4W

Was war. Was wird.

Zwischen glücklichweise nicht existentem Karneval und ganz real dräuender CeBIT eingezwängt, steigt auch bei Hal Faber das Fieber. Und das ganz ohne Vogelgrippe.

vorlesen Druckansicht 142 Kommentare lesen
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ein eisiger Wind fegt über die norddeutsche Tiefebene und kühlt sie gut durch, bis das heiße Treiben des digital living an der Leine starten kann. Wir Niedersachsen feiern zwar keinen Karneval vorab der CeBIT, nein, selbst Feierleichkeiten zum 50. Jahrestag des Beginns der Entstalinisierung werden hierzulande wie in Russland nicht begangen – das siegreiche Banner der Partei wird noch allzuoft hochgehalten, auch zur Feier des Antisemiten Stalin. Wir aber leben in einer heißen Phase, das Fieber steigt, Hypochonder haben Konjunktur, jede Schnabeltasse kann von den Medien zerdeppert werden. Mit über 70 Millionen Geflügeltieren lebt in der norddeutschen Tiefebene, konzentriert auf wenige Landkreise, der weltgrößte Bestand des Federviehs, das schon Witwe Bolte als Inbegriff alles Hoffens und Sehnens galt. Auch die Henne der Nation, seit 100 Tagen im Amt, ist niedersächsischer Uradel: Streng genommen müsste eigentlich ein Ei oder mindestens ein Chicken Nugget unser Wappentier sein. Was ein Pferd da zu suchen hat, wissen eh nur Widukind-Forscher.

*** Überraschend tierlieb geht es auch im neuen Heisetreff zu, ganz ohne den von meinen Lesern geliebten Heisig. Da vermittelt die Tierschutzhilfe Fuerteventura oder die aus Thessaloniki Straßenköter und notoperierte Katzen en masse, nur ordentlich grippige Vogelviecher fehlen noch. Traditionell haben Journalisten ja nichts mit der Anzeigenabteilung zu tun – und das ist auch gut so –, aber manchmal ist doch erwähnenswert, wie viel Schrott es gibt, der in so einem Umfeld auch bei meinem Lieblingsverlag angeboten wird. Nehmen wir nur das Antiterrorsystem, bei dem man nach zwei Klicks bei der idiotischen Anti-Islamistischen Vereinigung in Europa landet. Auch die Kloake kann heute pro-jüdisch sein, das ist keine neue Erkenntniss. Der Fairness halber muss ich hinzufügen, dass die Rubrik "entlaufene Fische" noch nicht existiert: Trollfutter zum *fischrüberreich* wird demnach nicht ausgehen. Vielleicht sollte ich eine Live-Schrei(b)erei von WWWW in einer Kneipe inserieren, als Hyper-Blogging oder Web 2.pastell. Etwas konkrete Poesie oder ein kleiner Poetry Slam würden möglicherweise all die Web-2.0-Neubobos ins absurde Theater entführen und wir hätten unsere Ruhe.

*** Hey Autofocus! Über Beziehung von Lesern und Schreibenden hat sich schon Karl Kraus das Seinige gedacht. Der große Journalist, der angeblich heute vor 70 Jahren von einem Radfahrer niedergestochen wurde und an den Folgen dieser Verletzung starb, brachte es auf den Punkt; Ich und meine Öffentlichkeit ... Prima. Nehmen wir einmal an, dass das Verstehen und das Desinteresse auf beiden Seiten gleich groß ist. Etwa so groß wie die Kenntnis, die ein durchschnittlicher bayerischer Ministerpräsident über einen umgepolten Rambo offenbart, den er verbieten möchte: Die Meinungsfreiheit ist eine Karikatur und wehe dem, der sie vielleicht einmal verfilmen möchte. Umgekehrt wird natürlich aus jedem Film ein Schuh, ein Terroranschlag, oder einfach nur eines der größten Lieder unserer Kultur. Während seiner Dienstzeit als Mechaniker der US-Armee in Deutschland ging Johnny Cash ins Kino und schaute sich einen Film über die Lebensbedingungen in einem US-Gefängnis namens Folsom Prison an. Heute hat Johnny Cash Geburtstag, ein Sänger, der wohl nicht über Guantanamao geschwiegen hätte, und darum, nach dem großen Heine:

I hear the train a comin'; it's rollin' 'round the bend,
And I ain't seen the sunshine since I don't know when.
I'm stuck at Folsom Prison and time keeps draggin' on.
But that train keeps rollin' on down to San Antone.

