Domenica in grün
Trotz Klimakanzlerin und in Jahrzehnten eingeübtem kollektiven Müllsammelns sind uns die südlichen Nachbarn beim Klimaschutz einen Schritt voraus. Denn ein autofreier Sonntag würde in Deutschland einen Volksaufstand auslösen.
Erinnert sich noch jemand an den ersten "autofreien Sonntag" 1973? OPEC, Ölpreisschock und die leere Autobahn in Schwarzweiß um acht in der Tagesschau? Die Idee lebt fort im sonnigen Italien: Am Sonntag hatte die römische Stadtverwaltung denDomenica Ecologica ausgerufen. Obwohl die politische Bewegung der Grünen in Italien längst nicht zu der tragenden Rolle gefunden hat, die sie hierzulande erringen konnte, ist es offenbar einigen Öko-Terroristen gelungen, die Römer für einen Sonntag von ihren heiß geliebten Verbrennungsmotoren zu trennen.
Die Nachricht hinterlässt bei mir eine leichte Irritation, als ob sich eine Art Informations-Fussel zwischen den geistigen Zähnen festgesetzt hätte. Ich meine, vorsichtig ausgedrückt wird man ja besonders im Süden als zumindest leicht versponnen angesehen, wenn man erklärt, das man nicht mit dem eigenen PKW anreist. Und das hat unter anderem damit zu tun, dass das Land im allgemeinen nicht für die Qualität seines öffentlichen Verkehrswesens bekannt - der Versuch, längere Strecken mit Bus oder Bahn zurückzulegen, gleicht oftmals einer Zen-Übung in Geduld.
Und jetzt dass: Der Italiener und die Italienerin schlendern ganz entspannt über die Piazza, halten ein Pläuschchen mitten auf der Kreuzung und brauchen für die Siesta endlich nicht mehr das Knattern der Motorroller wegzudrücken. Und in Deutschland? Rollt der Verkehr ungehindert weiter, bläst CO2, Stickoxide und Feinstaub in den Spätsommerhimmel. Und das bedeutet, trotz deutscher Führungsrolle in Sachen Umweltschutz, trotz Klimakanzlerin und in Jahrzehnten eingeübtem kollektiven Müllsammelns sind uns die südlichen Nachbarn in dieser Hinsicht einen Schritt voraus. Denn ein gleich lautender Plan würde in Deutschland einen Volksaufstand auslösen. Abgeschlagen. Mal wieder. Ausgerechnet von den Italienern.
Apropos Abgeschlagen: Die Kollegen von Treehugger vermuten, dass ein Fußballspiel wesentlich zum Erfolg dieses Ereignisses beigetragen haben dürfte: Die Straßen und Plätze der Stadt waren vollgestellt mit Stühlen, damit auch ja niemand auf das auf Großbild-Leinwänden übertragene Spiel verzichten musste. Aber das macht gar nichts. Wie sagte doch unser ehemaliger Kanzler Helmut Kohl so schön: "Es zählt, was hinten raus kommt". (wst)