Talbot-Matra Rancho: Mon Frère Chaos
Der Rancho war die Umsetzung einer brillanten Idee. Der bürgerlichen Mitte, also freiheitsliebenden Profiteuren der Wirtschaftswunderjahre, war der VW Bulli zu langsam und der Range Rover zu teuer. In der Mitte war also Rahm zum Abschöpfen vorhanden. Eher biedere, dafür aber bewährte Technik sollte das Fahrzeug verlässlich machen. Den Motor – ein 1,4-Liter Vierzylinder mit 80 PS – kannten die Fans der Marke schon aus dem Simca 1307/1308.
Dazu gab es ein Hauch Abenteuer nach dem Faschingsprinzip: Gitter vor die Scheinwerfer, Kotflügelverbreiterung, Dschungeloptik für den Großstadtkasten. In der Praxis freilich ging die Geländegängigkeit schnell im Matsch unter. So sehr kann ein Auto gar nicht nach Dschungeldurchquerung aussehen, dass ein Frontantrieb und eine Handbreit mehr Bodenfreiheit ausreichen würde.
PSA vertrieb den Wagen als Talbot-Matra Rancho. Die erste Amtshandlung des Konzerns war es den Allradantrieb zu kippen. Den hatte Simca für den Lauf des Produktlebenszyklus eigentlich eingeplant. Zu teuer, befand PSA ganz uneigentlich. Stattdessen schaffte es eine Seilwinde in die Aufpreisliste – quasi der Zopf, an dem sich Münchhausen selbst aus dem Matsch hätte ziehen können, hätte das Ding dafür genug Power gehabt. Die Ironie ist dem Topmanagement wahrscheinlich nie aufgefallen.
Für Fahrten abseits der Straße war der Wagen nicht gedacht. Und auf Beton durfte er zwar Anhänger ziehen, aber nur bis 850 Kilogramm (gebremst). Ein voller Pferdeanhänger – die Pflicht eines Offroaders – musste also in der Garage stehen bleiben. Dazu kam die damals nicht untypische Rostanfälligkeit. Es war ein bröckelndes, krümelndes Drama.
Diesen Unzulänglichkeiten zum Trotz waren die Verkaufszahlen überraschend gut. 56.500 Stück verkaufte PSA zwischen 1978 und 1983, dann wurde die Produktion eingestellt.
Der Simca-Matra Rancho (an dieser Stelle sei die Ehre dem Original-Erfinder Simca gegönnt, schließlich hatte er den Mut diesen Wagen umzusetzen), war das erste Crossover. Das erste SUV. Das erste Fahrzeug dieser Art. Anachronistisch? Ja. Aber nur, weil der Rancho seiner Zeit voraus war. Aus heutiger Sicht, in einer Zeit also, in der die Häuserschluchten von Hochbeinern aller Marken bevölkert werden, fragt man sich, wie dieses Fahrzeug scheitern konnte. Nun, es scheiterte am Chaos.
Akt 3: Das Zeitalter der Vans
Die Einstellung des Rancho sollte sich allerdings aus ganz anderen GrĂĽnden zur vielleicht teuersten Fehlentscheidung in der Geschichte des Automobilbaus ausweiten. Denn Volanis hatte ein Steckenpferd: Laderaum.
Bereits der Kofferraum im Rancho fasste 2200 Liter. Zu Recht. Die Kunden hatten Geld, Häuser und Jobs. Die Geburtenrate war hoch und die Familien wuchsen. Volanis entwarf also zwischen 1978 und 1982 einen Nachfolger für den Rancho: den Espace. Der schluckte – wenn alle Sitze ausgebaut waren – rund drei Kubikmeter. Es sollte der allererste Van werden.
PSA hatte für diese Großraumlimousine, wie das Segment damals noch hieß, jedoch keine Verwendung. Der Rancho war Geschichte und die Marke Talbot, für die das Design gedacht war, hätte PSA am liebsten direkt zugesperrt. Außerdem sah der Konzern keinen Markt für dieses Fahrzeug.
Volanis wollte das Beste aus seiner Situation machen und trug die Pläne an Renault heran. Die trauten sich, übernahmen das quasi fertige Auto fast eins zu eins und verkauften bereits von der ersten Generation (von 1984 bis 1990) fast 200.000 Stück. Von der zweiten (1991 bis 1996) dann 320.000 Stück, womit das Van-Segment begründet war. Nicht von PSA, die den fertig entwickelten Pionier nicht wollten, sondern von deren größtem Konkurrenten.
Der Vorhang fällt
Der Rest der Geschichte ist bekannt. Jeder Hersteller hat heute ein breites SUV-Angebot und breite SUV im Angebot. Genauso wie Vans. Nur die Erfinder gingen leer aus. Simca wurde 1978 in den Keller von PSA gesperrt und nie wieder rausgelassen. Talbot verhungerte 1993 am ausgestreckten Arm des Konzerns. Matra entwickelte noch den Renault Avantime, musste aber trotzdem 2003 abgewickelt werden. Pininfarina übernahm deren Entwicklungsabteilung und schuf „Matra Manufacturing & Services“. Eine Sparte, die umweltfreundliche Fahrzeuge für den Nahverkehr entwickelt. PSA kaufte Opel. (fpi)