Burnout der Biedermeier

Wir leben in einer neuen Biedermeierzeit. Sicherheit ist ein "Supergrundrecht", Erfahrungen müssen möglichst steril sein, sonst haben wir Angst vor ihnen. Zeitgemäß präsentiert BMW die Funktion "Smokey Burnout" im kommenden M3.

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„Wenn man Nachrichten liest, braucht man kein Titanic mehr lesen“, sagt mein alter Kollege Maik Schwarz immer. Wissen tut das jeder, der sowohl den Postillon als auch Spiegel Online im täglichen Nachrichten-Stream hat: Selbst von Medienfachleuten sind die Überschriften beider Objekte nicht mehr auseinander zu halten. Es ist aber auch schwierig, Satire zu machen, wenn echte Nachrichten so aussehen: „Von der Leyen will Bundeswehr noch mehr für Frauen öffnen.“

Konsequent diese Entwicklung begleitend liefen über den Titanic-Ticker dieser Tage eine Reihe echter Nachrichten, die von Satire wohl einfach nicht mehr getoppt werden konnten. Währenddessen stand bei den ehemalig ernsten Nachrichtenmagazinen folgendes Juwel: „Die Funktion Smokey Burnout erlaubt, bei rollendem Fahrzeug die Hinterräder bis zu einem gewissen Grad durchdrehen zu lassen.“ In bedankenswerter Vorpressearbeit schrieb BMW diesen Satz ins Pressematerial zum kommenden M3/M4, auf dass wir ihn alle breit zitieren.

Burnout der Biedermeier (4 Bilder)

Demnächst in Serie: automatische Absauganlage für Reifenabrieb-Feinstaub, Abschaltung der "Smokey Burnouts" bei zu geringem Restprofil und selbständige intravenöse Einspritzung von Klosterfrau Melissengeist, sobald der Puls bedenklich steigt.

Die Bayern stehen damit nicht allein. Die gleiche Funktion soll der 2015er Ford Mustang bieten. Vielleicht heißt die Fahrhilfe dann ABC für „Automatic Burnout Control“, was in schöner Weise gleichzeitig für die Beliebigkeit des Akronym-Marketings stehen würde. Dann fehlt eigentlich nur noch XYZ („Crossaxle Yaw Zeroing“). Chevrolet muss demnächst mit dem Camaro nachziehen in Sachen Burnout-Kirmes, denn das tragische Wesen des Camaro besteht nun einmal aus dem Mustang nachziehen.

Das Interesse der Kunden setze ich voraus. Wie ein anderer Kollege (Ralf Steinert) bemerkte, leben wir gerade in einer Art Neobiedermeierzeit. Wir ziehen uns ins Häusliche, Kontrollierbare, Bürgerliche zurück, weil die Welt da draußen mit ihrer sich als immer seltsamer herausstellenden Physik und NSA uns verängstigt, weil sie uns ohnmächtig erscheinen lässt. Wir sind unpolitisch und lassen uns deshalb am liebsten von Mutti regieren. Die macht nichts, also auch nichts falsch. Zensur finden wir toll, wie jede Straßenumfrage zeigt. Wieso haben wir damit je aufgehört? Das war doch gut!