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Was war. Was wird.

Brauchen wir Hula-Hoops und Flummies, um das Elend der IT-Welt ertragen zu können? Es scheint so, befürchtet Hal Faber, der keine Nokia-Handys zum Fenster hinauswirft, wenn auch nicht Peer Steinbrück zuliebe.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Kinder, Inder, was waren das noch für tolle Zeiten. Nein, Großväterchen Hal erzählt nicht vom letzten Krieg, den gar nicht so glorreichen 68ern, oder von seinem ersten Akustikkoppler, als sein Bart noch rot war. Ich blättere heute schlicht 277 Wochenschauen zurück in eine Zeit, als Wahlkampf war und in Hessen und Niedersachsen die brutalstmögliche Dienstleister-Wahl anstand. Damals schmiss Nokia eine rauschende Party, auf der sich die Prominenz so stapelte, dass die B-Promis als Teppichläufer mit von der Partie waren. Ja, es waren die gloriosen Zeiten, als Nordrhein-Westfalen, seit Ewigkeiten von den Sozialdemokraten regiert, noch Geld hatte für Nokia und Festredner Peer Steinbrück so schöne Formulierungen fand wie: "Die Landesregierung steht gerne als Dienstleister für Nokia voll zur Verfügung". Und was für schöne Dienstleistereien hatte man damals für Nokia, für die Firma, die von allen Mobilfunkanbietern am meisten von der deutsch-deutschen Vereinigung profitieren konnte. Das marode, löchrige Telefonnetz im Osten, geflickt durch tausende von Funkstrecken, eine postsozialistische Goldgrube für den Karawanen-Kapitalismus.

*** Schafft eins, zwei, viele Nokias, freuen sich die Apologeten der herrschenden Wirtschaftsordnung und freuen sich geradezu auf die absehbare Pleite der hochsubventionierten Chipindustrie in Dresden. Dabei ist die Sache wirklich einfach, ganz ohne rumänische Blutsauger: Es macht keinen Sinn, Produkte herzustellen, die keinen Wert haben. Nokia ist längst dabei, sich von der Handyproduktion zu verabschieden, genau wie man sich von der Produktion von Autoreifen und Regenmänteln verabschiedet hat, oder wie die mit deutschen Subventionsgeldern in Bochum gefertigten Graetz-ITT-Nokia-TVs längst entsorgt sind. Nokia wandelt sich vom Handybauer zu einer Internet-Firma wie Google mit dem Google Phone/Android, da ist ein Werk wie das in Rumänien nur eine bessere Verpuppung im Larvenstadium auf dem Weg von der Karawanserei zur Dienstleisterei. Politiker, die demonstrativ ihre Nokia-Handys wegwerfen, merken offenbar nicht, dass Nokia demonstrativ seine Handys längst weggeworfen hat.

*** Nicht 277, sondern schlappe zwei Wochenschauen zurück schrieb ich über die Frage unserer Symbiose mit dem Computer, die einen Überschusssinn produziert, der in einen Kontrollüberschuss münden kann. Die kommenden Computernetzwerke der Gesellschaft brauchen keine Nokia-Handys, wenn jedes Gerät nicht nur eine IP-Adresse, sondern auch eine SIM-Karte besitzt.

*** Nicht der Bundestrojaner, nicht die Vorratsdatenspeicherung, sondern die Herdprämie ist Unwort des Jahres geworden und wandert bei der CDU/CSU in den "Sprachmülleimer". Bei mir stellt sich als Assoziation kein Heimchen am Herd ein, sondern der Gedanken an die armen Schweinchen, die den Mist aufessen müssen, den ein Heer von Fernsehköchen tagtäglich zubereitet. Aber bitte, es gibt Dinge, die Frauen nicht verstehen wollen und Männer nicht denken können. Passend zum Unwort des Jahres verweise ich auf den Superhit des Jahres 1968, der beweist, dass die "68er" viel schlimmer waren, als sie es uns weißmachen wollen: Stand by your Man. Vielleicht war das mit dem Bundestrojaner-Vorschlag ja auch voreilig: Es gibt nur eine Herdprämie, aber viele Trojaner. Zuerst kommen die Weißwurschttrojaner "mit einer Handvoll Online-Durchsuchungen", dann die Digi-Spätzle mit der nächsten Handvoll, gefolgt vom alle Daten verdauenden Saumagen, bis hoch ins aufständische Nordrhein-Westfalen. 16 Bundesländer, ein jedes mit einer Handvoll Durchsuchungen, das läppert sich. ZAP, die Zentrale Antiterror-Polizei hat beste Karten im Kampf gegen die Gefährder, Abschleppen inklusive: "Wenn ein Parkplatz belegt ist, der für eine Observation benötigt wird, dann kann das BKA gegen den Fahrer sogar einen Platzverweis aussprechen." Wer deutsche Autos vom Platz verweisen kann, für den sind Computer, Festplatten und USB-Sticks kein ernsthaftes Hindernis.

*** 64 Felder hat ein Schachbrett, 64 Jahre wurde Bobby Fischer alt, einer der ganz Großen in der Welt. Mit 60 Jahren wurde er zum fliegenden Holländer in der Welt des Internet-Schachs. Im Alter von 82 Jahren starb Richard Knerr, auf seine Weise ebenso verschroben wie Bobby Fischer. Knerr war ein Spaßvogel, kein großer Erfinder, hatte aber ein Näschen für verrücktes Spielzeug, das seine Firma Wham-O popularisierte. Ihm verdanken wir so wichtige zivilisatorische Errungenschaften wie den Hula-Hoop-Ring, die Frisbee-Scheiben und die Flummie-Bälle. Ich kenne zahllose Programmierer, die sich mit Wham-O-Spielzeug ablenken, wenn der Stress zu gross ist.

