Auto-Show Detroit: Von Strohhalmen und "Magic E"
Seit dem gestrigen Sonntag ist die "North American International Auto Show" in Detroit für das Fachpublikum geöffnet. Im Mittelpunkt der ersten großen Automobilmesse des Jahres stehen vor allem Elektro- und Hybridantriebe.
(Bild: GM)
Seit dem gestrigen Sonntag ist die North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit für das Fachpublikum geöffnet – und die Stimmung in Motown ist so schlecht wie selten zuvor. Während etwa General Motors (GM) und Chrysler nur über Geldspritzen in zweistelliger Milliardenhöhe von der US-Regierung am Leben erhalten werden, übertrumpften sich die asiatischen Hersteller zuletzt gegenseitig mit Meldungen von Massenentlassungen, ausgedehnten Werksferien und Verlustwarnungen. Mitsubishi, Nissan und Suzuki sagten ihren Auftritt bei der ersten großen Automobilmesse des Jahres ganz ab, Honda fährt ein Minimalprogramm ganz ohne Show-Effekte, und auch Weltmarktführer Toyota hat sein Präsentationsbudget vor dem Hintergrund eines anstehenden Milliardenverlustes kräftig zusammengestaucht.
Die Strohhalme, an die sich vor allem die US-Autobauer derzeit klammern, sind nicht mehr vorrangig Fahrzeuge, die sich über Pferdestärken-Protzereien und Couch-Potatoe-Gefühle definieren, sondern Autos mit dem "Magic E" – also nach Möglichkeit rein elektromotorisch angetriebene Vehikel mit Zero Emission. Nachdem GM-Chef Rick Wagoner bereits im vergangenen Jahr die Konzernvorstellungen von der "Zukunft der Fortbewegung" erläutert und in Detroit den Chevrolet Volt präsentiert hatte, legte GM-Vice Bob Lutz gestern mit einer Cadillac-Konzeptstudie nach. Beim Cadillac Converj handelt es sich um ein zweitüriges Luxus-Coupé, welches das "Range-Extender"-Antriebskonzept des Chevy Volt verpasst bekommen soll. Lithium-Ionen-Batterien sorgen dabei für eine Reichweite von rund 65 Kilometern. Ist der Akku leer, kann er von einem kleinen Verbrennungsmotor wieder aufgeladen werden. Auch dann erfolgt der Antrieb rein elektromotorisch.
Ford, das von den Big Three der amerikanischen Automobilindustrie derzeit noch am besten dasteht, kündigte in Detroit eine breit gefächerte Elektro-/Hybridfahrzeug-Strategie an: Im kommenden Jahr soll ein rein elektromotorisch betriebener Van auf den Markt kommen, ein Jahr später ein entsprechender Pkw, und ab 2012 sollen die ersten Plug-in-Hybridfahrzeuge der Marke Ford vom Band rollen. Bei der Entwicklung des Elektro-Pkw, der eine Reichweite von mehr als 160 Kilometer haben soll, kooperiert Ford mit dem größten kanadischen Autoteile-Hersteller Magna International. Als Zielgröße beim Absatz nannte Ford-Vizepräsident Derrick Kuzak zunächst 5000 bis 10.0000 Fahrzeuge pro Jahr. Chrysler will bis zum Jahr 2013 insgesamt vier Elektromodelle vertreiben, wobei noch nicht genau feststeht, welches Modell den Anfang machen wird. Nach dem Chrysler Voyager, dem Jeep Wrangler und dem Dodge Circuit wurden in Detroit nun auch der Jeep Patriot und die Designstudie Chrysler 200C als potenzielle Elektroantrieb-Kandidaten vorgestellt.
Toyota zeigt auf der NAIAS die dritte Generation des Hybrid-Überfliegers Prius, der ab 2010 auch als Plug-in-Version und mit Lithium-Ionen-Batterien erhältlich sein wird. Zudem stellen die Japaner unter dem Namen FT-EV eine reine Elektrofahrzeug-Studie auf Basis des Kleinstwagens iQ vor. Das BEV (Battery-Electric-Vehicle) soll vor allem Pendler ansprechen, die täglich bis zu 80 Kilometer zurücklegen. Einschließlich der Nobel-Marke Lexus will Toyota künftig insgesamt zehn Modelle im Portfolio haben, die von einer Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor angetrieben werden. Auch Honda plant eine deutliche Ausweitung des Hybrid-Angebots und vertreibt nach dem Civic zunächst die neue Insight-Generation mit Mild-Hybrid, die im April auf den Markt kommt. 2010 soll der Hybrid-Flitzer CR-Z (Compact Renaissance Zero) folgen, ein Jahr später dann eine Hybrid-Version des erfolgreichen Kleinwagen-Modells Jazz.
Und die deutschen Hersteller? Die setzen vor allem auf Spritspartechniken und Dieselantriebe. Allerdings zeigt Mercedes in Detroit gleich drei "seriennahe" Studien der neuen B-Klasse mit verschiedenen Elektro-/Hybrid-Antrieben: Der BlueZERO E-Cell kommt mit einem reinen Elektroantrieb daher, während die Versionen E-Cell Plus und F-Cell zusätzlich einen Verbrennungsmotor beziehungsweise eine Brennstoffzelle zur Stromerzeugung an Bord haben. BMW ist mit einem Achtzylinder-Hybrid der 7er-Reihe vertreten. Ein dominierendes Thema der Messe ist zudem die Frage, woher die ganzen Akkus kommen sollen, die bei Elektro- und Hybridantrieblern zur Speicherung der Energie benötigten werden. Einfach mehrere tausend herkömmliche Lithium-Ionen-Akkus hinter dem Fahrersitz zu verbauen, wie es das kalifornische Unternehmen Tesla bei seinem Roadster macht, dürfte nicht der Königsweg sein. General Motors zumindest sicherte sich für seine Volt-Antriebe jetzt die Dienste von LG (Lucky GoldStar) Chemical, Südkoreas größtem Chemiekonzern.
Den Plänen zufolge soll Compact Power, ein Tochterunternehmen von LG Chemical künftig lediglich Einzelzellen liefern, die von GM dann zu fertigen Battery-Packs verbaut werden. Um den Auftrag für die Batterieversorgung des Chevy Volt hatte sich auch die deutsche Continental AG gemeinsam mit der US-amerikanischen A123Systems beworben. Letztere hat gerade beim US-Energieministerium einen Kredit in Höhe von umgerechnet 1,36 Milliarden Euro aus dem 25 Milliarden Dollar schweren "Advanced Technology Vehicle Manufacturing Incentive Program" beantragt, mit dem die Regierung der Vereinigten Staaten die Automobilindustrie unterstützt. Mit dem Geld will das Unternehmen in Michigan eine Fabrik für Batteriesysteme mit mehr als 14.000 Beschäftigten aufbauen, deren jährliche Produktion ab dem Jahr 2013 zur Versorgung von rund 5 Millionen Hybridfahrzeugen und einer halben Million Elektrofahrzeugen mit Lithium-Ionen-Akkus reichen soll. (pmz)