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Was war. Was wird.

Zivilklauseln? Ach, was interessierts, wenn das Militär zahlt, Hauptsache die Kohle stimmt. Oder was interessierts die deutsche Regierung in ihrer vollendeten NSA-Schlafmützigkeit, von Bürgerrechtlern ermahnt zu werden, wundert sich Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Eine Woche, in der ein Wundertäter und Weisheitslehrer wie Nelson Mandela gestorben ist, kann keine gute Woche sein. Der Mann, der mit Hilfe der CIA ins Gefängnis wanderte, dessen Tod von britischen Jung-Konservativen gefordert wurde, hatte gelernt, den auch von ihm propagierten Hass zu überwinden, weil dieser den Kopf vernebelt. "Ich wusste, dass der Unterdrücker ebenso frei sein muss wie der Unterdrückte. Ein Mensch, der einem anderen Menschen seine Freiheit raubt, ist Gefangener seines Hasses." Häftling Nummer 46664 lebte 27 Jahre in Gefängnissen und widerstand allen Versuchen der weißen Unterdrücker, ihn zu brechen. Südafrika ist ohne seinen "Mkhulu" alleingelassen, heißt es in den Nachrufen. Gegen die Albernheiten eines duschenden Präsidenten Zuma sei mit Bill Gates daran erinnert, wie Mandela sich im Kampf gegen HIV/AIDS engagierte, der über Afrikas Zukunft entscheidet. Ob Frontex auch eine Gedenkminute wie in Australien vorgeschlagen wurde? Ehrenvolles Gedenken? Nur mit Amy

*** Ivan und sein Bruder kümmern sich um Daten auf USB-Sticks. Ivan berechnet, wieviel die Sticks speichern können. Jason kauft sich einen MP3-Player und einen Kopfhörer, weil er den günstigen Rabatt berechnen kann. Jean Baptiste fotografiert Pinguine und berechnet die Größe ihrer Eier. Nur Olivia ist zu doof und schafft es nicht, mit ihrem Taschenrechner 155+86+79 zu addieren. Das sind die Rechenaufgaben der neuen PISA-Studie, die in dieser Woche mit Liveticker vorgestellt wurde, komplett mit den üblichen Plattitüden über ein Deutschland, das aufholt. Dazu gab es Artikel über die Angst von Mädchen vor der Mathematik.

*** Derweil strahlen die Jungs, weil ihr Weihnachtsgeschenk da ist und langsam eingepackt werden kann: die erste Version des Fahrplans zum Hackerkongress des Chaos Computer Clubs ist draußen. Zwar gibt es Stimmen von Mädchen, die den virtuellen Auftritt von Julian Assange problematisieren, doch werden sie forsch abgebügelt: unterfordert sind die Mädels, und Hacken, das können sie überhaupt nicht. Aber noch ist nicht aller Tage Ende, die schönsten Creeper Cards sind noch nicht entworfen, ob im schicken Gelb wie Amendts "Sexfront" oder im Rot der RAF-Texte. Grün braucht eigentlich niemand, denn auch beim Fußball werden keine Schmusekärtchen verteilt.

*** Noch nicht abschließend beantwortet ist außerdem die in der Debatte aufgeworfene Frage, ob Hacker Helden brauchen und ob Assange aus dem Holz ist, aus dem man Helden schnitzt. Derweil ist ein bisher unbekannter Chat kurzzeitig auf einer Seite der US-Armee aufgetaucht, der von US-Ermittlern auf der Festplatte von Chelsea Manning gefunden wurde. Der Soldat chattet dabei mit pressassociation@jabber.ccc.de, ein Name, hinter dem Assange vermutet wird. So kann man lesen, wie versucht wird, Manning zum Kauf eines Cryptophones ("bit pricy though") zu überreden und man bei Wikileaks von einem Actionfilm über Wikileaks schwärmt. Wenn das nicht beste Werbung für GSMK und Inside Wikileaks - die Fünfte Gewalt ist.

*** Jungs und Mädchen haben es nicht leicht in diesen modernen Zeiten, in denen Menschen in immer brüchigeren Systemen leben wie dem der Familie. Die "natürliche" starke Bindung der Kinder an Vater und Mutter sei futsch, stattdessen regiere das Leistungsdenken. So müssten sich Kinder die Bestätigung durch Papa und Mama erst hart erarbeiten. Gibt es wirklich keinen Halt mehr in der kalten Welt? Aber "natürlich" gibt es den, wir sind schließlich bei Burdas und lesen vorweihnachtlich verzückt: Medien können Sinn und Gemeinsamkeit stiften, der gemeinsame Fernsehabend der Familie kann dabei einen "Lagerfeuer-Effekt" erzeugen, bei dem nur noch das Stockbrot fehlt. Auch wenn in der besagten Familienstudie etwas anderes steht: "Wenn ich Fernsehen gucke, guckt meine Mutter ganz oft in ihr Laptop". Die Studie stammt übrigens von einer tiefenpsychologisch forschenden Firma, die behauptet, dass Frauen anders ticken – und dazu nur Frauenbeine zeigt. Wie wäre es mal mit angewandter Hackerforschung? Da liegt ein unbekannter Konsumentenmarkt abseits des Matesaufens.

