Kontakthof für Fachbesucher -- Laufsteg für IT und Telekommunikation
Die IT-Branche sei "erwachsen" geworden, stellte SAP-Chef Kagermann vor der CeBIT fest. In der Tat ist der Fachbesucher-Anteil stark angestiegen und für so manche auf vorigen Messen angeschobene Technologien gab es marktreife Produkte zu sehen.
Die Globalisierung in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. So ließe sich in Anlehnung an das berühmt-berüchtigte Honecker-Zitat einer alten Sozialisten-Parole die Äußerung von SAP-Vorstandsprecher Henning Kagermann zu Beginn der CeBIT uminterpretieren. In seiner Eröffnungsrede zur CeBIT vergangene Woche hatte er postuliert, die Globalisierung müsse als gegeben hingenommen werden. Ob man dem nun zustimmt oder nicht, sei dahingestellt: Jedenfalls habe die stärkere internationale Ausrichtung die Zustimmung der Aussteller gefunden, resümierte Bitkom-Vizepräsident Dieter Kempf. Fast unübersehbar war jedenfalls die starke Präsenz Chinas, das mit etwa 300 Unternehmen vertreten war und kräftig auf den europäischen Markt vordringt.
Bei nicht wenigen Beobachtern der IT-Nabelschau hatte sich der Eindruck verfestigt, diesmal sei es in den Messehallen ernster und nüchterner zugegangen. Folgte man allerdings anderen Besuchern auf ihren Pfaden, gab es möglicherweise kein Entkommen aus der Welt der Unterhaltungselektronik und Multimedia-Handys.
Positiv gesagt hat es laut Messe AG mehr intensive Fachgespräche gegeben, was angesichts des gestiegenen Anteils an Fachbesuchern -- unter der Obhut tausender Studierender -- auch nicht verwundert. Dennoch gab es Gelegenheit zum Zocken, wie zum Beispiel bei der Samsung Euro Championship 2005 und in der "Entertainment Area" von Intel und Shuttle, und sowohl die Unterhaltungslektronik-Branche als auch die Mobilfunker vom Gerähtehersteller bis zum Netzbetreiber präsentierten sich wie üblich bunt und oft auch laut.
Doch standen weniger die eigentlich gerne beschworenen Visionen der IT-Branche im Vordergrund, sondern eher marktreife Produkte für Techniken, die bereits auf den vergangenen CeBIT-Messen ihren Anlauf genommen haben -- nicht zuletzt UMTS. Vodafone präsentierte einen weiteren Schwung UMTS-Handys und bietet nun auch UMTS-Surfen zu Hause in seiner Produktfamilie an, so wie O2 sein "Surf@home" für Mitte April angekündigt hat, während T-Mobile kein solches Angebot plant und statt dessen beispielsweise gegen das "Teuer-Image" des Mobilfunks angeht.
Auch durften weitere Etappen im Wettkampf zwischen den potenziellen DVD-Nachfolgeformaten erwartet werden. Nach dem Ende der CeBIT scheint es so, als habe die Blu-ray Disc Association den Kürzeren gezogen, die zwar Apple als neues Vorstandsmitglied begrüßen durfte, aber keine Filme für vorbespielte Discs präsentieren konnte, während sich die HD-DVD-Verfechter anscheinend über eine breite Unterstützung durch Filmstudios freuen darf. Auch wurde auf der CeBIT das erste PC-Laufwerk für HD DVD präsentiert und die Wiedergabe von DRM-geschützten WMV-HD-DVDs ist nun möglich, wie die Firma KiSS vorgeführt hat. Samsung hingegen will die konkurrierenden Formate "verheiraten" und Laufwerke auf den Markt bringen, die die beiden potenziellen DVD-Nachfolger beschreiben und lesen können.
