Opel macht weiter Verluste
Das Drama Opel geht weiter. Die Verkäufe schrumpfen, die Verluste sind hoch, und ein Rezept gegen die Dauerkrise nicht erkennbar. Das liegt wohl auch daran, dass bei dem traditionsreichen Autobauer zwei Welten aufeinander prallen: Deutsche Mitarbeiter contra amerikanisches Management. Der US-Mutterkonzern General Motors will die Tochter Opel als Regionalmarke klein halten, um sich nicht Konkurrenz im eigenen Haus zu machen, und reagiert auf Verluste mit immer neuen Sparrunden. Schließlich will man die Aktionäre in der Heimat mit hohen Renditen erfreuen.
Dagegen sehen die Opelaner im Angriff die beste Verteidigung. Sie streben nach Größerem. „Wichtig wird es sein, (...) den Zugang zu neuen Märkten auszuweiten“, fordert Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug. Er will die Marke mit dem Blitz endlich auch in Wachstumsmärkten wie China oder Indien etablieren. Bei dieser Forderung hat er sogar Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke auf seiner Seite. Es werde daran gearbeitet, „das Opel-Geschäft in China auszubauen“, schrieb Stracke seiner Belegschaft. „Wir sehen Chancen im wachsenden Segment junger, wohlhabender Kunden, die die Tradition deutscher Ingenieurskunst schätzen, die Opel verkörpert.“
Opel konnte im Januar 2012 insgesamt 13.579 Autos verkaufen. Das sind fast 10 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.
Die Einsicht kommt spät. Seit Jahren feiern andere deutsche Hersteller wie Volkswagen Verkaufserfolge im Reich der Mitte. Auch für GM ist China mittlerweile fast so wichtig wie der nordamerikanische Markt – während Opel weitgehend auf den Schrumpfmarkt Europa begrenzt ist und stetig rote Zahlen schreibt. Opel habe außer in Russland praktisch keine Möglichkeiten, in Boomländern Geschäft zu machen, kritisiert Jürgen Pieper, Autoanalyst beim Bankhaus Metzler: „Opel braucht freie Hand, in Schwellenländer vorzudringen, wo die Margen größer und die Stückzahlen höher sind.“ Bislang sei Opel „ein Massenhersteller ohne große Masse.“
Auch Franz-Rudolf Esch vom Automotive Institute for Management wettert: „Die Bekenntnisse der GM-Mutter muten wie Lippenbekenntnisse an: Man fordert die Profitabilität der Marke Opel, löst aber nicht die Fesseln für globales Wachstum.“ Dass der bisherige Plan von GM nicht funktioniert, zeigen die anhaltenden Verluste im Europageschäft. Im vergangenen Jahr fiel operativ ein Minus von – je nachdem wie man rechnet – 0,7 bis 1,1 Milliarden Dollar an. Daran konnten auch die in der Wirtschaftskrise getätigten tiefen Einschnitte nichts ändern. Vor der Restrukturierung hatte GM in Europa 48.000 Mitarbeiter, davon sind nur noch 39.000 übrig. Immerhin sank der Verlust gegenüber den 2 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2010. Doch selbst Opel-Chef Stracke meint: „Es besteht kein Zweifel, dass wir uns noch deutlich weiter steigern müssen.“ Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern liefen. „Wir erwarten, bald mehr über konkrete Maßnahmen sagen zu können.“
Seit 1999 hat GM in Europa nur ein einziges Mal Gewinne gemacht – und zwar 2006, nachdem zuvor 9500 Stellen gestrichen worden waren. „Das ist eine alte Macke von Opel-GM: Es wird immer nur ein bisschen saniert, aber nie genug. So ist man immer der Entwicklung hinterhergelaufen“, analysiert Autoexperte Stefan Bratzel. Der europäische Markt werde auch 2012 schrumpfen, deshalb müssten die Kosten weiter sinken: „Es muss definitiv nachjustiert werden.“ Die nächste Schrumpfkur steht also bevor. GM-Boss Dan Akerson verspricht, die Gewinnschwelle in Europa zu senken - also schon bei einem kleineren Absatz als bisher in die schwarzen Zahlen zu fahren. Und das geht nur über geringere Kosten. Sein Versprechen klingt wie eine Drohung: „Fraglos haben wir in einigen Regionen noch Arbeit vor uns und wir werden die nötigen Schritte tun.“ Finanzchef Dan Ammann macht klar, dass Verluste künftig inakzeptabel sind: „GM Europe muss Gewinne machen können, auch in einem herausfordernden Umfeld.“
Noch ist die Katze zwar nicht aus dem Sack, aber längst wird spekuliert, dass wieder mal ein Werk zur Disposition stehen könnte. Besonders am leidgeplagten Standort Bochum mit 3200 Beschäftigten bekommen die Opelaner wieder kalte Füße. Nicht unbedingt zu unrecht, findet Pieper: „Bochum hat streng betriebswirtschaftlich keine Chance.“ Der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel geht bereits auf die Barrikaden. Er pocht darauf, dass Verträge eingehalten werden, die Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2014 ausschließen. Kampfbereit prophezeit er: „Opel-Bochum zu schließen, wird auch diesmal nicht gelingen.“ Ein Fehler, findet Experte Pieper. Wer um jeden Preis Standorte erhalten wolle, gefährde die Zukunft des ganzen Unternehmens: „Die Diskussion um die Zukunft Opels kommt immer wieder, wenn die Krankheit nicht wirklich kuriert wird“. (dpa) (mfz)