Eine Radtour durch Europa, ein Film über Maker (Teil 5)
Madison Worthy und Miriam Engle durchqueren auf ihrer Radreise durch die Maker-Szene Europas Frankreich im Hochsommer und besuchen unterwegs Maker und ihre Fab Labs von Paris bis Toulouse.
- Miriam Engle
- Peter König
Circa sechs Wochen vor dem dramatischen Finale der Tour de France in Paris erreichten Madison Worthy und Miriam Engle ebendiese Stadt, auf ihren generalüberholten Fahrrädern, nachdem sie die majestätisch glänzende Champagne durchreist hatten. Miriam hatte ihre Schulter verletzt, als sie mit ihrem Rad in einen Bach gefahren ist, also war die eine Woche Pause sehr willkommen, die die beiden in Paris genossen.
Das FacLab befindet sich in der Universität Cergy-Pontoise in Gennevilliers, direkt im Norden von Paris. Es ist für die Öffentlichkeit zugänglich und bietet mehr als 200 m² Platz. Seine Leitung arrangierte eine Versammlung anlässlich unseres Besuchs und lud Betreuer und Nutzer aus der Pariser Maker-Szene ein, zu einer ehrlichen Diskussion über die Zukunft der Bewegung. "Ich glaube, was jetzt gerade fehlt, ist eine Vernetzung in der Fläche", sagte Olivier Gendrin, im Jahr 2012 der erster Manager von FacLab. "Deshalb sprechen wir in Frankreich über die Veranstaltung von regionalen Zusammentreffen." Er hat die Vision eines Verband von Fab Labs in Frankreich, was den Labs bei der Zusammenarbeit helfen könnte, etwa, indem sie sich über erfolgreiche Organisationsmethoden austauschen.
Mit dabei im FacLab waren unter anderem Ophelia Noor, eine Journalistin, die seit Jahren die Maker-Bewegung dokumentiert, Antonin Fournier, der heutige Betreuer des FacLab, Andy Kwok, Betreuer von Le Petit FabLab de Paris, Anthony Jahn, Mitglied von vielen Fab Labs und Makerspaces in Paris, Nicolas Barrial, ein Reporter bei Makery, der Pariser Quelle für DIY-Nachrichten, Sophia Manseri, Stadträtin in Gennevilliers und mit feministischen Belangen befasst – und viele andere mehr.
Vernetzung gewünscht
Die Zusammensetzung der Gruppe änderte sich laufend und diskutiert wurden viele Themen, zum Beispiel die Beteiligung von mehr Frauen in hochtechnischen Fächern, wie man die Bewegung zu einem generellen Trend machen könnte, um ihr Potenzial zu entfalten, oder die Rolle von Fab Labs bei der Ausbildung. Antonin Fournier verwies auf den Vorteil, wenn man durch Selbermachen lernt: "Anstatt einer riesigen Klasse zu erzählen, was Programmieren ist, und dabei zwanzig Studenten zu befehlen, still zu sitzen und einen Lehrer anzuschauen, gibt man ihnen einen Arduino oder ein Stück Code und fragt sie, ob sie was zum Blinken bringen können. Dann werden sie verstehen, dass sie es schaffen können. Wenn Deine Hände arbeiten, folgt Dein Gehirn."
Self Made in Frankreich (7 Bilder)

Ophelia Noor bekräftigte einige Ansichten von Olivier Gendrin, als sie berichtete, wie sie das Wachsen der Maker-Bewegung in Frankreich beobachtet hat. "Ich habe die erste Gruppe getroffen, die Fab Labs in Frankreich aufmachte", sagte sie. "Was ich sehe: Jedes Fab Lab passt sich an seine Umgebung an. Zum Beispiel: Auf dem Land haben wir ein Netz von kleinen Fab Labs, in der Bretagne haben wir Technikschulen, die sich mit einer Graswurzelbewegung zur Wissenschaftserziehung zusammengeschlossen haben. Wirklich jede Situation ist anders, deshalb ist es schwer, das alles zu definieren. Ich glaube, dass es besser ist, wenn wir verschiedene Fab Labs haben, die unterschiedliche Methoden haben, aber zur selben Zeit ein allgemeines Ideal verfolgen."
