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Was war. Was wird.

Der annullierte Raum verlangt nach Füllung. Das Nichts zwischen Rednern und Rechnern bedarf der Fernfüllung. Zuvor fragt sich Hal Faber heute: Lassen sich Nudeln mit Thunfisch-Kapernsoße bekömmlich vor dem Rechner essen?

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wer kennt nicht die große Rede der Genossen: Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, heute sind wir einen Schritt ... Eben. Das vorige WWWW war nur ein Platzhalter, ein lizenzfreier Pointer. Jetzt wird es noch extremer. Wir sind einen Schritt weiter: Das heutige WWWW spielt sich auf der Terra Incognita ab. Neineinein, wir stolpern nicht in ein Rollenspiel im Land der Nags, sondern bewegen uns heute auf dem Terrain von Peter Sloterdjk und dem Informationszentrum Mobilfunk: "In einer Kultur der Fernfreundschaft, der Fernnachbarschaft und der Fernerotik ist der Raum heute annulliert. Er ist das Nichts zwischen zwei Rednern. Dazwischen liegt die Terra incognita." Das also ist das gravierende Problem: Der annullierte Raum verlangt nach Füllung. Das Nichts zwischen Rednern und Rechnern bedarf der Fernfüllung.

*** Von der Terra muss es einen Weg zur Terrine geben! Denn, liebe FernleserInnen, was weiß ich eigentlich von Ihnen beziehungsweise Euch? Gerade mal ein Rezept -- Nudeln mit Thunfisch-Kapernsoße -- kenne ich und weiß dabei noch nicht einmal, ob es bekömmlich am Rechner gefuttert werden kann. Ich weiß eigentlich nur, dass jetzt gerade viele Süchtige kauend und saufend am Rechner abhängen, ihre Fernsucht genießend und im Communicontent suhlend. Vielleicht muss, ganz nach dem Vorbild der Flottschrottaktion, ein Wettbewerb für die gehobene gepflegte Mitternachtsküche her, ein Geek-Agility-Contest gewissermaßen. Einzige Bedingung: Die Resultate dürfen nicht zur Verstopfung führen.

*** Mit der Fernnachbarschaft ist technisch gesehen die Nähe gemeint, nur dass der Zoom kaputt ist. Wenn es allen Ernstes heißt, dass es ein Fehler war, Gastarbeiter ins Land zu holen, weil statt der Arbeiter Menschen kamen, dann ist man schnell auf der Seite derer, die die Zuwanderer loben. Die Kehrseite dieser Betrachtung ist nicht Multikulti, sondern der Ausbau des Landes zur Festung. Dann hat man es plötzlich unglaublich eilig mit den "Sicherheitsfunktionen", so eilig, dass der Weg der Gesetzgebung drastisch abgekürzt wird. Das geschieht alles im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus. Die Einführung der Biometrie sollte man jedoch unter der Perspektive der Fernnachbarschaft in der erweiterten EU betrachten, als Instrument für das Immigrationsmanagement: all die fremden Namen in ihren verschiedenen Schreibweisen, all die Gesichter und Bärte, da braucht es Technik, auf die Verlass ist.

*** In Verbindung mit der Biometrie kommt der Nahbereichsfunk mit RFID, der beim Auslesen der Templates eingesetzt wird. Nun gibt es, wie im vorigen WWWW bereits erwähnt, eine neue Studie des Bundesamtes für Sicherheitstechnik, die allerlei Kuriosa enthält. Zu den Angaben der Studie gehört die korrekte Darstellung für die Pässe vorgesehenen RFID-Chips, die von Lesegeräten beziehungsweise Detektoren mit einer Sendeleistung von 0,5 Watt angesprochen werden. Diese Leistung entspricht einer Reichweite von 1 bis 2,5 Meter. Mehr ist nicht drin, denn die höhere Leistung von 4 Watt ist nur in den USA erlaubt, die damit RFID-Chips aus 6 bis 8 Metern auslesen. Dies alles erwähnt die Studie und versichert, dass 0,5 Watt niemals überschritten werden dürfen. Eine Flughafen-Testinstallation mit mehr als 30 Watt hat denn auch niemand nirgendwo gesehen. Alles so schön sicher hier.

