Wie stark darf ein Auto schimpfen?
Einschmeichelnde Fahrassistenten sollen uns den Einzug des Oberlehrers ins Auto akzeptabler gestalten. Doch Obacht! Die EntmĂĽndigung der Fahrer geht weiter.
- Martin Kölling
Der neue Honda Hybrid Insight hat einen Lehrer an Bord. Ein kleines Farbspiel im Tacho soll uns Fahrer zum benzinsparenden Fahren erziehen. Doch der Pauker kommt geradezu sanftmütig daher. Vom freundlichen grün für umweltengelgleiches Dahingleiten bis zum dezenten Dunkelblau für wasserfallartig benzinverbrauchendes Bleifußfahren reicht das Farbspektrum nur. Warnende Farben wie Rot oder Gelb sucht man vergebens. Die dezenten Töne seien Absicht, sagte mir ein Honda-Ingenieur. "Wir Ingenieure hätten gerne grün bis gelborgange gehabt, aber die Manager im Entwicklungszentrum haben uns gesagt, wir sollten nicht so aggressiv mit den Fahrern schimpfen." Also wurde das beruhigende Blau gewählt.
Mir zeigt der Zwist im Honda-Entwicklungslabor eines: Die Autohersteller suchen verzweifelt nach Wegen, wie sie uns die immer merkbarer in unsere Fahrautonomie eingreifenden Wichtel unterjubeln können, ohne dass die Fahrer aufmucken. Antiblockiersystem und elektronische Schlupf- und Stabilitätskontrollen, ja damit konnten sie selbst die in manuelle Schaltungen vernarrten deutschen "Freie-Fahrt-für-freie-Bürger"-Fanatiker ohne weiteres überzeugen. Schließlich versprachen die Systeme, den Wagen auch bei temporeichen Kurvenfahrten länger sicher auf der Straße zu halten. Juchhei!
Aber nun beginnen die Autos, das Fahrerverhalten zu kontrollieren, am Gurt zu zupfen, wenn man zu nah auffährt, vor Übermüdung zu warnen, Gegenzulenken beim Spurwechsel, wie erwähnt zum benzinsparenden Fahren aufzufordern oder in Zukunft gar gegen das Gaspedal zu drücken.
Das Dreinreden des Oberlehrers Auto ist weit schwerer zu schlucken. Daher sollen die Lehrmeister nicht mir erhobenen Zeigefinger im Cockpit Einzug erhalten, sondern sich einschmeicheln, haben die Hersteller entschieden. Mit der Zeit an sie gewöhnen sollen wir uns, so dass uns der letzte Schritt zum richtigen "Automobil", dem selbstfahrenden Wagen, nicht ganz so arg schwer fällt.
Um die Akzeptanz noch mehr zu erhöhen, appelliert Honda sogar gezielt an den Sportsgeist. So können die Käufer von Hondas Navigationssystem (samt Clubmitgliedschaft) an einer Art Grüner-Fahren-Wettbewerb teilnehmen. Das Auto speichert den Durchschnittsverbrauch nicht nur intern, sondern übermittelt die Fahrdaten auch an den Navi-Club. Der Fahrer kann dann sehen, wie sich sein Verbrauch entwickelt und wie umweltfreundlich er im Vergleich zum Rest der japanischen Honda-Flotte dahinfährt.
Das ist löblich. Ich selbst bemühe mich auch um vorausschauendes Fahren (wenn ich mir denn überhaupt einmal ein Auto miete, in Japan fahre ich meist mit der Bahn und dem Taxi). Dennoch behagt mir der Trend zum dreinredenden und letztlich zum Roboterauto nicht. Ich mag selbstbestimmtes Handeln. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass viele Menschen die Lehrer im Cockpit akzeptieren werden, auch wenn es in Deutschland vielleicht etwas länger als in Japan dauern wird. Denn der Reiz des Systems ebenso wie der erzieherische Effekt werden durch die Verbindung von Ermahnung und Ermunterung meines Erachtens recht groß sein. So groß, dass sich viele Menschen freiwillig dem Auto immer weiter unterordnen werden.
Für Trotzköpfe ein kleiner Trost: Das System lässt sich abschalten, wenigstens bislang noch. Und wenn auch das irgendwann nicht mehr geht oder das Auto das Fahren ganz übernimmt, bleiben für selbstgesteuerte Geschwindigkeitsrennen wohl nur noch zwei Möglichkeiten: Umsatteln aufs Fahrrad. Oder ein Fahrsimulator. (wst)