*** Glaubt man der gelben Presse, ist die Britin Sarah Harrison das Bindeglied zwischen den beiden berühmtesten digitalen Dissidenten der Welt, als da sind Julian Assange und Edward Snowden. Wie Dr. Kimble ist sie laut Titel "auf der Flucht vor Amerika", was natürlich nicht stimmt. Vor Amerika flieht Edward Snowden und, nach seiner eigenen Einschätzung, Julian Assange. Im Interview stellt Sarah Harrison zwar klar, dass sie wegen der britischen Behörden und des weitgefassten Anti-Terrorgesetzes lieber in Berlin bleibt. Aber sie macht dafür aus ihrem Heimatland einen monströsen oder vormodernen Staat: "Jede Aktion, die eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellt und geeignet ist, das Verhalten der Regierung zu verändern, kann als Terrorismus ausgelegt werden. Der Kampf um das Frauenwahlrecht und die politischen Proteste dafür wären nach heutiger Lesart Terrorismus." Harrison, die nach eigener Aussage ein regelmäßiges Gehalt von Wikileaks bezieht, zweifelt im Interview genau wie ihr Arbeitgeber die Haltung von Pierre Omidyar an. "Wie soll man etwas ernst nehmen, wenn hinter der Plattform jemand steht, der die Finanzblockade von Wikileaks mitgetragen hat?" Auch so kann eine Filterblase aussehen.

*** Wenn sich ehemalige DDR-Bürgerrechtler über die NSA äußern, wird wieder einmal die ganze Schlafmützigkeit der aushilfsweise weiter amtierenden Regierung deutlich. Ja, die Anschuldigungen sind vom Tisch und die NSA tut ja viel Gutes, gewissermaßen Wertarbeit seit 1981 und rettet Leben: "Dadurch konnte im Durchschnitt jede Woche ein Anschlagsversuch verhindert werden." Wenn einem so viel Gutes widerfährt, ist es nicht zuviel verlangt, die Adventszeit mit der NSA zu feiern und jeden Tag ein kleines Überwachungstürchen zu öffnen. Oder sollte es doch gescheiter sein, das Crowdfunding für GnuPG zu unterstützten, das zu Weihnachten starten soll?

Was wird.

Wenn am Dienstag in Schweden die Nobelpreise feierlich verliehen werden, können sich die Chemiewaffenkontrolleure freuen. Mit dem Friedensnobelpreis und dem alternativen Nobelpreis haben sie gleich zwei Mal eine hohe Auszeichnung erhalten. Auch die weiteren Preisträger stehen für ein engagiertes Leben als Wissenschaftler. Man kann noch forschen, ohne vom US-Militär bezahlt zu werden. Deshalb sei hier an die Stellungnahme des FIfF erinnert, der weiter darauf drängt, dass Zivilklauseln an deutschen Universitäten eingehalten werden.

Der Wind of Change ist manchmal eine üble Flatulenz aus dem Gedärm der Überwachungsfreunde, bei der man nicht sein Feuerzeug schwenken sollte. Bekanntlich kommt mit der schwarzroten Koalition ein ganz eigenes Lüftchen angschwebt, angefangen mit der Mindestspeicherfrist von drei Monaten, die man, leider, leider ja nur wegen dieser blöden EU-Vorgabe auf sechs Monate zwangsausdehnen muss, für kurze Zeit. Neue Aufgaben warten auf die Forscher. Wie kann denn etwa die verfassungskonforme Gestaltung des "Bundestrojaners" aussehen, den wir dringender denn je brauchen. Etwas weiter weg sind die Berliner Sicherheitsgespräche über den ausgespähten Bürger. Der Ausrichter der Begleitshow ist von der GPEC bekannt, einer für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Messe, bei der Firmen wie Syborg ihre Überwachungssoftware oder Rohde & Schwarz ihre IMSI-Catcher zeigen. Endlich geht es voran, die Sicherheitslücke wird mit Geld gestopft.

Dort wo es etwas billiger sein soll, wird künftig die Bundeswehr aktive Soldaten in ordentlicher Kampfmontur in die Asyl-Ämter abkommandieren, um Fingerabdrücke abzunehmen und die Antragssteller im Original-Kasernenton aufzuklären. Das ist nämlich, ich muss mich für den Hinweis bedanken, ist aktiver Kampf gegen den Rassismus und Mafia. Man brülle mir nach: "Eine tatsächlich missbräuchliche Verwendung des Asylantragsrechts, etwa durch falsche oder unvollständige Angaben oder Vorlage falscher Dokumente im behördlichen Asylverfahren steht den öffentlichen Interessen entgegen, zumal sie die Kosten von Gemeinde und Staat erhöht und tendenziell der Ausländerfeindlichkeit und der Entstehung krimineller Strukturen Vorschub leisten kann." Wie war das noch mit dem Asyl von Snowden?

Nein, ich verlinke die Scorpions nicht, nein, nein, ich mag einfach nicht. Lieber singe ich beim Higgs Boson Blues ein bisschen mit. (jk)