Ohne Schlips für Wirtschaft und Umwelt

Pünktlich zum G8-Gipfel kommt Japans Cool-Biz-Kampagne zum Klimaschutz. Erstes Opfer: die Krawatten der japanischen Elite. Das nächste könnte Europas Industrie sein.

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Von
  • Martin Kölling

Endlich – pünktlich zum Klima-G8-Gipfel läüft sie wieder, Japans Cool-Biz-Kampagne. Mit der beweist Japan im dritten Jahr in Folge, dass Klimaschutz Spass machen und die Wirtschaft stimulieren kann, und gibt mir eine tolle Entschuldigung, ohne Krawatte bei Interviews mit Japans Wirtschaftsführern zu erscheinen. Denn von Anfang Juni bis Ende September hat die Regierung den Krawattenzwang in der vermeintlich so steifen Gesellschaft aufgehoben und ihre Insulaner aufgerufen, sich luftig und locker zu kleiden, damit die sommerliche Hitze in den Büro- und Amtsräumen Klima schonend nur auf 28 Grad heruntergekühlt werden muss.

Ministerpräsident Abe lebt Cool Biz vor: Seit Freitag lässt er die Anzüge im Schrank und tritt nur noch im Hemd auf. Nun will er hemdsärmelig sogar die Welt mit seinem Programm „Cool Earth“ retten, das eine Halbierung der globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 vorsieht.

So putzig die Titel klingen und die Maßnahmen sich zumindest bei Cool Biz auch ausnehmen – Japan meint es ernst mit Klimaschutz. Hinter den Massnahmen stecken keine grüner Spinner, sondern erzkonservative Vertreter des Großkapitals wie Abe. Für die ist Klimaschutz Industriepolitik pur. Bezeichnenderweise setzt in Japan nicht das Umweltministerium die Energieeffizienzstandards, sondern das mächtige Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti). Um nichts weniger als die Beherrschung von Weltmärkten geht es.

Erstens in der Stromherstellung: Bei Solarzellen ist Japan mit Herstellern wie Sharp, Kyocera, Sanyo und Mitsubishi schon jetzt Weltmarktführer, nun will es das Land auch bei Atomkraftwerken werden (die zwar mehr Atommüll als Kohlekraftwerke, aber weniger Kohlendioxid ausstoßen).

Zweitens in den Konsumgüterindustrien: Durch die Entwicklung energieeffizienter Produkte soll die Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Autobauer und Elektronikhersteller gestärkt werden. Abe sieht Japan schon jetzt an der Spitze. „Ich bin mir sicher, dass Japans Energiespartechnik die Beste der Welt ist“, sagte er vergangene Woche. Dann testete er einen super-sauberen Diesel japanischer Bauart, mit denen Nippons Autobauer die Vorherrschaft der Europäer in dieser Motorentechnik brechen wollen.

Der Industrie leuchten die Argumente ein. Die Wirtschaftsführer des Landes ließen sich daher nicht nur zum Start von Cool Biz mit Abe im Hemd ablichten. Selbst Toyotas Chef Katsuaki Watanabe zieht das Krawattenverbot durch und präsentierte am Montag ein neues Auto ohne Krawatte. Ansonsten treiben er und die Führer von Honda und Nissan ihre Ingenieure an, in allen Antriebskonzepten die Energiesparliga zu erobern: bei Hybridantrieben, bei supersauberen Dieseln ebenso wie Benzinern, bei Brennstoffzellen und Elektroautos.

Auch die Elektronikhersteller beanspruchen weltweit die Führung in Energieffizienz, dem Top-Runner-Programm des Meti zur Festsetzung von Energieeffizienzstandards sei dank. Mit einem simplen Mechanismus zwingt es den Unternehmen ein permanentes Entwicklungsrennen auf. Dabei fixiert das Meti keinen Mindeststandard oder Energieeffizienzklassen wie in Europa, sondern lässt die Industrie die Messlatte selbst immer höher legen. In Japan setzt das energieeffizienteste Produkt heute den Mindeststandard für die nächste Generation.

Das ist so genial und perfide, dass die Einführung dieses Prinzips in Europa scheiterte - am Widerstand der schwachen Hersteller. Sie fürchten nicht zu Unrecht, dass die Methode die technischen Marktführer bevorzugt. Die Rücksichtnahme in der alten Welt könnte sich nun bald bitter rächen. Kühlschränke von Japans Marktführer Panasonic sind deutlich Energie sparender als vergleichbare Produkte in Europa. Diesen Vorsprung will der Konzern nutzen und überlegt, seine extrem sparsamen Kühlschränke und Waschmaschinen in nicht zu ferner Zukunft auch in Europa einzuführen.

Japans Ansatz hat seinen Reiz, solange man in kapitalistischen Bahnen der Gewinnmaximierung und Verkaufssteigerung denkt. Mehr Konsum durch weniger Stromverbrauch. Konsumverzicht, wie in viele Ökologen ihn in Europa predigen, widerspricht in den Augen der japanischen Planer und Unternehmen der menschlichen Natur. Der Haken an diesem Ansatz nur ist, dass der Markt doch nicht alles zu regeln vermag.

Das haben selbst Japans wirtschaftsfreundliche Bürokraten erkannt, nachdem Japans Unternehmen im Kioto-Protokoll sich selbst zu deutlichen Kohlendioxidemissionssenkungen verpflichtet hatten, aber nun ihre Ziele deutlich verfehlen. Daher denken auch Japans Beamte jetzt darüber nach, den Unternehmen wie in der EU konkrete Energiesparziele für die Fabriken vorzugeben. Ganz ohne feste Vorgaben geht es doch nicht. (wst)