Was wird.

Fünf Tage lang treffen sich 2500 Macher und Lenker aus aller Welt in den Schweizer Bergen beim Weltwirtschaftsforum (WEF) und diskutieren über das schöne Thema "Die Kraft gemeinsamer Erneuerung", vulgo ingleso "The Power of collaborative Innovation". Die deutsche Politik ist etwas schwach vertreten, denn es ist Wahlkampfzeit, da braucht man Kraft für andere Sachen, da wird gekollert, nicht collaborativiert, wie bei Dadavos. Dank Youtube soll aus dem Weltwirtschaftsforum ein "weltumspannenendes Videogespräch" werden, bei dem die drängenden Fragen der Menschheit in die laufenden Sitzungen eingespeist werden. Die Weisheit der Massen ist gefragt, nicht nur bei auch (erster Buchstabe zum Schutz der Privatsphäre von auch entfernt.

Auch Jimmy Wales und die Wikimedia Foundation sind mit von der Partie, gefeiert als eine von 38 Firmen, die anno 2008 Pioniere der Technologie sind. Dabei ist die Wikimedia der einzige Teilnehmer, der das geforderte Pionier-Schutzgeld von 20.000 Euro nicht gezahlt hat. Es ist etwas her, dass der Soziologe Richard Sennett den verlogenen Zirkus der Homini Davosiensii geschildert hat. Als Gegenbild bietet er nun den ehrlichen Handwerker an, den schlauen Apple-Ingenieur, komplett mit Microsoft als Beweis fĂĽr die These, dass der Beste eben nicht gewinnt.

Wie seit vier Jahren üblich, schlagen Internet-Promis wie Jimmy Wales oder "GooGoo-Girl" Marissa Mayer kurz vor dem Weltwirtschaftsforum klimaneutral in München bei Hubert Burdas "Digital Life Design" (DLD) auf. Das Gepupse, was dort über soziale Netzwerke und das neue Bild der Welt ventiliert wird, wird klimaneutral von einer indischen Zuckerfabrik weiterverarbeitet. Auf dem DLD kann man den techno-libertären Neocons von Facebook zuhören, die sich auf die posthumanistische Singularität vorbreiten, oder Martha Stewart zuhören, die den "Aenne Burda Award" für "Creative Leadership" bekommen soll. Oder man kann sich an den letzten DLD erinnern, als Peer "Karawane" Steinbrück davon schwärmte, wie attraktiv Deutschland für Investoren doch ist.

Inhaltlicher Schwerpunkt des DLD ist jedoch ein Swimming-Pool auf dem Dach des Hotels "Bayerischer Hof", komplett mit neckischen Wasserspielchen, Longtail-Party und der Frage, wann Burda nach Max denn die Tommorow strategisch ins Aus richtet. Im letzten Jahr beeindruckte der Blogger Craig Newmark von craigslist auf dem DLD seine Zuhörer, doch in dem 360 Seiten dicken "Book for friends" zur Konferenz ist er nur mit einem kleinen Passbild in der Rubrik "Final Curtain" zu finden. Die Netokraten wissen halt Bescheid, wie Ausgrenzung funktioniert. Große Blogger stehen in diesem Jahr nicht auf dem Programm. Sie dürfen über Lufthansa blubbern oder besser gleich ab in den Hofbräukeller, da werden Sie mit einem Austrinkbon geholfen.

Da hat doch neulich glall, glallala äh, glatt die Süddeutsche Zeitung Ai Weiwei, den anderen großen Blogger der letzten DLD auf ihren Seiten veröffentlicht, frisch aus seinem Blog, doch der Text ist leider nur auf toten Bäumen verfügbar: "Bei uns gibt es keine Demokratie, keine Gerechtigkeit und Gleichheit, nur Täuschung und Verrat. Und 'ein Traum' – welcher Traum? Noch mehr korrupte Behörden, unsaubere Geschäfte, endlose Lügen und zweifelhafter Wohlstand". Gemeint ist übrigens China.

Da bleiben wir doch lieber in Du bist Deutschland. Eigentlich wird ja erst am Mittwoch durch Forschungsfrontfrau Anette Schavan das Jahr der Mathematik eröffnet, aber was wäre unser Land ohne zünftigen Zickenkrieg? Unter dem seltsamen Slogan Du kannst mehr Mathe als du denkst hat die Chefin das Wort vorab ergriffen und behauptet (ziemlich zum Schluss des Podcasts): "Probieren Sie es doch einfach mal: Vom Kopfrechnen bis zu den Formeln, die Sie noch aus Ihrer Schulzeit kennen, bis hin zum besseren Verstehen des Computers." Doch was zum Teufel trägt Mathematik zum besseren Verstehen des Computers bei? Hatte Frau Merkel mit ihrem Satz vielleicht den neuesten Slogan aus der den Lesern bekannten Stadt in der norddeutschen Tiefebene im Sinn? CeBIT: Wo aus Null und Eins Milliarden werden. Wo doch in der Mathematik aus 0 + 1 nur 1 wird, bei hinreichend kleiner Null. (Hal Faber) / (jk)