Was war. Was wird.
Es gibt keine unpolitischen Bilder, und die Erinnerung ist nicht lediglich "noch" vorhanden, bekräftigt Hal Faber -- auch wenn Brot und Spiele gerne zur Ablenkung dienen. Und da hat ja auch die IT-Branche einiges zu bieten.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Diese Woche drehte sich bekanntlich alles um Fußball. Unter "Fußball" als Stichwort findet sich in den 80.000 Seiten Dokumentation zur Strafsache 4 Ks 2/63 gegen Mulka u.a. der Bericht über den SS-Rottenführer Baretzki, der ein Neugeborenes in Oshpitsin als Fußball benutzte. Wer 60 Jahre später im Album klickt oder in den über mehrere Seiten veröffentlichten Fotos blättert, hat es schwer, mit der offiziellen Beileidsrhetorik vom "unvorstellbaren Grauen". So unvorstellbar war das nicht. Auschwitz, als Außenstelle 001 im IBM-System geführt, lebt vom Mythos der Verdrängung. Ist der deutsche Patriotismus besser, der an Auschwitz erinnert und die Frage stellt warum? War die Neutralität der Schweiz ein Verbrechen? Gespenstisch wird es, wenn in den Zeitungen davon die Rede ist, dass das Gedenken an Auschwitz in Gefahr ist, weil die letzten Überlebenden ableben. Die Überlebende Cordelia Edvardson, Hollerith-Nummer A 3709, schreibt: "Auch Überlebende werden alt. Das Leben reduziert sich, die Kräfte schwinden, die Einsamkeit breitet sich aus und die Schutzmauern stürzen ein. Dann, wenn nicht schon früher, weiß man: Es gibt kein Entkommen aus dem Wüsten Land. Es geht nie vorbei. Niemals."
*** "Heil Dich Doch selbst", so wettert die in der FAZ geschaltete Anzeige der Flickconnection gegen die Flick Collection zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und jemand gießt literweise weiße Farbe hinterher. Der Urlaub mit den Kakerlaken ist vorbei, der Themenwechsel ist abgeschlossen und die Erinnerung an die 50.000 Zwangsarbeiter im Flick-Konzern ist mit unpolitischen Bildern stillgestellt, die sich Auschwitz verweigern wie sich Friedrich Christian Flick verweigert, wenn die Rede auf den Entschädigungsfond der deutschen Wirtschaft kommt. "Heil Flick", aber das wollte man dann doch nicht schreiben.
*** Neben den unpolitischen Bildern der Connection fliegen die politischen Bilder über die RAF durch den Raum. Die private Ausstellung, die dank einer engagierten Kunst-Auktion auf eBay möglich geworden ist, soll die Kunst ins Verhör nehmen -- und findet hinter der Metaebene des Terrorismus im Feuilleton doch keinen Grund. Was jetzt noch fehlt, ist ein öffentlicher Blog, wie er für Christos Gates in News York installiert wurde. Denn die Rede über die RAF ist eine deutsche Familiengeschichte, die beim SS-Hauptsturmführer Hans Martin Schleyer und bei Will Vesper noch lange nicht zu Ende ist. Wer jetzt fragt, was das denn bitte mit Computern zu tun hat, der sei auf das RAF-Logo des Chaos Computer Clubs zu seinem 18. Jahreskongress verwiesen, als man sich die künstlerische Freiheit nahm, mit dem Logo an Winslow Peck zu erinnern.