*** Wer die IT-Branche liebt, liebt Akronyme. Sie sorgen für ein verbindendes Moment unter den Technikern und manchmal strahlen sie sogar eine gewisse Fernerotik aus. Bei "Vesuv" denkt man man schnell an einen Spuckberg, vielleicht noch an Pompeji, ganz sicher aber nicht an Rostock und "Verteilte Software-Agenten für sichere, rechtsverbindliche Aufgabendelegation in mobilen, kollaborativen Anwendungen". Nun ist Microsoft der Partner in dem Projekt geworden, in dem autonome Agenten "sicher zwischen verschiedenen Computern im Internet hin- und herreisen". Der Behördengang und die Anmeldung von Großerereignissen soll mit Vesuv so einfach wie nie zuvor gestaltet werden. Die digitalen Assistenten kennen die Präferenzen ihre Benutzer und können sich bald selbst verabreden. Smarte Mobs strömen in das Nichts zwischen zwei Rednern, oder sitze ich hier einem Fernvorurteil auf?

*** Microsoft ist nicht das Böse schlechthin. Was kann die Firma schon dafür, wenn sie der Anti-Microsoft-Lobby 20 Millionen Dollar zahlt, ein Teil des Geldes aber versickert? Auch kann die Firma schwerlich für das Verhalten der Stadtverwaltung von Peking verantwortlich gemacht werden, die sich nicht an die staatliche Direktive gehalten hat. Die 16.000 Optiplex-Rechner, die Dell nun nach Peking liefert, sind purer Zufall.

*** Der deutsche Bundestag will sich darauf verständigen, dass Softwarepatente effektiv begrenzt werden können und nicht die Gefahr besteht, dass Boolesche Operatoren oder gar die von den Indern gefundene Null zum Eigentum geistig Andersdenkender wird. Das ist eine späte Einsicht und obendrein ein Kompromiss, der nicht automatisch zum Sinneswandel führen muss. Was Patente anrichten können, wird vielleicht das deutsche Gesundheitswesen erfahren, wenn sich herausstellt, dass das strategisch wichtige eRezept, mit dem die elektronische Gesundheitskarte Fahrt aufnehmen soll, von einem Patent versenkt werden kann. Die passende Auktion ist gestartet, das Mindestgebot liegt bei 11 Millionen. Wie sagte es Mao? Von eBay lernen heißt siegen lernen.

*** Ganz unscheinbar nimmt sich die Nachricht aus, dass Arcor mit WiMax das platte Land erobern will. Welches Potenzial diese Technik besitzt, etablierte TK-Konzerne auszuhebeln, zeigen Berechnungen aus den USA. Wenn Walmart oder McDonald's auf die Idee kommen, ihre Ketten mit WiMax auszustatten, könnten sie mit einem Schlag zu einer Telefongesellschaft mutieren. Mit einem Schlag ist natürlich wieder so ein Fernvorurteil. Mit einem Schlag wird die Ukraine ein demokratischer Staat -- oder Tschetschenien II. Mit einem Schlag werden Journalisten dazu gebracht, die Wahrheit zu schreiben.

Was wird.

Keine Jubiläen, keine Daten, keine Musik? Richtig, dieser bescheidene Wochenrückblick ist am Fernnichtkaufstag geschrieben, an dem nicht einmal Webseiten richtig funktionieren, weil zum hirnlosen Konsum auch das gedankenlose Klicken gehört. Wenn überhaupt ein Datum zu den Memorabilia gehört, dann ist es der kommende 1. Dezember. An diesem Tag jährt sich das Inkrafttreten einer Verschärfung des Gesetzes, das die Auschwitzlüge unter Strafe stellte. Das Leugnen des Holocaust, das nach den Untersuchungen von Deborah Lipstadt im Internet an vielen Stellen verbreitet wird, darf bei uns nicht nur mit Worten bekämpft werden. Gerade weil bei uns die Erinnerungen im großen Stil umgebaut werden, die Topographie mit der Inschrift "f.d. ermordeten Juden" ein unrühmliches Ende findet. Wo bleibt das Positive? (Hal Faber) / (anw)