit-Farbtiefe ist das nicht dramatisch – auch ein Drittel von 65.535 Helligkeitsabstufungen ist noch sehr viel mehr, als wir wahrnehmen können – bei 8-Bit-Farbtiefe und damit lediglich 255 Abstufungen aber sehr wohl. In der Praxis hängt der Farbverlust vom Farbraum ab und ist dort oft noch viel größer: Liegt das Ausgangsbild in „Wide Gamut RGB“ (einem der größten Arbeitsfarbräume) vor, bleiben knapp 5 Millionen Farben übrig, geht man von sRGB aus, sogar nur etwa 2,2 Millionen. Eine bloße Hin- und Rückkonvertierung kann deshalb bereits deutliche Lücken im Histogramm hinterlassen. Um dies zu vermeiden, gibt es in den Photoshop-Farbeinstellungen die Option „Dither verwenden“ – die aber lediglich verloren gegangene Bildinformation durch Rauschen ersetzt.
… und so in der Praxis, wenn man die unterschiedliche Empfindlichkeit unseres Farbsehens berücksichtigt.
In 16-Bit-Farbtiefe kann Lab dagegen seine Vorteile voll ausspielen. Diese liegen vor allem in der „Wahrnehmungstreue“ des L-Kanals und der Möglichkeit, diesen getrennt von den Farbkanälen zu bearbeiten. Die Beschränkung auf den L-Kanal vermeidet bei Kontrast- und Helligkeitsänderungen das Auftreten von Farbverschiebungen, wie sie im RGB-Farbbild fast unvermeidlich sind. Schärfungen werden ebenfalls ausschließlich im L-Kanal vorgenommen, um farbige Säume zu verhindern. Rauschen, dessen farbige Anteile oft besonders stören, wird stattdessen nur in den beiden Farbkanäle a und b entfernt – etwa durch eine leichte Weichzeichnung. Farbkorrekturen sind im Lab-Raum leider nicht so intuitiv wie im HSB- oder HSL-Farbraum, denn von den beiden Farbkanälen a und b lässt sich schwerlich auf die Sättigung oder den Farbton einer Farbe schließen.
Kanalweise Korrekturen, etwa mit der Gradationskurve oder dem Tonwertkorrekturwerkzeug, erfordern deshalb Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Aber es gibt dafür ja die bekannten Werkzeuge Farbton/Sättigung/ Helligkeit und Farbbalance, die im Lab- Modus teilweise deutlich besser als im RGB-Modus arbeiten. Auch einige Mischmodi zeigen eine deutlich andere Wirkung. Extreme Unterschiede gibt es beim Überblenden transparenter Bereiche, vor allem, wenn stark kontrastierende Farben überblendet werden. Dabei entstehen im normalen RGB-Modus recht störende dunkle oder helle Übergangsbereiche. Nur in Photoshop existiert die Option RGB-Farben mit Gamma füllen, womit sich solche Fehler deutlich reduzieren lassen. Eine Überblendung im Lab- Modus hilft hingegen fast immer – lediglich bei Komplementärfarben entstehen selbst hier leicht falschfarbige Mischbereiche. Solche Überblendungen treten nicht nur bei Montagen auf, sondern bei allen Techniken, die Masken erfordern, also auch bei den manuellen DRI-Kombinationen, auf die wir im Folgenden eingehen. Falls möglich, nehmen Sie diese deshalb im Lab-Farbraum (und dann natürlich bei 16-Bit- Farbtiefe) vor.
Abseits der Bildbearbeitungsprogramme ist Lab-Unterstützung bisher noch sehr selten zu finden. Das Scanprogramm SilverFast kann Bilder im Lab-Farbraum ausgeben, was das umständliche Fabmanagement-Handling überflüssig macht. Auf der Ausgabeseite (Drucker, Belichter) scheint Lab noch völlig unbekannt zu sein. Ein Hindernis ist – ähnlich wie bei 16-Bit-Dateien –, dass ein gut komprimierbares, EXIF-fähiges Dateiformat ähnlich JPEG bisher fehlt.