*** Geld ist immer eine ernste Sache -- sei es im faschistischen Staatskapitalismus, der die Massenausrottung industriell organisierte und ein weltweites Umverteilungsprogramm für deutsche Kleinbürger und Arbeiter zu veranstalten suchte, sei es im westdeutsche Sozialismus, denn die RAF dann doch nicht herbeibombte, sei es in der freien Marktwirtschaft, die auch angesichts Massenentlassungen und Angleichung der Lebensverhältnisse auf ostdeutschen Lohnniveau keine anderen Probleme als eine Manager-Rolex hat. So mag einem auch beim Running Gag der IT-Branche das Lachen im Halse stecken bleiben. "Wer meine Ehre kränkt, sieht nie mein Geld", dichtete einstmals der große Shakespeare, der in dieser Wochenschau gerne zitiert wurde, als das Schicksal von SCO noch richtige Wellen schlug. Jetzt plänkelt die Beweisführung dahin und während DaimlerChrysler sich abwendet, überschüttet IBM die SCO Group mit Dokumenten, wohingegen SCO klagt und stöhnt ob der unzumutbaren Forderung, Gleiches mit Gleichem zu verrechnen. Geplagt ist die Firma vielleicht auch darum, weil IBM mit Dr. Edward Powell und PointServe die Firma gefunden zu haben scheint, in der die sagenhaften MIT-Wissenschaftler tätig sind, die einstmals den direkten Codeklau von Linux-Programmierern beweisen konnten. Inzwischen ist daraus eine nicht-wörtliche Übertragung geworden und die Beweissuche ein einziger Witz. Doch nun steht wieder großes Theater ins Haus. Die gefeuerten Spitzenkräfte der Canopy Group verklagen den Noorda Family Trust in Gestalt von Noorda-Tochter Val Noorda Kriedel auf 100 Millionen Dollar Schadensersatz, weil sie zu Unrecht gegangen worden seien. Im Gegenzug klagen Noorda & Co die Manager an, mindestens 20 Millionen mit fingierten Geschäften untereinander aus dem Familienfond abgezogen zu haben. Damit wird auch beim Mehrheitseigner der SCO Group jener schöne Kranz an Klagen und Gegenklagen geflochten, der seit Jahr und Tag besonders zu Freitagen als anerkannte Unterhaltung geschätzt wird.
*** Mit Musikhinweisen will ich aus aktuellem Anlass nicht dienen, jeder Kommentar scheint ĂĽberflĂĽssig. Doch anerkannte Unterhaltung liefert zu unserer aller Rettung auch Douglas Adams. Der Film zum Anhalter kommt am 6. Mai in die englischen Kinos, doch bereits jetzt erfreut der Asteroid Douglasadams neben Lasvegas und Rosalindfranklin die Astronomen, nachdem Arthurdent vom deutschen Sternengucker Felix Hormuth gleich nach dem Tode von Adams getauft wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass da drauĂźen keine neue UmgehungsstraĂźe gebaut wird.
Was wird.
Bill  Gates  will  das  Internet  sicherer  machen. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie sicher die Programme sind, die Dateien verschlüsseln, ehe sie über das böse Internet geschickt werden. Während Bruce Schneier nur Anfängerfehler sieht, schlägt Phil Zimmermann Alarm, weil er dem proprietären Code grundsätzlich misstraut. Wenn Bill Gates in der Münchener Pinakothek der Moderne den Kongress über Deutschlands sichere Präsenz im Netz eröffnet, wird Bayerns Ministerpräsident laut PR seiner Staatskanzlei stolzgeschwellt verkünden: "Deshalb ist es ein wichtiges Signal, dass der Internet-Pionier Bill Gates vom Hightech-Standort München aus eine Sicherheitskampagne im Netz startet." Bill Gates als Internet-Pionier: Wer so sicher in den Fakten ist, wird Microsoft auch als Pionier in Sachen Sicherheit feiern können.
Wie immer, wenn Davos zu Ende ist, tingelt nicht nur Bill Gates durch Europa. Auch andere IT-Größen machen Abstecher. Den lustigsten schafft Novell-Chef Jack Messman. Am Mittwochvormittag referiert er in Bonn bei der Veranstaltung der bedeutenden Wirtschaftszeitung Handelsblatt über das "Identity Driven Enterprise on Open Source", am Nachmittag ist er bei der Bonner Veranstaltung der bedeutenden Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland und spricht über "Identity -- the Key to Securing, Managing and Integrating Open Source". Es ist doch wunderbar dem Gedanken der Open Source entsprechend, wie sich die bedeutenden Wirtschaftszeitungen auf einen gemeinsamen Ort verständigen können. Sonst hätte sich Jack Messman womöglich verdoppeln müssen und eine schwere Identitätsschutzverletzung erzeugt.
Die Selektion der schwarzen Schafe, der bunten und gefleckten, begann hier. Inmitten der Debatten um Sicherheit und Identität, der RAF-Geschichte und der deutschen, werden all die zu schwarzen Schafen gestempelt, denen es nicht egal ist, wenn RFID-Chips die Grenzen sichern und die Staaten in aller Welt immer mehr wissen wollen, bis auch die letzte DNA für den rechtswidrigen Zugriff in einer Datenbank gespeichert ist. Sehr früh erfolgt darum hier der Hinweis, dass sich im Sommer die schwarzen Schafe sammeln. Worüber im Sommer 2001 niemand redete und man sich allenfalls über die Videoüberwachung der Toiletten belustigte, das klingt heute nachgerade schäfchendumm. Wodurch sich wiederum zeigt, dass auch Schafe lernfähig sind. (Hal Faber) / (jk)