When I was just a baby, my mama told me, "Son
Always be a good boy; don't ever play with guns."
But I shot a man in Reno, just to watch him die.
When I hear that whistle blowin' I hang my head and cry.

I bet there's rich folk eatin' in a fancy dining car.
They're prob'ly drinkin' coffee and smokin' big cigars,
But I know I had it comin', I know I can't be free,
But those people keep a movin', and that's what tortures me.

Well, if they freed me from this prison, if that railroad train was mine,
I bet I'd move on over a little further down the line,
Far from Folsom Prison, that's where I want to stay,
And I'd let that lonesome whistle blow my blues away.

*** Zurück zu den kleinen Befindlichkeiten des Alltags, nach 100 Tagen Merkelianismus, dem großen Gekuschel. Bestürzend ist es schon, wie glatt in diesem unseren neuen System die auch in Tschechien bekannte   Vorratsdatenspeicherung durchgewunken wird. Gegen die barbarische Maßnahme, die Journalisten einengt, protestieren viel zu wenige Journalisten. Die systematische Abwertung des Journalismus vom roten Ken geht weiter. Bald reicht sie bis hinunter zum kleinsten Blogger, der seine Taggerei für den besseren Journalismus hält.

*** Dieser Raubbau ist nicht schlecht in Szene gesetzt, sondern er wird mit allen Mitteln voran getrieben. Nehmen wir nur die Fußball-WM mit ihrer Beschränkung auf fünf Fotos pro Spiel. Jeder Blogger und Flickr-Apologet wird diese Einschränkung locker umgehen können. Das FIFA-Maskottchen Goleo trägt nicht ohne Grund keine Hose, ob vorne oder hinten. In diesem Spektakel, das immer noch trotz allen Icklern und FIFA-Schwachmaten Fußball und nicht Fussball heißt, hat sich ein SPD-Politiker namens Wiefelspütz den Schäuble-Schwachsinnsorden erster Klasse redlich verdient. Die Welt ist zu Gast bei Sicherheits-Paranoikern, aber eben in einem föderalistischen Deutschland.

Was wird.

Vor der CeBIT im Bundesland der weltgrößten Geflügelzüchterei sieht die Nachrichtenlage immer etwas unspannnend aus. Da bleibt dem Chronisten wenig mehr als der Hinweis auf eine Veranstaltung der Ärzte-Union Bayern, die am kommenden Samstag nicht nur den bekannten Gesundheitskarten-Kritiker Thomas Maus aufbietet, sondern auch einen Präsidenten eines Verfassungsgerichtshofes, der die elektronische Gesundheitskarten schlicht für illegal erklären möchte.

Doch bevor die Ärzte zu ihrem Dingsda-skop greifen und horchen, ob im siechen Körper noch ein Ton zu hören ist, will die SCO Group zeigen, dass sie noch an ein Me nach dem größten Reinfall im Prozess der Prozesse glaubt. Noch höher als Heine schätze ich in diesem Fall den Giganten Shakespeare, der dereinst schrieb:

Ich bin, der ich bin, und was sie summen
Von meiner Schuld, ist ihrer Schmach Bericht.
vielleicht bin ich gerad, und sie die Krummen:
Ihr gift'ger Hauch schwärzt meine Taten nicht.

Doch wer ist das Ich, das Schattengleiche? Heute, am Tauftag des großen Christopher Marlowe, sind alle Spekulationen recht. Vielleicht war er der größte Dichter aller Zeiten, der Shakespeare, vielleicht war er der größte Spion. Da passt es dann schon, wenn ich mit dem Dichter heute ende, dem, der selbst gern schwankte und wankte, bis sich alle zum Kotzen an der Reling aufreihten:

Mensch ist Mensch, der Beste fehlt einmal.

(Hal Faber) / (jk)