Während noch um die DVD-Nachfolge gebuhlt wird, scheint die Internet-Telefonie zu einer gleichwertigen Alternative zum herkömmlichen Festnetz herangereift zu sein. 1&1 nutzt die Gelegenheit, um seine VoIP-Dienste auszubauen, Airdate startet einen VoIP-Pilotversuch; Freenet will Voice over IP und Mobilfunk aus einer Hand anbieten und präsentierte ein geeignetes Gerät und die Firma Mobotix zeigt mit der Video-Überwachung inklusive Alarm, was auch noch mit Voice-over-IP möglich ist. Als ein wichtiger Schritt für stärkere Akzeptanz erscheint auch die Ankündigung von Sipgate, Notrufe über VoIP zu ermöglichen.
Die Nutzung des Mobiltelefons als Musikabspielmaschine -- oder als Fernseher oder grundsätzlich die Verschmelzung verschiedener Techniken im Handy -- zeichnete sich als weitere wichtige Entwicklung auf der CeBIT ab, nimmt man die Produktankündigungen in diesem Bereich zum Maßstab. So stockt Vodafone sein downloadbares Musikarchiv auf, Jamba setzt nicht mehr nur hauptsächlich auf Klingeltöne und T-Online plant mit eigenen Playern einen Angriff auf Apples iPod und denkt über legales Filesharing nach. Dass es keine Vorstellung des mit Motorola zusammen entwickelten iTunes-Handys gab, schiebt der Handy-Hersteller Apple in die Schuhe, das auf der CeBIT nicht vertreten war und statt dessen dadurch in Erscheinung trat, die Vorstellung eines iPod-shuffle-Klons stoppen zu wollen.
Eine CeBIT wäre wohl nicht vollständig, wenn von dort nicht Interessengruppen, Politiker und andere auf ihre Anliegen aufmerksam machen würden. Die optimistische Vorgabe kam wie immer zur Eröffnung vom Bundeskanzler, für Unkenrufe sind andere zuständig, wie zum Beispiel der VDI, der vor einem Fachkräftemangel warnte. Auch bietet sich die CeBIT für den großen Schulterschluss an, wie zum Beispiel von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement auf dem Breitbandgipfel gefordert. Der Chaos Computer Club überreichte in diesem Jahr seinen CCCeBIT-Award der Bundesdruckerei für ihre Lobbyarbeit zur "Forcierung biometrischer Reisepässe mit RFID".
Rege Anteilnahme fand das erstmals organisierte Heise Forum Sicherheit und IT-Recht. Die Podiumsdiskussion wie zum Beispiel zu Softwarepatenten, auf der teilweise recht hitzig debattiert wurde, oder zur "Zukunft der Privatkopie" waren so gut besucht, dass die Zuschauer teilweise die Areale angrenzender Aussteller überflutet hatten. Mittschnitte der beiden Diskussionsrunden können wie die Preisverleihung an die Gewinner des c't-Wettbewerbs "Mach flott den Schrott" als On-Demand-Übertragung abgerufen werden. Übrigens wurde bisher 132.000 Mal auf den On-Demand-Stream zu den "Softwarepatenten" zugegriffen, der Live-Stream wurde etwa 10.600 Mal abgerufen. Während der Diskussion um die "Zukunft der Privatkopie" gab es rund 3500 Live-Stream-Zugriffe bei bisher 3000 on-Demand-Abrufen und während der Preisverleihung wurden 2600 Live-Streams abgerufen. Hier wurde bisher 3600 Mal auf das On-Demand-Angebot zugegriffen.
Fachsimpeleien, Diskussionen und Absichtserklärungen aller Orten auf der CeBIT. Da mögen sich die wenigen verbliebenen Normalverbraucher unter den Messegästen, die angesichts der vielen neuen Geräte noch ein Glänzen in den Augen haben oder, wie es der SAP-Chef Kagermann in seiner Eröffnungsrede formulierte, begeistert Dinge kaufen, die Spaß machen, etwas verloren vorgekommen sein. Oder so, wie es der Hauszeichner von Spiegel online Jamiri als CeBIT-Alien karikierte. (anw)