Vorstellung Royal Enfield Bullet 650: In 88 Jahren kaum verändert
Die Royal Enfield Bullet 650 folgt der Bullet 500, mit 88 Jahren das am längsten produzierte Kraftfahrzeug. Im Stil wird sie diesem Erbe ziemlich gut gerecht.
(Bild: Royal Enfield)
- Ingo Gach
Auf die Frage nach dem am längsten gebauten Kraftfahrzeug würden die meisten vermutlich mit „VW Käfer“ antworten. Das Ur-Modell von Volkswagen wurde immerhin 65 Jahre lang produziert. Doch neben der Royal Enfield Bullet 500 wirkt der Käfer wie ein junger Hüpfer, das englische Motorrad kommt auf stolze 88 Jahre. Sie wurde 1932 in den Hubraumgrößen 250, 350 und 500 cm3 präsentiert. Überlebt hat das zunächst im englischen Redditch gebaute Einzylindermotorrad – seinerzeit hochmodern, mit Doppeleinlass-Zylinderkopf und Fußschalthebel – in Indien. Ab 1955 wurde die Bullet auch dort gefertigt. Nachdem Royal Enfield in Großbritannien bankrott war, baute der neue indische Besitzer in Chennai (damals Madras) die Bullet 500 jedoch mehr oder weniger unverändert weiter.
In 88 Jahren nur leicht ĂĽberarbeitet
Die Zuverlässigkeit der relativ simplen Technik selbst unter klimatisch härtesten Bedingungen – tropisch in Südindien, arktisch im Himalaja – und oft nicht asphaltierten Straßen wurde nicht nur in Indien legendär. 2008 erhielt sie eine leichte Anpassung an die Moderne in Form einer Einspritzung statt eines Vergasers, die Fußschaltung wanderte auf die linke Seite und eine Scheibenbremse ans Vorderrad, ansonsten blieb aber fast alles beim alten. Als Royal Enfield dann 2020 das Ende der Bullet 500 bekannt gab, ging ein großes Wehklagen durch die Fangemeinde.
Royal Enfield Bullet 650, Teil 1 (8 Bilder)

Royal Enfield
)Nachfolgerin mit Zweizylinder
Erst 2024 konnten sie wieder aufatmen, die Marke präsentierte die Nachfolgerin Bullet 350 mit einem moderneren, 20 PS starken Einzylindermotor. Weil Royal Enfield aber schon seit einigen Jahren einen stilistisch passenden 650er-Zweizylindermotor in diversen Modellen verbaut, lag eine Bullet 650 nah. Sie ist eng verwandt mit den Royal-Enfield-Modellen Classic 650, Shotgun 650 und Super Meteor 650 und kommt im Frühjahr 2026 auf den Markt.
Natürlich kann Royal Enfield bei der geringen Literleistung auch bei der Bullet 650 weiterhin auf Dinge wie eine Wasserkühlung verzichten. Der kleine Ölkühler fällt kaum auf, dafür wirken die polierten Kühlrippen so stilsicher wie die beiden verchromten Pea-Shooter-Endrohre. Obwohl sie nur 14 cm3 mehr Hubraum als die alte Bullet-500-Einzylinder hat, leistet die 650er mit 48 nun ganze 21 PS mehr. Die liegen bereits bei 7150/min an, das Drehmomentmaximum von 52 Nm steht bei 5650/min zur Verfügung.
Handliniert
Die goldenen Zierstreifen auf dem tropfenförmigen Tank mit erhabenem Royal-Enfield-Emblem und auf den Schutzblechen werden im Werk wie seit Anbeginn von Spezialisten mit ruhiger Hand gezogen. „Cannon Black“, also Schwarz und „Battleship Blue“, ein dunkler Blauton, sind die beiden einzigen Farben und passen mit ihren martialischen Namen zu „Bullet“ und zum Stil. Der Rundscheinwerfer mit Chromring trägt ein Schirmchen wie anno dazumal, auch das Rücklicht und der große Heckkotflügel zeigen sich sehr nostalgisch.
Royal Enfield Bullet 650, Teil 2 (6 Bilder)

Royal Enfield
)Die gekapselte Telegabel, zugekauft aus Japan von Showa, wirkt mächtig, Kotflügel und Seitendeckel tragen goldene Zierstreifen. Royal Enfield hat die Sitzbank breit geformt und üppig gepolstert, der Fahrer hockt in 800 mm Höhe, der Sozius eine Stufe höher. Komfort wird bei der Bullet 650 großgeschrieben, das wird auch durch den hohen Lenker und die relativ weit vorn platzierten Fußrasten unterstrichen.
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Stahlrohrrahmen
Ihr Rückgrat bildet ein schwarz lackierter Stahlrohrrahmen, der den Motor als tragendes Element ohne Unterzüge integriert. Enfield behielt sogar die für die Bullet seit 1948 typischen, weit nach hinten gezogenen Rahmenausleger für die beiden hinteren Feder-Dämpfer-Beine bei. Das Fahrwerk ist entsprechend dem touristischen Einsatzzweck eher weich abgestimmt, die Federwege betragen 120 mm vorn und ziemlich knappe 90 mm hinten.
Von der einzelnen 320-mm-Scheibenbremse mit Doppelkolben-Schwimmsattel am Vorderrad dĂĽrfen keine Wunder erwartet werden. Die eher schmalen Reifen der Dimension 100/90-19 vorn und 140/70-18 hinten versprechen trotz gutmĂĽtiger Fahrwerksgeometrie eine gute Handlichkeit, aufgezogen sind sie auf verchromte Drahtspeichenfelgen. Stilecht sitzt der analoge Tacho auf dem Scheinwerfertopf, darunter befindet sich ein kleines LC-Display sowie ein rundes Fenster fĂĽr weitere digitale Informationen.
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Hoher Eisenanteil
Ein Leichtgewicht ist das massive Gerät mit hohem Eisenanteil nicht, sie wiegt 243 kg leer, gesteigerte Fahrdynamik darf von dem 48-PS-Motorrad daher nicht erwartet werden. Mit einem Radstand von 1475 mm, einem Lenkkopfwinkel von 64,5 Grad und 105 mm Nachlauf ist sie eher auf gediegenes Cruisen auf der Landstraße ausgelegt. Dort kommt sie dank ihres 14,8-Liter-Tanks bei einem angegebenen Verbrauch von 4,7 Liter/100 km theoretisch 315 km weit.
Drei Argumente
Auch wenn die Retro-Welle ihren Höchststand sicher schon überschritten hat, hat die Royal Enfield Bullet 650 Chancen auf dem deutschen Markt. Sie kann mit drei überzeugenden Argumenten aufwarten: dem legendären Namen, der klassischen Optik und dem günstigen Preis von 7340 Euro.