Auf dem Weg nach Süden
Von Paris aus fuhren wir nach Südosten und radelten durch das letzte Gewitter der Tour. Sommerhitze drängte mit erstickender Bosheit auf uns zu. In Dijon sprachen wir mit der Fab-Lab-Betreuerin Laurence Lafarge und sahen das dortige Fab Lab Kelle FabriK bei zwei verschiedenen Wochenend-Festivals in Aktion: Beim Catalpa Musikfestival in Auxerre, an dem vier regionale Fab Labs teilnahmen, und bei der Alternatiba in Dijon, einer Messe für die Nachhaltigkeit. Bei ersterem trafen wir Pascal Minguet, der sehr geholfen hat, das Netz von ländlichen Fab Labs in Burgund zu gründen, von dem Ophelia Noor uns berichtet hatte. Pascal lud uns ins 40 km südlich gelegene Beaune ein und wir waren bei der Eröffnung eines neuen Labs dabei, das durch eine Schenkung der Kreisverwaltung möglich wurde: Sie stellte ein riesiges historisches Gebäude mit 400 m² Platz zur Verfügung. Obwohl es unglaublich heiß war, war eine Menge Leute gekommen, um Pascal zuzuhören, als er die Vorteile einer gemeinschaftlichen Werkstatt für digitale Herstellung darlegte.
Nach einer kleinen Pause in Lyon fuhren wir weiter südlich, nach Montpellier. Wir radelten durch die heißesten Tagen des Jahres. Temperaturen um 40°C zehrten unsere Kraft auf und wir fühlten uns schlapp wie verkochte Pasta. Wir waren deshalb unglaublich froh, das LABSud in Montpellier zu erreichen. Dort trafen wir Mitglieder mit verschiedenstem Hintergrund, etwa den Musiker Aurélien Bontemps, der bei LABSud Gitarren für seine Firma entwirft und herstellt. Er erzählte uns: "Normalerweise arbeite ich eher traditionell, aber mit den Möglichkeiten, die das Fab Lab bietet, braucht es weniger Zeit, alles zu schaffen, was ich schaffen muss. Hier habe ich zum ersten Mal einen Lasercutter benutzt. Ich hoffe, noch viel mehrer Sachen mit den Maschinen hier im Fab Lab machen zu können."
An die Pyrenäen
Wir schummelten etwas und nutzten eine Mitfahrgelegenheit für einen Tagestrip nach Toulouse, um Artilect, das erste und größte Fab Lab Frankreichs, zu besuchen. Sehr viele Leute hatten darauf bestanden, dass wir Artilect unbedingt sehen müssten, und in letzter Minute haben wir einen Weg gefunden, den Abstecher zu schaffen. Die Projektkoordinatorin Constance Garnier hat viel über die Zukunft des Fab-Lab-Netzes nachgedacht, sowohl in Bezug auf Frankreich, aber auch in der ganzen Welt. "Mal angenommen, dass die Katastrophe, über die die Leute reden, passieren wird," sagte sie. "Angenommen, dass die ökologische Situation schlimmer wird, dass es riesige Immigrationswellen geben wird, weil Teile der Erde einfach nicht mehr bewohnbar sind, dass sich die Wirtschaft nicht mehr erholt – wenn die Dinge so stagnieren, ist es vielleicht nicht mehr an der Zeit, von einer Krise zu reden. Vielleicht ist es dann auch keine Krise, sondern ein Übergang. [...] Wir wissen jetzt, dass Fab Labs funktionieren, und vielleicht sollten wir eher global darüber nachdenken, welche Wirkung wir entfalten möchten und wie wir teilhaben können an dieser ganzen Dynamik."
Apropros Übergang: Constance lieferte genau den Übergang, den wir suchten, bevor wir Frankreich verließen und weiter nach Barcelona fuhren, dem letzten Stopp unserer Radtour. Jetzt, wo die Fab-Lab-Bewegung ihr zweites Jahrzehnt erlebt, wird es Zeit, sich entschlossener auf ihre Auswirkungen zu konzentrieren. Ausbildung stand im Fokus der ersten Dekade, aber was soll jetzt, in der zweiten Dekade, das Zentrum bilden? "Ökologie", sagte Constance, ohne zu zögern. Ökologische Nachhaltigkeit ist ein klarer und schöner Traum für das 21. Jahrhundert. Und gerade Barcelona versprach letztes Jahr bei der Fab10-Konferenz die erste Fab City der Welt zu werden, konkret: in den nächsten vierzig Jahren komplett nachhaltig zu werden. In Montpellier mit unseren Fahrrädern wiedervereinigt sprangen wir in den Sattel und fuhren den letzten 400 km zu unserem Ziel, glücklich über positive Visionen für eine nachhaltige Zukunft des Planeten.
- Auf Madulthood findet Ihr weitere Geschichten und Fotos.
(pek)